Kinder und Teenager mit Genderdysphorie fühlen sich in ihrem Geschlecht als Mädchen oder Junge nicht wohl, leiden darunter und möchten so aussehen und behandelt werden, als gehörten sie zum anderen Geschlecht. Manche nehmen irgendwann Hormone und lassen sich operieren, um ihrem „Wunschgeschlecht“ zu entsprechen. Medizinische Transition nennt sich das. Logisch wäre, wenn es den Betroffenen danach besser ginge und sie glücklicher ihr „wahres Selbst“ leben könnten. Doch eine Studie aus Finnland lässt daran zweifeln. Denn auch nach Hormonen und Operation brauchen viele weiterhin Hilfe vom Psychiater, sogar mehr als vor der Transition. Die Autoren werteten Daten von 18.726 Menschen unter 23 Jahren aus dem finnischen Gesundheitsregister aus. Darunter waren 2083, die sich zwischen 1996 und 2019 in der Genderdysphorie-Sprechstunde zweier Unikliniken vorgestellt hatten. Schon davor ging es ihnen psychisch deutlich schlechter als ihren Altersgenossen: Sie waren dreimal so häufig in psychiatrischer Behandlung gewesen. Jeder Zweite hatte sich einer Psychotherapie unterzogen, in der Vergleichsgruppe war es nur gut jeder Sechste. Es ist schon länger bekannt, dass junge Menschen mit Genderdysphorie häufig psychische Probleme haben. Je nach Studie sind davon 20 bis über 80 Prozent betroffen. Am häufigsten treten Angststörungen, Depressionen, ADHS, Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten auf. „Die Studie zeigt erneut, wie wichtig es ist, zu klären, was Kinder oder Teenager psychisch belastet, bevor man eine eingreifende Therapie startet“, sagt Alexander Korte. Er war bis März 2026 leitender Oberarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Ludwig-Maximilians-Universität in München und arbeitet aktuell als Gutachter. Korte war auch Mitglied der Leitlinien-Kommission zur Behandlung von Genderdysphorie und kritisierte – wie auch eine Gruppe von Universitätsprofessoren – das sogenannte affirmative Vorgehen, das manche Kollegen in der Leitlinie verwirklicht sehen wollten. Das bedeutet, dass man das Kind in seinem Gefühl, im „falschen Körper“ zu sein, bestärkt, was dann in Hormontherapie und Operation enden kann. Wolle ein junger Mensch die Transition, müsse man erst mal herausfinden, warum er das möchte, sagt Korte. „Vielleicht sucht er eine Erklärung, warum er sich ständig niedergeschlagen fühlt oder ängstlich ist oder warum er gemobbt wird. Da es heute den Hype um Trans gibt, meint er, das sei bei ihm auch der Fall, und sieht die einzige Lösung in einer Transition – aber die löst dann seine psychischen Probleme nicht.“ Das legt auch die neue Studie nahe. Unter denen, die sich behandeln ließen, nahm der Bedarf an psychiatrischer Therapie nicht ab, sondern zu. Zwei Jahre oder länger nach dem Sprechstundentermin waren fast zwei von dreien in psychiatrischer Behandlung, während der Anteil bei den Altersgenossen gleich blieb. Auffällig war, dass die jüngeren Jahrgänge mit Genderdysphorie vor dem Termin doppelt so häufig in psychiatrischer Behandlung gewesen waren wie die älteren Jahrgänge. Das weise darauf hin, so die Autoren, dass sich immer mehr junge Menschen mit psychischen Problemen in Gender-Sprechstunden vorstellen. „Wer sich im eigenen Geschlecht unwohl fühlt, darf nicht darauf hoffen, dass Hormone oder eine Operation psychische Probleme lindern oder gar beseitigen“, sagt Korte. Warum die Therapie den Betroffenen nicht geholfen habe, darüber lasse sich nur spekulieren. Zum einen könnte es sein, dass die eigentliche Ursache der psychischen Probleme nicht erkannt und nicht behandelt wurde. „Das Grundproblem blieb und verstärkte sich womöglich ohne adäquate Therapie.“ Möglicherweise verursachte aber auch der einschneidende Eingriff und das Leben in einem anderen Geschlecht mehr psychische Probleme. Kortes Tipp für Betroffene nach einer Transition, die dann immer noch leiden: „Gehen Sie zu Ihrem ehemaligen Psychiater, oder suchen Sie sich einen neuen, und informieren Sie sich bei Selbsthilfegruppen. Es gibt auch jetzt noch Möglichkeiten, mit Psychotherapie Ihre Beschwerden zu lindern.“
