FAZ 29.05.2026
08:27 Uhr

GNTM-Finale 2026: „Na, heute schon geweint?“


Erstmals findet das GNTM-Finale in Kalifornien statt – und erstmals weiß jeder schon, wer auf dem finalen Cover landet. Pro Sieben lässt sich die Cringe-Festspiele mit viel Fremdscham trotzdem nicht nehmen.

GNTM-Finale 2026: „Na, heute schon geweint?“

Stellen Sie sich mal vor, Sie quälen sich sechs Wochen lang durch eine Fußballweltmeisterschaft. Sie ertragen Kleinode der Langeweile wie Österreich gegen Jordanien und bejubeln sogar artig ein 0:0 zwischen der DR Kongo und Usbekistan. Und dann, wenn die Welt endlich auf das große WM-Finale blickt, veröffentlicht die FIFA am Vortag versehentlich die Broschüre: „Finalsieg gegen England! Weltmeister ist: Frankreich!“ Spannung weg, Emotionen weg, Vorfreude weg, Überraschungseffekt weg, Drama weg, drei Monate Vorspiel umsonst. Katastrophe. Und dann wird das Finale auch noch von Heidi Klum kommentiert. So etwa fühlt sich der Teil der Nation, der am Donnerstag zur Finalshow von „Germany’s Next Topmodel“ antrat. Wahrscheinlich kein so großer, denn das Fachblatt „Harper’s Bazaar“ hatte versehentlich bereits am Vortag Magazine mit Covern der Gewinner Aurélie und Ibo verschickt. Geheimhaltung ist schwierig, wenn einer der zwölf „Harper’s Bazaar“-Abonnenten einen Tiktok-Account hat. Ein Bärendienst. Oder wie Thomas Hayo sagen würde: „A Bear Service!“ Mit erheblich lädiertem Erwartungsmanagement geht es also um 20.15 Uhr los. Bereits die ersten Minuten offenbaren das gigantische Dilemma der TV-Branche: Es gibt noch keine KI, die einen fähigen Bildregisseur ersetzt. Nach der Aufzeichnung Ende Februar hatte Pro Sieben drei Monate Zeit, das Finale zu einem rasanten Fashion-Potpourri zu machen, liefert nun aber ein Endprodukt ab, als hätte ein Eichhörnchen auf Speed den Schnitt übernommen. Sie kennen die Quoten ja noch nicht Es gibt aber auch Lichtblicke. Pro Siebens zweitbeliebtestes TV-Gesicht nach Simon Gosejohann hat in Moderationstraining investiert. Nach Jahren der Kritik an substanzlosen Fragen für die Kandidaten („Wie fühlst du dich?“) hat Heidi Klum sich für dieses Jahr einer progressiveren Gesprächsführung verschrieben. Sie begrüßt die Finalisten mit „Na, heute schon geweint?“ Die Antwort lautet: „Nein.“ Warum auch, sie kennen die Quoten ja noch nicht. Das Finale findet erstmals in Kalifornien statt. Leider hatte Pro Sieben kein Budget für ausufernde Reisekosten. Daher sind weder die traditionelle Ex-Kandidatinnen-Elite aus 20 Staffeln GNTM noch per Zufallsentscheid eingeladene Influencer in der Halle. Das Publikum besteht aus 25 Gästen der Finalisten und ein paar Hundert bezahlten Claqueuren aus Los Angeles, die kein Wort der deutschen Moderation verstehen. Die Stimmung ist trotzdem auf stabilem Megaparkniveau, wenn dort Mia Julia auftritt, die Heidi Klum des Stimmungsgesangs. Vier Finalisten haben ihre Familie einfliegen lassen. Ibo hat Freunde dabei. Bei Godfrey reicht es nur für einige Ex-Mitstreiter. Heidi Klum, der Markus Lanz der moderativen Kreischtherapie, widmet sich investigativ der Zwillingsschwester der späteren Siegerin Aurélie, der sie ein behütetes Familiengeheimnis entlockt: „Ich bin eine Minute älter!“ Sofort spürt Klum eine transzendentale Verbindung: „Das ist beim Bruder von meinem Mann genauso!“ Toll, Bill Kaulitz ist also auch eine Minute älter als Aurélie. „Man merkt, du hast eine Persönlichkeit gekriegt!“ Der Vater von Anna hingegen ist offenbar Fettnäpfchentester und analysiert die GNTM-Zeit seiner Tochter mit der Komplimentattrappe: „Man merkt, du hast eine Persönlichkeit gekriegt!