FAZ 17.09.2026
14:15 Uhr

Frances Haugen: „Verbote sozialer Medien sind tragisch, aber notwendig“


Frances Haugen wurde als Facebook-Whistleblowerin bekannt, jetzt kommt ihre Geschichte in die Kinos. Sie spricht über Trumps „beängstigende“ KI-Politik und Mängel an Metas milliardenschwerem Vergleich in den USA.

Frances Haugen: „Verbote sozialer Medien sind tragisch, aber notwendig“

Frances Haugen wurde vor fünf Jahren als Facebook-Whistleblowerin berühmt. Sie brachte damals Tausende interner Dokumente an die Öffentlichkeit, die das Bild vermittelten, der Internetkonzern wisse viel über schädliche Inhalte auf seinen Plattformen wie Facebook und Instagram, tue aber aus Profitgier wenig dagegen. Dies brachte das Unternehmen, das heute Meta heißt, ein weiteres Mal in Erklärungsnot. Haugen trat in Anhörungen vor dem amerikanischen Kongress und dem Europäischen Parlament auf. Einige ihrer Enthüllungen wurden Gegenstand einer Serie von Klagen, die Meta bis heute beschäftigen. Haugen, die heute 42 Jahre alt ist, kam 2019 zu Facebook, vorher war sie bei anderen Internetunternehmen wie Google und Pinterest. Ihre Arbeit bei Facebook drehte sich um Falschinformationen im Zusammenhang mit Wahlen, sie kam aber bald zu dem Schluss, das Unternehmen nehme den Kampf gegen schädliche Inhalte nicht annähernd so ernst, wie es behaupte. Nach weniger als zwei Jahren kündigte sie und beschloss, Whistleblowerin zu werden. 2023 brachte sie das Buch „Die Wahrheit über Facebook“ heraus. Am 8. Oktober kommt der Film „The Social Reckoning“ in die deutschen Kinos, in dem ihre Whistleblower-Geschichte erzählt wird. Es ist eine Art Nachfolger für „The Social Network“ aus dem Jahr 2010 über die Entstehungsgeschichte von Facebook. Frau Haugen, Meta hat sich kürzlich in einem aufsehenerregenden Vergleich bereit erklärt, bis zu 18 Milliarden Dollar zu zahlen, um Klagen von US-Bundesstaaten wegen Suchtgefahren seiner Plattformen beizulegen. Sie haben als Whistleblowerin auf solche Gefahren hingewiesen. Fühlen Sie sich jetzt bestätigt? Ja. Ich finde aber auch, Meta hätte erheblich mehr Geld zahlen sollen. Wie viel denn? Eher 100 Milliarden Dollar. Sehen wir uns doch einen anderen Fall an: Meta hat in diesem Jahr einen Rechtsstreit in New Mexico verloren und soll dort mehr als 900 Millionen Dollar zahlen. Dort ging es um den Vorwurf, nicht genug zum Schutz junger Nutzer vor sexueller Ausbeutung und Menschenhandel getan zu haben. Es ging noch nicht mal um andere Dinge wie Suchtgefahren. Wenn man das also alles hochrechnet auf mehr Bundesstaaten, ergeben sich schnell viel höhere Summen. Das Gute ist ja, dass der Vergleich nicht alles abdeckt, es gibt noch immer viele offene Klagen von Schulbezirken und Einzelpersonen. Es ist also definitiv noch nicht vorbei für Meta. Was könnte Ihrer Meinung nach noch auf das Unternehmen zukommen? Es gab ja in diesem Jahr auch schon einen Fall in Los Angeles, der sich um eine einzelne Nutzerin drehte, die Meta wegen Suchtgefahren seiner Dienste verklagt hat. Hier ist Meta zur Zahlung von vier Millionen Dollar verurteilt worden. Wir müssten das nur auf einen kleinen Teil aller jugendlichen Nutzer hochrechnen und wären schon bei einer Billion Dollar. Es stehen hier also gewaltige Summen auf dem Spiel. Die Meta-Fälle werden oft mit den Rechtsstreitigkeiten verglichen, die in den Neunzigerjahren in den USA gegen Tabakkonzerne wegen schädlicher Wirkungen von Zigaretten geführt worden sind. Halten Sie das für einen treffenden Vergleich? Noch nicht. Die Tabakkonzerne haben mehr als 200 Milliarden Dollar bezahlt, das waren also ganz andere Größenordnungen als bislang bei Meta. Außerdem gab es mehr Restriktionen