Der Rückzug von Intel hatte an zwei Orten gleichzeitig Schockwellen ausgelöst. In Magdeburg wollte der amerikanische Halbleiterkonzern mit Unterstützung aus Berlin eine Halbleiterfabrik für rund 30 Milliarden Euro bauen. In der Nähe der polnischen Stadt Breslau sollten ebenfalls milliardenschwere Anlagen für das Halbleiter-Packaging und weitere Prozessschritte entstehen. Doch beide Projekte wurden vor zwei Jahren zunächst auf Eis gelegt und im vergangenen Jahr endgültig abgesagt. Ein Grund waren die damals noch trüben Geschäftsaussichten von Intel. Die Landesregierung in Sachsen-Anhalt hat mittlerweile die 400 Hektar große Fläche zurückgekauft, auf der Intel bauen wollte. Ein neuer Ankerinvestor für den mehr als 1000 Hektar großen High-Tech Park Sachsen-Anhalt ist aber noch nicht in Sicht. Vor der Landtagswahl Anfang September wurde im Wahlkampf auch darüber diskutiert, das Gelände künftig als Sonderwirtschaftszone auszuweisen, um Investoren mit Vergünstigungen an den Standort zu locken. Doch nach dem Wahlsieg der AfD stockt in Magdeburg neben der Investorensuche auch die Regierungsbildung. In Polen ist man einen Schritt weiter. Denn unter der Führung des taiwanischen Elektronikkonzerns Foxconn will ein Konsortium aus Taiwan im dreißig Kilometer von Breslau entfernten Miękinia auf einer Fläche von knapp 300 Hektar offenbar einen milliardenschweren Technologiepark errichten. Statt der geplanten Fabrik von Intel, die knapp fünf Milliarden Dollar gekostet hätte, könnte in Westpolen gemessen am Investitionsvolumen schon bald ein mindestens viermal so großes Projekt entstehen. Pläne sind doppelt so groß wie zunächst gedacht Bereits im Juni kündigte der Verband der taiwanischen Elektro- und Elektronikhersteller (TEEMA) auf einer Messeveranstaltung in Warschau an, dass Mitgliedsunternehmen des Verbandes wie Foxconn, CTCI oder TECO einen Technologiepark in Miękinia errichten wollen. Damals war noch von einer Fläche von 150 Hektar die Rede. Doch schon wenige Wochen später erklärte Michał Jaros, Polens stellvertretender Minister für Entwicklung und Technologie, dass sich die Investoren aus Taiwan mittlerweile für eine fast doppelt so große Fläche interessieren. Ziel sei es, das Investitionsvorhaben innerhalb von 20 Monaten zu realisieren, kündigte Jaros an. Die Details zu den Plänen für Miękinia dürften spätestens Mitte November bekannt gegeben werden. Dann findet in Warschau eine vom taiwanischen Wirtschaftsministerium und TEEMA organisierte Konferenz statt. Auf dem Programm des TEEMA Technology Park Industry Day stehen Themen wie Künstliche Intelligenz, Elektromobilität und smarte Energiesysteme. Allein Foxconn könnte in diese und ähnliche Themen bis zu 20 Milliarden Dollar in Miękinia investieren, wie die asiatische Wirtschaftszeitung „Nikkei“ in dieser Woche berichtete. Es wäre die mit Abstand größte ausländische Investition in der Geschichte Polens. Die polnische Regierung soll die Ansiedlung dem Bericht zufolge mit 7,4 Milliarden Złoty (1,7 Milliarden Euro) fördern. Foxconn gilt als größter Auftragsfertiger von Elektronik für Technologiekonzerne in aller Welt. Bekannt geworden ist er vor allem dafür, dass er für Apple die in Kalifornien entwickelten iPhones in seinen billigen Fabriken in China herstellte. Diese Arbeitsteilung haben die Taiwaner inzwischen auf viele Technologien ausgeweitet. Seit einigen Jahren treibt der Vorstandschef Young Liu das Geschäft mit Elektromobilität und Komponenten für den Aufbau von KI-Rechenzentren voran. Mit einer japanischen Tochtergesellschaft des Dax-Konzerns Daimler Truck entwickelt und baut Foxconn neue Elektrobusse, weitere Kooperationen gibt es mit dem deutschen Zulieferer ZF und dem französischen Autokonzern Stellantis. Liu würde am liebsten ganze Autos im Auftrag der traditionellen Konzerne bauen. Zuletzt hatte allerdings vor allem das Geschäft mit Künstlicher Intelligenz (KI) die Umsätze deutlich angetrieben. