Sie ist Boomerin, er gehört der Generation Z an. Was beide verbindet? Sport, Kultur und Politik. Bei ihrem ersten Treffen waren Steffen Luhn und Lydia Fratzer gemeinsam laufen. „Lydia hat vorgeschlagen, eine Radtour zu machen oder joggen zu gehen. Da war ich direkt dabei“, sagt Luhn. Eineinhalb Stunden sind sie gelaufen, vom Huthpark über den Lohrberg bis ins Frankfurter Nordend. „Ich habe ihn reden lassen. Sicherheitshalber“, scherzt Fratzer. „So habe ich es gut geschafft.“ Kennengelernt haben sich der 28 Jahre alte Student und die 66 Jahre alte Rentnerin bei einem Treffen des Studentenprojekts YOLD, das Tandems zwischen Senioren und Studierenden vermittelt. Ein Jahr ist das nun her, noch immer treffen sie sich regelmäßig. Von Anfang an sei er begeistert gewesen, wie offen die Rentnerin für neue Aktivitäten gewesen sei, sagt Luhn. „Wir haben damals alle zusammengesessen und Wikingerschach gespielt. Lydia war total aktiv und hat direkt mitgemacht.“ Beim Wikingerschach sind die Figuren Holzblöcke, die es umzuwerfen gilt. Für Fratzer eine neue Erfahrung: „Ich kannte das Spiel vorher gar nicht“, sagt sie. Von dem Projekt habe die Frankfurterin im Newsletter der Stiftung Polytechnische Gesellschaft gelesen, kurz nachdem sie in Rente gegangen war. „Ich habe einen Sohn, der in München lebt, und habe noch keine Enkelkinder“, sagt Fratzer. „Da hatte ich Kapazitäten frei, und es hat mich einfach interessiert, wie das heutige Studentenleben so ist.“ Sie selbst hat in den Siebzigerjahren Geschichte, Philosophie und Germanistik studiert, damals noch auf dem Uni-Campus in Bockenheim. Jahrelang arbeitete sie in der IT-Branche, früher als Programmiererin, zuletzt als Vertriebsleiterin. „Ich habe die Sachen, die ich studiert habe, all die Jahre nicht gebraucht“, sagt Fratzer. „Das hole ich jetzt nach.“ Der Einsamkeit im Alter entgegenwirken Mit Luhn geht sie ins Theater oder in Ausstellungen, auch über Politik sprechen die beiden. „Vor allem, wenn ich mich über etwas aufrege oder wissen will, was Steffen als junger Mensch darüber denkt“, sagt Fratzer. Im vergangenen Jahr waren sie gemeinsam in der Schirn-Kunsthalle, auf dem Weihnachtsmarkt in Wiesbaden und bei einem Vivaldi-Konzert in der Dreikönigskirche. „Wir haben gemerkt, was für krasse Interessenüberschneidungen wir haben“, sagt Luhn. Dazu gehört auch die Liebe zum Fußball, beide sind Fans der Eintracht. „Vielleicht lade ich sie mal ins Stadion ein, aber im Moment läuft es ja nicht so gut.“ Fratzer habe auch schon Hausarbeiten von ihm Korrektur gelesen. Luhn studiert Politikwissenschaft und ist über einen Umweg an die Goethe-Universität gekommen. Nach dem Realschulabschluss hat er zunächst eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht, drei Jahre in dem Beruf gearbeitet und schließlich angefangen, Politikwissenschaft in Frankfurt zu studieren. Gerade schreibt er seine Bachelorarbeit, auch den Master will er dort machen. Als Stipendiat des Deutschlandstipendiums war er Teil des Projektteams von YOLD, das im vergangenen Jahr die Studenten mit den Senioren zusammengebracht hat. YOLD ist ein Akronym und setzt sich aus den englischen Begriffen für Jung und Alt zusammen. Der Student Simon Schaugg hat im Oktober 2024 gemeinsam mit seinen Mitstipendiaten das Projekt ins Leben gerufen. Im Rahmen des Deutschlandstipendiums entwickeln sie an ihren jeweiligen Universitäten Projekte als Bestandteil des ideellen Förderprogramms. Das damalige Motto: Stadt der Zukunft. Die Projekte sollten die Stadt sozialer, nachhaltiger und lebenswerter machen. Die Idee für das Projekt sei ihm während eines Seminars in seinem Studienfach Psychologie gekommen, sagt Schaugg. Dort habe er sich mit Gruppendynamiken als Gesundheitsfaktor auseinandergesetzt. „Einsamkeit hat Auswirkungen auf die Gesundheit, die vergleichbar mit Rauchen sind und mit körperlichen und psychischen Erkrankungen einhergehen können“, sagt der Dreiundzwanzigjährige. Besonders ältere Menschen sind von Einsamkeit