für ihre Geschäftsmodelle. Meta kommt im Moment noch zu glimpflich davon. Aber das kann sich angesichts der vielen ausstehenden Fälle noch ändern. Ich denke, dabei könnte auch die gegenwärtige Diskussion über die Gefahren Künstlicher Intelligenz hilfreich sein. Die Menschen sind stärker dafür sensibilisiert, dass Technologie nicht von Natur aus neutral ist. In dem Vergleich hat Meta auch Veränderungen auf seinen Plattformen zugestimmt, zum Beispiel Zeitbeschränkungen für unter Achtzehnjährige auf Facebook und Instagram. Geht das aus Ihrer Sicht weit genug? Ich finde es gut, dass es jetzt ein Zeitlimit von zwei Stunden für jugendliche Nutzer gibt. Eine Stunde wäre mir zwar noch lieber, aber bisher hatten wir gar keine Beschränkungen. Ansonsten hätte ich mir gewünscht, dass der Vergleich Veröffentlichungspflichten enthält. Es gab zum Beispiel neben mir noch einen anderen Whistleblower, der interne Studien über schädliche Inhalte auf Instagram publik gemacht hat. Dabei gab ein Achtel der befragten Nutzer zwischen 13 und 15 Jahren an, in den vergangenen sieben Tagen unerwünschte sexuelle Nachrichten erhalten zu haben. Und wie sich herausgestellt hat, haben viele der erwachsenen Absender dieser Nachrichten die Kinder über Metas Empfehlungsinstrumente gefunden. Meta hat also Einfluss auf die Situation. Und wäre das Unternehmen gezwungen, Erhebungen über die Häufigkeit solcher Nachrichten zu veröffentlichen, würde deren Zahl sehr schnell deutlich sinken. Wir sollten nicht so tun, als ob das unlösbare Probleme wären. Es sind Probleme, denen Meta keine Priorität gibt. In den Klagen, die jetzt mit dem Vergleich beigelegt worden sind, werden Sie erwähnt. Welche Rolle haben Ihre Enthüllungen gespielt? Ich bin damals an die Öffentlichkeit gegangen, weil ich nicht länger eine Komplizin sein wollte. Und ich habe gemerkt, dass einem nicht automatisch geglaubt wird, wenn man schockierende oder beängstigende Informationen ans Licht bringt. Deshalb bin ich sehr dankbar, dass die Generalstaatsanwälte der Bundesstaaten meine Informationen ernst genommen und genutzt haben. Dabei standen die von mir publik gemachten Dokumente, in denen es um Gefahren für Kinder geht, nur für einen sehr kleinen Teil meiner Enthüllungen, das waren vielleicht 2000 Seiten. Mein Schwerpunkt lag auf anderen Dingen, etwa wie Facebook zur Radikalisierung der Gesellschaft und zu ethnisch motivierter Gewalt beiträgt. Die Bundesstaaten haben aber meine Enthüllungen als Ausgangspunkt genommen, um sich weitere zwei Millionen Seiten zu beschaffen. Sie haben die Tür, die ich einen kleinen Spalt geöffnet hatte, ganz aufgestoßen. Ihre Geschichte als Whistleblowerin kommt demnächst in dem Film „The Social Reckoning“ auf die Kinoleinwand. Wie fanden Sie es, Gegenstand eines Hollywoodfilms zu werden? Es war eine ziemlich einzigartige Erfahrung. Aaron Sorkin, der Regisseur, hat sich wirklich Mühe gegeben, sich in die Materie einzuarbeiten und zu verstehen, wie das damals für mich war. Ich habe ihn in einer recht frühen Phase des Filmprojekts getroffen, und er hatte damals mein Buch dabei, das voll mit Markierungen und Haftnotizen war. Als ich den fertigen Film gesehen habe, dachte ich bei vielen Momenten. „Ja, genauso war es.