FAZ 20.05.2026
15:50 Uhr

Gastbeitrag: Bankenregulierung braucht neuen Schliff


Die USA werden den Bankensektor weiter deregulieren, Europa muss nachziehen.

Gastbeitrag: Bankenregulierung braucht neuen Schliff

Was sich seit mindestens einem Jahr angedeutet hat, wird nun Gewissheit: „Die USA werden die Eigenkapitalanforderungen für Banken reduzieren.“ Dies kündigte kürzlich Michelle W. Bowman, Vice Chair for Supervision des Board of Governors der Fed, mit Blick auf die Basel-III-Umsetzung an. Die geplanten Änderungen am Eigenkapitalrahmen „beseitigen sich überschneidende Anforderungen, passen die Kalibrierungen an das tatsächliche Risiko an und führen zu einer effizienteren Regulierung und zu Banken, die besser in der Lage sind, das Wirtschaftswachstum zu unterstützen.“ Die punktuellen Anpassungen werden zu Kapitalerleichterungen zwischen 4,8 Prozent bei Großbanken und 5,2 Prozent bis 7,8 Prozent bei mittelgroßen Instituten führen. Damit ist offiziell, dass die USA Basel III nicht so umsetzen werden, wie es ursprünglich in Basel vereinbart war. Das insbesondere von europäischen Aufsehern immer betonte Ziel eines global einheitlichen Regulierungsstandards ist mithin obsolet. Die USA werden deregulieren. Sie werden Basel III so umsetzen, dass es ihren Finanzinstituten nicht schadet, beziehungsweise besser gesagt, dass diese von den Anpassungen sogar profitieren. Dieser Fokus auf die heimische Finanzwirtschaft fehlt bislang in Europa. Hier wird offiziell weiterhin an der erfolgten Eins-zu-eins-Umsetzung von Basel festgehalten. Das ist nicht nachvollziehbar. Was Regulierung und Aufsicht benötigen, ist ein Mindset, wie es jetzt die US-Regulierer an den Tag legen – eine Anpassung, die die Bankenregulierung sach- und risikogerecht ohne Verlust des erreichten Sicherheitsstandards ausgestaltet, zugleich aber die Wettbewerbs- und – noch wichtiger – Leistungsfähigkeit der Kreditwirtschaft für die Realwirtschaft in den Blick nimmt. Dass die deutschen Kreditinstitute resilient sind, haben sie während der zahlreichen Krisen der vergangenen Jahre eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Das ist nicht zuletzt ein Ergebnis der Regulierung seit der Finanzkrise. Auch Politik und Aufsicht bestätigen diese Robustheit des Bankensystems immer wieder öffentlich. Gleichwohl sollen die Kapitalanforderungen als Folge der Umsetzung von Basel III in der EU in den nächsten Jahren weiter stark ansteigen – in Deutschland bis 2032 um weitere bis zu 20 Prozent, im Einzelfall auch mehr –, und das gerade in eher risikoarmen Geschäftsfeldern. Punktueller Handlungsbedarf Es geht ausdrücklich nicht darum, Kapitalentlastungen zu erreichen, wie sie nun den US-Instituten in Aussicht stehen. Die Kreditwirtschaft weiß um den Wert der nicht zuletzt über Basel III erreichten Stabilisierung des Finanz- und Bankensystems. Sie plädiert allerdings nachdrücklich für einen Regulierungsrahmen, der einer veränderten Realität gerecht wird, und für ein Einfrieren der Kapitalanforderungen auf dem aktuellen Niveau. Es besteht aber punktueller Handlungsbedarf – allem voran beim Output-Floor, dem wesentlichen Treiber der steigenden Kapitalbelastung in Europa. Angesichts des engmaschigen aufsichtsrechtlichen Rahmenwerks und der heute bereits hohen Kapitalquoten ist eine Fixierung des Output-Floors auf seinem Einstiegsniveau von 50 Prozent geboten. Mit dieser vergleichsweise geringfügigen Anpassung würde das Basel-III-Regelwerk nicht infrage gestellt, gleichzeitig würde aber der anerkannt guten Kapitalisierung der Institute Rechnung getragen und weiterer Eigenkapital-Aufwuchs im „Autopilot-Modus“ verhindert. Zudem würde der Floor damit endlich die Rolle bekommen, die ihm ursprünglich auch mal in Basel zugedacht war: die eines Backstops in der Kapitalunterlegung, nicht die einer zentralen Steuerungsgröße. Wohnimmobilien im Blick Anpassungsbedarf besteht auch bei der regulatorischen Behandlung von Wohnimmobilienkrediten. Diese weisen historisch niedrige Ausfallraten auf. Das rechtfertigt eine dauerhafte regulatorische Privilegierung. Dass schließlich ausgerechnet die für den Wohnungsneubau und die energetische Sanierung notwendigen Finanzierungen, sogenannte ADC-Engagements, mit einem Risikogewicht von 150 Prozent – identisch zu bereits ausgefallenen Forderungen – belegt werden, ist unverständlich und sollte korrigiert werden. Denn das für diese politischen Projekte benötigte Kapital wird in Europa unweigerlich wesentlich von der Kreditwirtschaft bereitgestellt werden müssen. Die USA machen vor, wie man die Bankenregulierung gestaltet, ohne Institute und Volkswirtschaft zu überfordern. Europa soll gar nicht so weit gehen, muss sich das aber zum Vorbild nehmen und Basel III zumindest auf dem aktuellen Stand einfrieren und punktuell korrigieren, wenn die Leistungsfähigkeit der Banken im Sinne der Realwirtschaft vor dem Hintergrund der riesigen gesellschaftlichen Herausforderungen gestärkt werden soll. Der Autor ist Hauptgeschäftsführer des Verbands deutscher Pfandbriefbanken (vdp).