betroffen, wie das Einsamkeitsbarometer des Bundesfamilienministeriums zeigt. Daraufhin seien er und seine Mitstipendiaten auf die Idee gekommen, generationenübergreifende Tandems zu vermitteln. Kein klassisches Mentoring-Programm Im vergangenen Jahr fand die erste Runde statt, mit 20 Teilnehmern und zehn daraus resultierenden Tandems. Das Projekt steht allen Studenten offen, auch Altersgrenzen für Senioren gibt es keine. Die Projektgruppe organisierte drei Gemeinschaftstreffen, auf denen sich beide Seiten kennenlernen konnten. Einmal seien sie ins Restaurant gegangen, ein anderes Mal im Park Boule spielen gewesen, sagt Schaugg. Gerade läuft die Anmeldephase für die zweite Runde, im Mai soll das erste Gemeinschaftstreffen stattfinden. Angemeldet sind bisher rund 40 Leute, 20 Tandems lassen sich daraus zusammenstellen. Schaugg ist mittlerweile Mentor der Stipendiaten, die das Projekt in diesem Jahr organisieren. Das Deutschlandstipendium wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert und ist mit jährlich mehr als 600 Stipendiaten an der Goethe-Universität eines der größten Programme in Deutschland. Um ihre Projekte in die Tat umzusetzen, bekommen die Studenten Fördergeld. Die Projektgruppe von YOLD wolle sich in Zukunft aber auch anderweitig um Zuschüsse bemühen, um Ausflüge oder gemeinsame Museumsbesuche anbieten zu können, sagt Schaugg. Auch er war im vergangenen Jahr Teil eines Tandems. Mit seinem Tandempartner, einem Rentner Anfang 60, sei er öfter Wein oder Kaffee trinken gewesen, habe sich mit ihm über Literatur ausgetauscht. Der Rentner sei früher Chefarzt für Neurologie und Psychiater gewesen. Für Schaugg als Psychologiestudent besonders spannend, „da ich einfach viel nachfragen konnte bei jemandem, der jahrelang in dem Beruf und mit Patienten gearbeitet hat“. Trotzdem soll in dem Projekt vor allem der persönliche Austausch im Vordergrund stehen. „Wir sind bewusst kein klassisches Mentoring, das die Karriere ankurbeln soll. Bei uns geht es um die Begegnung an sich, unabhängig davon, wer was geleistet hat“, sagt Schaugg. „Rentner sind Menschen, die wahnsinnig viel erlebt haben und viel Erfahrung mitbringen, aber gesellschaftlich oft eher als Belastung wahrgenommen werden, um die man sich jetzt auch noch kümmern muss.“ Gemeinsame Interessen statt Vorurteile Bei den Senioren nehme er oft aufrichtiges Interesse und auch Neugier wahr: Was machen junge Leute heutzutage? Welche Themen beschäftigen sie? Und wie blicken sie auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen? Von den Älteren nähmen viele teil, „die frisch in Rente sind und Zeit haben oder einfach auch später noch fit und interessiert sind“. Die jungen Teilnehmer erhofften sich dagegen vor allem Erkenntnisse für die berufliche Orientierung und interessierten sich für die Lebenserfahrung der Senioren. Manche hätten auch einfach jemanden für gemeinsame Unternehmungen gesucht. So wie Luhn und Fratzer. „Es gibt ja diese Vorurteile über die Boomer und die Gen Z“, sagt Luhn. „Aber man sieht, dass es schon sehr viele gemeinsame Interessen gibt und man Leute treffen kann, mit denen man auf einer Wellenlänge ist.“ Fratzer sage ihm immer, welche Ausstellung sie gut finde oder welches Buch sie ihm empfehlen könne. Die beiden wollen auch in diesem Jahr wieder an den Gemeinschaftstreffen teilnehmen. „Ich finde es einfach sehr inspirierend, zu erfahren, was junge Leute beschäftigt. Wie gefordert sie heutzutage im Studium sind“, sagt Fratzer. Bei den Treffen habe sie sich immer wohlgefühlt, die Studierenden seien gegenüber den Senioren stets offen und wertschätzend gewesen. Einmal habe sie etwas sagen wollen, als in der Gruppe durcheinandergeredet wurde. Daraufhin habe einer der Studenten sie angesprochen und gefragt, ob sie etwas mit der Gruppe teilen wolle. „Das war total aufmerksam“, sagt Fratzer. „Da habe ich direkt gedacht: Meine Güte, was sind das für tolle junge Menschen.“ Interessierte können sich anmelden unter www.yold.info