“ Zum Beispiel der Prozess, sich aus diesen ganzen Dokumenten einen Reim zu machen. Jeff Horwitz, der Reporter vom „Wall Street Journal“, mit dem ich zusammengearbeitet habe, und ich haben eine Zeitlang gebraucht, zu verstehen, welche Sprengkraft das alles hat. Finden Sie, Meta-Chef Mark Zuckerberg ist in dem Film gut getroffen? Ich finde es sehr gelungen, wie der Film Mark als jemanden beschreibt, der glaubt, er könne es niemandem recht machen. Er hat ja auch selbst gesagt: Egal was sein Unternehmen tut, es wird dafür kritisiert. Mark ist so etwas wie der am meisten gehasste Vorstandschef der Techindustrie. Eine Umfrage im vergangenen Jahr hat ergeben, dass 67 Prozent der Befragten eine negative Meinung über ihn hatten. Damit hat er noch schlechter abgeschnitten als Elon Musk, und das war zu einer Zeit, in der Musk mit der Arbeitsgruppe Doge amerikanischen Behörden radikale Einschnitte verordnet hat. Ich hoffe, dass Mark sich den Film ansieht und sich fragt, ob er nicht lieber ein anderes Leben hätte. Wie meinen Sie das? Eine der wenigen Szenen in dem Film, die ich für unrealistisch halte, zeigt ihn in diesem riesigen Büro mit lauter Glaswänden und einem wunderschönen Blick, und ich dachte mir, das würde nie passieren. Er würde aus Angst vor einem Attentat nicht vor so großen Fenstern sitzen. Wenn man so unbeliebt ist, muss man immer Angst um sein Leben haben. Seine Häuser in Kalifornien und Hawaii sind wie Festungen. Kommt Zuckerberg vor allem als Schurke herüber so wie in „The Social Network“? Ich denke, er kommt als unreif herüber. Er ist nie wirklich erwachsen geworden. Seit er mit 19 Jahren Facebook gegründet hat, lebt er in einer Blase, und er ist kein voll entwickelter Mensch. Der Film thematisiert, wie sich diese Defizite auswirken. Mark hat auch einige menschliche Momente in dem Film. Er bringt zum Beispiel seine Kinder zur Sprache und erzählt, dass sie den Hass auf ihn mitbekommen. Das ist real, damit muss er jeden Tag umgehen. Und eines Tages werden seine Kinder nicht mehr zu Hause unterrichtet werden und in die Welt hinausgehen. Was passiert dann? Fühlen Sie sich selbst in dem Film gut getroffen? Ich finde, ich werde manchmal als recht gemein dargestellt. Ich mache mich oft über den Reporter lustig und behandele ihn, als habe er keine Ahnung. In Wahrheit habe ich gerade deshalb mit ihm zusammengearbeitet, weil er einer der besten Journalisten auf diesem Gebiet war. Aber er soll wohl in dem Film als die Figur fungieren, die Fragen des Publikums stellt. Ich hatte beim Ansehen des Films auch ein persönliches Aha-Erlebnis. Ich habe eine Autoimmunerkrankung, die sich bei kälterem Wetter besonders bemerkbar macht, und damit meine ich alles unter Zimmertemperatur. Deshalb lebe ich auch in Puerto Rico. Wenn ich woanders bin, trage ich immer Pulswärmer, und das tue ich auch im Film. Ich fühle mich wegen dieser Erkrankung normalerweise nicht eingeschränkt. Aber mich dann zwei Stunden lang mit Pulswärmern auf der Leinwand zu sehen, hat mir bewusst gemacht, wie das meinen Alltag beeinflusst. Hollywood scheint sich ja im Moment besonders für die Techbranche zu interessieren. Demnächst kommen auch eine Dokumentation über Elon Musk und ein Film über Open AI in die Kinos. Wie erklären Sie sich das? Ich wäre nicht überrascht, wenn es mit KI zu tun hätte. KI hat uns viel bewusster gemacht, dass wir uns mit Technologiethemen auseinandersetzen sollten. Außerdem produziert die Branche im Moment ziemlich viele beunruhigende Schlagzeilen. Manche der Dinge, die beim Prozess gegen Meta in New Mexico herausgekommen sind, waren ziemlich erschreckend. Kunst ermöglicht es uns, uns eine andere Zukunft vorzustellen. Wenn also nun solche Themen auf Interesse stoßen, ist das vielleicht ein Zeichen dafür, dass viele Menschen sich nach einer anderen Welt sehnen. Düstere Warnungen vor KI kommen in diesen Tagen sogar von KI-Unternehmen selbst wie zum Beispiel Anthropic. Mark Zuckerberg schlägt viel optimistischere Töne an und hat kürzlich in einer Art Manifest Schwarzmalerei in der Diskussion über KI beklagt. Entspricht das Ihrer Wahrnehmung