FAZ 12.05.2026
14:06 Uhr

Frankfurter Gesichter: Warum ein Hirnforscher digitale Unsterblichkeit für denkbar hält


Moritz Helmstaedter ist Direktor des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung. Über die Fortschritte in seinem Fach staunt er manchmal selbst.

Frankfurter Gesichter: Warum ein Hirnforscher digitale Unsterblichkeit für denkbar hält

Moritz Helmstaedter hält jetzt manches für möglich, was er vor einigen Jahren noch als Science Fiction abgetan hätte. Zum Beispiel, dass beliebige Erinnerungen über Elektroden ins menschliche Gehirn eingespeist werden könnten. Oder dass sich alle im Hirn gespeicherten Informationen auf einen Computer herunterladen lassen. So etwas, sagt der Direktor des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, werde nicht morgen oder übermorgen passieren. Aber vielleicht in einigen Jahrzehnten. Körperliche Unsterblichkeit wird dem Menschen wohl nie gewährt werden. Aber man könnte sich vorstellen, Wissen und Wesen aus dem Gehirn auszulesen, es digital zu konservieren und dieser virtuellen Persönlichkeit durch künstliche Sprach-, Sinnes- und Bewegungsorgane zum Ausdruck zu verhelfen. Angesichts der jüngsten wissenschaftlichen Fortschritte „kann ich nicht sagen, das ist alles Quatsch“, meint Helmstaedter. Sollte es eines Tages zu solchen Schöpfungsakten kommen, könnten er und seine Frankfurter Kollegen ihren Anteil daran haben. Deutschland ist nach den Worten des Leibniz-Preisträgers auf dem Gebiet der Connectomics „absolut an der Spitze“. Dieser Forschungszweig versucht, die Gesamtheit der Nervenverbindungen in einem Gehirn – das Konnektom – darzustellen und zu verstehen. Für das Hirn der Fruchtfliege ist das schon gelungen, bei den weit komplizierteren Denkorganen der Maus und des Menschen immerhin in Teilen. Gehirnvermessung für 20 Milliarden Euro Helmstaedter, Jahrgang 1978, hält es für denkbar, dass bis zum Ende seines Berufslebens ein vollständiger Schaltplan des menschlichen Gehirns erstellt wird. Vorstellbar sei dies dank verbesserter Elektronenmikroskopie, die eine immer präzisere Darstellung von Nervengeflechten erlaube, aber auch durch Künstliche Intelligenz, die im Handumdrehen Datenmengen verarbeite, mit deren Auswertung früher Hunderte Studenten beschäftigt gewesen seien. Der Professor schätzt, dass die komplette Kartierung des menschlichen Gehirns zehn bis 20 Milliarden Euro kosten würde. Das ist eine Summe, die nur sehr wenige reiche Privatleute aufbringen könnten. Die Frage ist, ob sie auch die nötige sittliche Reife mitbrächten, um mit den Resultaten des Projekts verantwortungsvoll umzugehen. Bei manchen Staatslenkern etwa in China und den USA kann man dies ebenfalls nicht voraussetzen. Helmstaedter findet es daher wichtig, sich schon jetzt mit den gesellschaftlichen Konsequenzen der Hirnvermessung auseinanderzusetzen. Deutschland und die Max-Planck-Gesellschaft könnten eine Vorreiterrolle beim Formulieren ethischer Standards einnehmen. Denn dort weiß man, welche Folgen Wissenschaft ohne Gewissen haben kann: In der Vorgängereinrichtung des Frankfurter Instituts wurden während der NS-Zeit Gehirne von „Euthanasie“-Opfern seziert. Die gesellschaftliche Dimension seiner Arbeit treibt Helmstaedter immer wieder um. Als Mann mit weitem Horizont weiß er über mikroskopische Hirnschnitte und neuronale Schaltpläne hinauszublicken. Der Vater dreier Kinder hat Medizin und Physik studiert, ist aber auch ein großer Musikfreund. Als nebenamtlicher Kirchenmusiker hat er in der Gemeinde seines Wohnorts Königstein schon den Organisten vertreten. Im Moment sitzt er öfter am Klavier, zu Hause steht ein alter Bechstein-Flügel. Bei einer Gastvorlesung in Florida hat er über Hirnforschung gesprochen und dazwischen Bach gespielt. Die Liebe zum Werk des Barockmeisters passt zu dem Grundoptimismus, den sich der gebürtige Berliner – als Junge hat er den Mauerfall erlebt – selbst bescheinigt. Trotz der Gefahren, die von missbrauchtem Wissen über künstliche und natürliche Intelligenz ausgehen, bleibt er zuversichtlich, dass technischer Fortschritt letztlich der Menschheit dienen wird: „Mit wachsamer Begleitung können wir das schaffen.“