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres lag der Umsatz mit 4,6 Billionen Neuen Taiwandollar (127 Milliarden Euro) 35 Prozent über dem Vorjahreswert, der Betriebsgewinn mit 170 Milliarden Taiwandollar (4,7 Milliarden Euro) sogar zwei Drittel höher. Den Investoren gefällt das. Der Aktienkurs an der Börse in Taipeh ist innerhalb von eineinhalb Jahren von 150 auf nun 250 Taiwandollar gestiegen. Hoffen auf weitere Ansiedlungen Nach Einschätzung von Dominik Grau, Vizepräsident Europa beim Branchenverband Global Electronics Association, könnte das Engagement der taiwanischen Elektronikindustrie in Polen Signalwirkung für ganz Europa haben. „Das würde weitere Ansiedlungen in der Wertschöpfungskette, von der Bearbeitung des Rohmaterials und der Komponentenfertigung bis zu elektronischen Systemen, nach sich ziehen“, sagt er. Heute sei diese Wertschöpfungskette in Europa rückläufig oder nur noch teilweise vorhanden. „Die finanziellen Auswirkungen auf die Wertschöpfung könnten sich in den nächsten fünf Jahren auf das Fünf- bis Zehnfache der Ankerinvestition belaufen und in der gesamten EU wirksam werden“, sagt Grau zu möglichen Effekten der Foxconn-Ansiedlung. Deutsche Unternehmen dürften ebenfalls von den neuen Produktionsstätten in der europäischen Nachbarschaft profitieren. Bei vielen Komponenten dürften sie die Abhängigkeit von China verringern und so die Lieferketten stärken. Allerdings hätten wohl manche Standortwerber gern selbst den dicken Fisch an Land geholt. Erst Anfang September war der sächsische Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) gemeinsam mit der Initiative Silicon Saxony in Taiwan gewesen, um dort über Gespräche mit der TEEMA neue Ansiedlungen anzubahnen. Schließlich baut der größte taiwanische Konzern, der Chipauftragsfertiger TSMC, gemeinsam mit Bosch, Infineon und NXP bei Dresden gerade sein erstes europäisches Werk. Es liegt nur 250 Kilometer von dem Foxconn-Projekt in Breslau entfernt. Wie es im fünf Autostunden von Breslau entfernten Magdeburg auf den Flächen weitergeht, die eigentlich für Intel vorgesehen waren, ist offen. Bis sich andere Unternehmen hier ansiedeln, könnte es noch mehrere Jahre dauern, sagte Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Michael Richter (CDU) nach dem Rückkauf der Flächen im Mai. Im nächsten Schritt sollen auf dem Gelände Infrastrukturmaßnahmen für Strom, Wasser und Abwasser ergriffen werden. Parallel gebe es bereits konkretes Investoreninteresse, heißt es im Wirtschaftsministerium in Magdeburg. Verhandelt wurde zuletzt unter anderem mit dem Dresdner Halbleiterunternehmen FMC, das in Magdeburg Chips für besonders leistungsfähige Rechenzentren produzieren will. Mit dem Bund und der EU liefen Gespräche über mögliche Förderungen für das Projekt. Nach Angaben von Richter gab es zuletzt mindestens drei weitere Interessenten für eine Ansiedlung auf den Flächen. Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat der AfD bei der Landtagswahl, kokettierte Anfang September mit einer möglichen Kooperation mit Elon Musk, nachdem der Tesla-Chef der AfD zu ihrem Wahlsieg in Sachsen-Anhalt gratuliert hatte. Geht es nach den Plänen der amtierenden Landesregierung, sollen sich im High-Tech Park Sachsen-Anhalt neben Mikroelektronik auch digitale Industrie, KI- und datengetriebene Technologien ansiedeln. Statt Intel sucht man in Magdeburg ein Unternehmen wie Foxconn.
