FAZ 29.05.2026
14:55 Uhr

Fraktur: Helmut Kohl und Enzo Ferrari müssen wohl in ihren Gräbern rotieren


In Italien wird ein iPhone auf Rädern vorgestellt, in der CDU wird wüst gezündelt. Zum Glück ist wenigstens Timmy noch nicht explodiert.

Fraktur: Helmut Kohl und Enzo Ferrari müssen wohl in ihren Gräbern rotieren

Geht es Ihnen nicht auch so? Man denkt, insbesondere als alter weißer Mann, dass man schon alles gesehen und erlebt hat. Und doch ereignen sich immer wieder Dinge, die man nicht für möglich gehalten hätte: im eigenen kleinen Unternehmen, in der deutschen Politik, in der großen weiten Welt. Müssen wir dafür noch Beispiele nennen, über die Sie ja ohnehin schon den Kopf geschüttelt haben? Gut, wenn Sie darauf bestehen, soll es so sein, Sie werden schon sehen, was Sie davon (nicht) haben. Was auch uns in dieser Woche völlig aus den Socken haute, war der neue Ferrari. Also dieses aufgepumpte iPhone auf Rädern, dem ein sich aufbäumendes Pferdchen (nie haben wir den Grund dafür besser verstanden) aufgeklebt wurde, damit der Hersteller für diesen Batterie-Boliden eine halbe Million Euro verlangen kann. Wie eine Kreuzung aus einem Minivan und dem Raumschiff Enterprise Das Topmodel von Tesla kann mit ähnlicher Beschleunigung und sogar der berüchtigten Furzfunktion aufwarten, kostet aber nur ein Fünftel des Preises. Wir sind sehr gespannt, ob wenigstens die reichen Chinesen die speziell für sie designte futuristische Familienkutsche sexy finden, die aussieht wie eine Kreuzung aus einem Minivan und dem Raumschiff Enterprise. Enzo Ferrari jedenfalls dürfte in seinem Grab derart rotieren, dass man versuchen sollte, einen Generator an ihn anzuschließen. Damit ließe sich der Strom für die Aufladung einer ganzen Flotte des neuen Gefährts namens „Luce“ gewinnen. Auf Deutsch heißt das Licht, hat also nichts mit Mussolini zu tun. Ähnliche Unruhe könnte auch im Grabmal Kohls aufkommen, wenn der noch mitbekäme, was gerade in seiner Partei los ist. In den Statuten des Kanzlerwahlvereins steht ja nicht, dass er möglichst oft einen neuen Kanzler wählen, sondern einen Kanzler möglichst lange im Amt halten sollte. Offenbar glauben aber manche CDUler, dass schon ein einziges Jahr ziemlich lange ist. Jedenfalls gibt es jetzt eine Diskussion darüber, ob Merz nicht in den verdienten Ruhestand gehen sollte, der nach der Rentenreform ja mit siebzig möglich sein wird. Auch ein Strohfeuer hinterlässt verbrannte Erde Wer aber hat zu den Spekulationen über den Kanzlertausch angestiftet, die im Kanzleramt ausdrücklich „wüst“ genannt wurden? Wobei, auch das wurde betont, der Gebrauch dieses Adjektivs so wenig auf den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten deuten soll wie Luce auf den Duce. Doch irgendjemand muss diese „gefährliche Lust an der Zündelei“ gehabt haben, die man im Kanzleramt ausmachte. Und selbst ein Strohfeuer hinterlässt ja verbrannte Erde. Wenn es nicht Wüst war – dann vielleicht Söder, der alte Zündler? Kaum, denn der ist voll damit beschäftigt, das Feuer zu löschen, das unter seinem eigenen Dach lodert. Laschet? Spahn? Einer der anderen Parteigranden, die sich bisher nicht oder erst jetzt zur Verteidigung des Kanzlers genötigt fühlten? In der CDU deuten sie in ihrer Erklärnot auf die üblichen Verdächtigen, also die Medien. Das war freilich gar keine Überraschung. Der Zündler in der CDU half Bärbel Bas aus der Patsche Wer auch zündelte: Er half der SPD-Vorsitzenden Bas aus der Bredouille, die ihrem Kampfnamen Bullshit-Bärbel weiter alle Ehre macht. Die letzte Bemerkung, mit der sie den zuletzt allerdings etwas nachlassenden Trump übertrumpfte, war ihr Aufruf, gegen das „Einheitsgrau“ in Deutschland zu kämpfen. Dabei weiß doch jeder, dass es seit der deutschen Einheit mit der deutschen Einheitlichkeit vorbei ist. Auch unsere Flagge zeigt schon lange nicht mehr nur Schwarz, Rot und Gold, sondern alle Farben des Regenbogens. Deswegen hätte Timmy, anders als von uns an dieser Stelle einmal vorgeschlagen, doch nicht zu unserem Wappentier werden können, denn der Wal war schon zu Lebzeiten ziemlich grau, von seinem jetzigen Zustand ganz zu schweigen. Was für ein Glück, dass wenigstens er beziehungsweise sie noch nicht so explodierte wie unsere politischen Debatten. Die Walretter wollen übrigens immer noch nicht glauben, dass es sich bei dem Kadaver um das Tier handelt, das sie gerettet hatten. Spätestens nach der Obduktion wird man aber wohl auch in diesem Fall schließen müssen, und zwar messerscharf: Es kann auch sein, was nicht sein darf.