FAZ 05.06.2026
19:23 Uhr

Frankreich: Der Linkspopulist für die Generation Z


Jean-Luc Mélenchon ist der Senkrechtstarter in Frankreichs linken Lager. Warum ist der Politveteran bei jungen Leuten so beliebt?

Frankreich: Der Linkspopulist für die Generation Z

Von einem solchen Wahlkampfauftakt können jüngere Kandidaten nur träumen. Der 74 Jahre alte Gründer der französischen Linkspartei, Jean-Luc Mélenchon, ist in wenigen Wochen zum führenden Kandidaten im linken Parteienspektrum avanciert. Er hat sozialdemokratische Anwärter wie auch die grüne Kandidatin abgehängt. Mélenchon begeistert mit seinem Slogan eines „neuen Frankreichs“ besonders die Generation Z, die Wähler zwischen 18 und 24 Jahren.  58 Prozent dieser Altersklasse haben ein positives Bild von ihm, bei den 50- bis 64-Jährigen sind es 14 Prozent. Laut jüngsten Umfragen liegt der linke Politikveteran mit 16 Prozent in der Wählergunst auf dem dritten Platz und nur noch einen Prozentpunkt hinter dem rechtsbürgerlichen Kandidaten Édouard Philippe mit 17 Prozent. Den Spitzenplatz halten weiterhin Jordan Bardella und Marine Le Pen. Politische Beobachter schließen nicht mehr aus, dass es Mélenchon gelingen könnte, sich im nächsten Mai für die entscheidende Stichwahlrunde zu qualifizieren. Er könnte von der Zerrissenheit der bürgerlichen Mitte am meisten profitieren. Der abtrünnige Sozialist, der 2016 seine Partei mit dem vielsagenden Titel „Das unbeugsame Frankreich“ begründete, ist ein erfahrener Wahlkämpfer. Schon dreimal stemmte er einen Präsidentenwahlkampf. 2022 verfehlte er knapp den Einzug in die Stichwahl. Lateinamerikanische Revolutionsromantik kommt gut an Das Besondere an diesem Wahlkampf bildet die gekonnt inszenierte Zusammenarbeit einer Gruppe junger Mitstreiter mit dem ergrauten Kandidaten. Mélenchon gilt als störrisch und autoritär. Dieses Image will er mit seinem Team aus jungen LFI-Abgeordneten wie Clémence Guetté und Sophia Chirikou abschütteln. Bei jungen Wählern kommt seine lateinamerikanische Revolutionsromantik gut an. Er beutet geschickt das Lebensgefühl einer Generation aus, die vom globalisierten Kapitalismus ernüchtert ist, noch bevor sie auf den Arbeitsmarkt strebt. Frankreich hat nie gänzlich mit der marxistischen Prägung gebrochen, die Generationen von Lehrern, Professoren und Intellektuellen beseelte. Die Französische Revolution bleibt gemeinhin ein positiv besetztes Ereignis und bestärkt gerade junge Franzosen in dem Eindruck, dass sie zum Umsturz der bestehenden Verhältnisse berufen sind. Mélenchon verspricht eine „Bürgerrevolution“ mit einer neuen, weniger präsidialen Verfassung. In seinem „neuen Frankreich“ sollen die Vermögenden stärker besteuert, die Medienmacht von Milliardären wie Vincent Bolloré oder Bernard Arnault zerschlagen und der Reichtum zwischen Kapital und Arbeit neu verteilt werden. Den Klimawandel führt er auf „die herrschenden Klassen“ zurück, die aus seiner Sicht viel zu lange auf fossile Energien gesetzt haben. Von der liberalen Marktwirtschaft hält der frühere Trotzkist ohnehin wenig. In einer Fernsehsendung sagte er kürzlich, die Welt sei während des Kalten Krieges sicherer als jetzt gewesen, „wo der Kapitalismus überall ist“. Unter seiner Führung soll Frankreich aus der NATO austreten. Die transatlantische Allianz diene nur dem Zweck, „uns unter die Vormundschaft der Vereinigten Staaten zu stellen“, behauptete er auf Tiktok. Mélenchon plädiert stattdessen für „Frieden mit Russland, Iran, China, Algerien und Gaza“. Den Vorwurf, er stütze Präsident Putins autokratisches Regime in Russland, weist er zurück. Er habe sich mit russischen Oppositionellen getroffen. Der Ukrainekrieg gehe Europa nichts an, sagte er in einem Interview mit französischen Internetzeitungen und Influencern. Er sei eine innere Angelegenheit Russlands. „Ich habe nie so recht verstanden, was es mit diesem Anspruch auf sich hat, künstlich ein Land wie die Ukraine zu schaffen“, meinte er. Werben um muslimische Wähler Mélenchon folgen Millionen in den sozialen Netzwerken. Das Meinungsforschungsinstitut Odoxa veröffentlichte kürzlich eine Rangliste, wonach Mélenchon mit mehr als vier Millionen Erwähnungen den Spitzenplatz auf der Linken einnimmt. Der sozialistische Parteivorsitzende Olivier Faure kommt nur auf knapp eine halbe Million. Ein Kreis von etwa dreißig Spitzenbeamten berät Mélenchon. Sie nennen sich Phryger, um auf häretische Lehren im frühen Christentum anzuspielen. Die Gruppe der Phryger bereitet Strategien vor, wie Frankreich sich EU-Verpflichtungen verweigern kann, ohne die EU zu verlassen. Seine erste Wahlkampfkundgebung hat Mélenchon am Sonntag in Saint-Denis geplant. In der Stadt im Norden von Paris, wo die französischen Könige in der Basilika ihre letzte Ruhe gefunden haben, liegt der Einwandereranteil bei 38 Prozent. Im März wurde dort erstmals ein LFI-Bürgermeister mit malischen Wurzeln gewählt. Mélenchon preist diese „Kreolisierung“ und hat öffentlich bedauert, dass er nicht Arabisch spricht. Er hat beherzigt, was die linke Denkfabrik Terra Nova 2012 vergeblich der Sozialistischen Partei empfohlen hatte: Er umwirbt gezielt Wähler mit Einwanderungshintergrund. Bei den Präsidentenwahlen 2022 stimmten laut einer Wahlanalyse 69 Prozent der muslimischen Wähler für ihn. Er hat sich eine Wählerbasis aufgebaut, die aus jungen Akademikern und Einwanderungsfranzosen besteht. Seine geharnischte Israelkritik, die nicht selten mit Toleranz für antisemitische Anspielungen einhergeht, hat die Sympathien im universitären Milieu verstärkt. Sogar an der Elitehochschule Sciences Po in Paris greift diese Strategie.