“ Wobei, so schlimm ist das nicht. Persönlichkeit ist gut. Viele GNTM-Teilnehmerinnen sind ja schon froh, wenn sie einen Lockenwickler und keinen Anschiss von Rankin bekommen. Als die ersten Stargäste aufgerufen werden, ist sofort Unruhe im Saal: Sind Dr. Rick und Dr. Nick jetzt bei „Prince Charming“? Sind dann aber nur Dean und Dan von Dsquared2. Sie spendieren die Final-Walk-Garderobe. Die ist so fashionable, Heidi Klum stößt in alter Finaltradition vor lauter Erregung wieder Quietschlaute aus, als wäre ihr das Ego von Godfrey auf den Fuß gefallen. Gegen 21 Uhr dann der erste Höhepunkt der Show: Thomas Hayo. Der weltweit einzige Creative Director mit Denglish-Diplom muss ansatzlos in den Deeptalk mit Heidi Klum. Woher er wohl die Inspiration für seine grenzgrandiosen Shootingideen nähme, will Miss Bergisch-Gladbach wissen. Vollprofi Hayo pariert diplomatisch mit einem nonchalanten „Inspiration kommt von überall“. Heute zum Beispiel aus Filmen. Hayo hat zur Vorbereitung einige Alfred-Hitchcock-Klassiker gebingt und inszeniert sein Shooting mit den Finalisten als Hommage an den Kultfilm „Der unsichtbare Dritte“. Einen Oscar für die Finalisten? Damit das Plagiat nicht zu auffällig wird, mogelt Hayo noch einen Hauch „Mission: Impossible“ rein und lässt am Ende alles explodieren. Außer vielleicht die Einschaltquoten. Zur Entschädigung liefert er aber bereits nach einem knappen Drittel der Finalshow den besten Gag des Abends: „Ibo und Godfrey hätten einen Oscar verdient!“ Das ist ein bisschen so, als würde GNTM den Friedensnobelpreis erwarten. Ach ja: Tony und Daphne werden bereits kurz nach der Burlesque-Eröffnungssequenz aussortiert. Aber das wussten wir Ibo/Aurélie-Leak-Opfer ja bereits. Stichwort Quoten: In den Werbepausen, traditionell in der Länge eines üblichen Medizinstudiums, sieht man Wayne und Annemarie Carpendale häufiger als jeden Finalisten. Das ist auch der Grund, warum meine GNTM-Whatsapp-Gruppe ehemaliger GNTM-Teilnehmerinnen beherzt zum Zapping greift. In diesem Kontext erfahre ich, dass parallel zum Finale auf ZDF Info eine Doku läuft, wie Bakterien für die erste Katastrophe der Erdgeschichte verantwortlich waren. Ein sogenannter Full Circle Moment. Drüben die erste Katastrophe der Geschichte, hier bei Pro Sieben die neueste. Gesangseinlagen von Demi Lovato und Nicole Scherzinger Die dann immer noch verbleibende Stunde bis zur Verkündung der bereits vor Anpfiff des Finales bekannten Gewinner Aurélie und Ibo füllt Pro Sieben mit zwei knapp zehnminütigen Gesangseinlagen von Demi Lovato und Nicole Scherzinger, einem Gastauftritt von Adriana Lima sowie einem fremdschamgeschwängerten Interview mit den Vorjahressiegern Daniela Djokic und Moritz Rüdiger. Um die Cringe-Festspiele für immer in den Panikerinnerungen der zu dem Zeitpunkt immer noch ausharrenden Zuschauer zu manifestieren, lässt Klum kurz vor Schluss Tränendrüsenbriefe der Familie an die verbliebenen Finalisten verlesen. Einige Schluchzmomente später bleibt das Faszinierendste am gesamten Abend die Vorstellung, wie irgendwann irgendwer in einem trostlosen Konferenzraum in Unterföhring das Konzept zu diesem Finale vorgestellt hat – und dann die Pro-Sieben-Chefetage entschied: „Bravo, Freunde! Das ist geniale TV-Unterhaltung! So machen wir das!“ Zur Überraschung aller, die bis 22.00 Uhr im Koma lagen, ruft Heidi Klum um 22.18 Uhr Aurélie zu Germany’s Next Topmodel aus. Das Kapitel „Die peinlichsten TV-Leaks“ ist um eine Legende reicher, Eurowings um eine Flugbegleiterin ärmer. Dass Aurélie an den Servierwagen zurückkehrt, ist unwahrscheinlich. Zu viele Shoppingmalls in Sachsen-Anhalt wollen eröffnet werden. Flankiert wird sie dabei von, ach was: Ibo. Die letzte Frage, die Heidi Klum an diesem Abend stellt, lautet: „Habt ihr schon euer Cover gesehen?“ Ibo verneint. An diesem Abend ist er der Einzige, der sein Cover noch nicht gesehen hat. Wer auch mal neben Heidi Klum stehen möchte, kann sich übrigens schon jetzt für die 22. Staffel bewerben, die im Februar 2027 startet. Wer es in die Top 20 schafft, erhält als Bonus eine evidenzbasierte Bewertung im Rahmen dieser Fachkolumne. Also: Viel Glück und bis Februar!