von ihm? Mark verkörpert einen Technooptimismus, der an Zeiten um das Jahr 2010 herum erinnert. Dabei darf man nicht vergessen, dass er seit langer Zeit sehr isoliert ist und Leute um sich hat, die mit ihm übereinstimmen. Insofern ist er vermutlich auch recht isoliert von Menschen, die zu mehr Vorsicht mahnen, wenn es um KI geht. Er hat im Moment das Gefühl, auf diesem Gebiet im Wettbewerb hinten zu liegen, deshalb wird er alles tun, um schneller voranzukommen. Er will relevant bleiben, gerade in einer Zeit, in der sozialen Medien stärkere Regulierung droht. Diesen Technooptimismus hatte er ja auch, als er das Metaversum als das nächste große Ding angepriesen hat. Für jemanden wie ihn, der nicht einfach auf die Straße gehen kann, ohne von Menschen angestarrt oder gar angefeindet zu werden, mag es ja attraktiv klingen, zwölf Stunden am Tag in einer virtuellen Umgebung zu verbringen. Aber ich würde sagen, die meisten von uns sind lieber persönlich mit anderen Menschen zusammen. Immer mehr Länder führen Verbote sozialer Medien für Kinder und Jugendliche ein. Australien machte den Anfang, die EU will das jetzt im „EU Kids Act“ tun. Wie stehen Sie dazu? Solche Verbote sind tragisch, aber notwendig. In meiner idealen Welt würde man das Design sozialer Medien so gestalten, dass sie etwas Positives für Kinder wären, und ich halte das auch für machbar. Aber die Betreiber dieser Plattformen zeigen kein Interesse, etwas zu ändern, solange sie keine Konsequenzen fürchten müssen. Meta zum Beispiel hat erst kurz vor Australiens Ankündigung eines Verbots sozialer Medien für unter Sechzehnjährige einige rudimentäre Sicherheitsfunktionen eingeführt. Solche Funktionen sind zuvor jahrelang vergeblich gefordert worden. In der EU drohen Meta derzeit wegen möglicher Verstöße gegen das Gesetz für digitale Dienste (DSA) Konsequenzen, auch hier geht es um Suchtgefahren von Instagram und Facebook. Was halten Sie von dem Gesetz? Ich halte es bislang für den besten Ansatz zur Aufsicht über die Branche, auch wenn es bei der Umsetzung noch Kinderkrankheiten gibt. Mir gefällt daran, dass es der EU weitreichende Befugnisse gibt, den Unternehmen klarzumachen: „Wir glauben, es gibt hier bestimmte Risiken. Wie sieht euer Plan aus, damit umzugehen?“ Wie steht es im Vergleich dazu um die Regulierung in ihrer amerikanischen Heimat? Wir haben keine wirkliche Aufsicht über soziale Medien, geschweige denn über KI, und ich mache mir große Sorgen, wie die USA an KI herangehen. Unser Präsident hat ja gerade gesagt, alles, was wir zur Kontrolle von KI brauchen, sei jemand mit einem „hohen IQ“ so wie ihn. Das wäre Stoff für ein Satiremagazin, wenn es nicht so beängstigend wäre. Dabei ist Donald Trump bei Weitem nicht das einzige Problem. Wir haben keinen funktionierenden Kongress und sind kaum noch in der Lage, bedeutende Gesetze zu verabschieden. Umso mehr brauchen wir Europa und Australien und andere Länder, in denen demokratische Prozesse noch immer funktionieren. Sie haben eine knapp zwei Jahre alte Tochter. Wie wird sie das Internet einmal nutzen, wenn es nach Ihnen geht? Darüber mache ich mir viele Gedanken. Ich bin recht zuversichtlich, dass mein Mann und ich ein sicheres Umfeld für sie schaffen können. Mein Mann ist Experte für Cybersicherheit, und wir werden unser Internet genau überwachen, deshalb denke ich, dass unsere Tochter sich nicht in dunkle Ecken des Internets verirren wird, bevor sie alt genug ist, mit solchen Gefahren umzugehen. Ich bin aber nicht so optimistisch, dass das auch für ihre Freunde gelten wird, und Kinder sind ja eng miteinander vernetzt. Daher mache ich mir große Sorgen, in welcher Welt sie aufwachsen wird.