FAZ 02.10.2026
16:41 Uhr

Fotograf Don McCullin: Ein Skeptiker gegenüber der eigenen Arbeit


Just zum Erscheinen eines großen Buches mit seinen Aufnahmen aus dem Vietnamkrieg zweifelt der berühmte britische Fotoreporter Don McCullin am moralischen Maßstab der eigenen Tätigkeit: Eine Begegnung.

Fotograf Don McCullin: Ein Skeptiker gegenüber der eigenen Arbeit

Als Don McCullin zum ersten Mal in Vietnam ankam, war er noch ein junger britischer Fotojournalist mit ersten Erfahrungen in Krisengebieten. In der Folge wurde er mit Einsätzen in Kambodscha, Nordirland, Bangladesch, Libanon, dem Irak und weiteren Orten zu einem der zentralen Chronisten bewaffneter Konflikte in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Kurz vor seinem einundneunzigsten Geburtstag im Oktober 2026 blickt der große Kriegsfotograf im Gespräch mit der F.A.Z. unversöhnlich auf den Beruf, den er in mehr als einem halben Jahrhundert aktiver Arbeit maßgeblich mitgeprägt hat. Der vielfach ausgezeichnete McCullin zählt zu den berühmtesten Fotojournalisten der Welt, seine große Einzelausstellung in der Tate Britain in London brachte vor einigen Jahren Hunderttausende Menschen dazu, sich Kriegsfotos im Ausstellungsformat anzuschauen. Nun ist er gerade damit beschäftigt, sein heimisches Fotostudio abbauen zu lassen, auch weil er die Chemikalien nicht mehr verträgt. Ohne einen Funken Traurigkeit in seiner Stimme berichtet er, dass er seine Arbeit als abgeschlossen betrachte und von sofort an keinen seiner berüchtigt makellosen Silbergelantineabzüge mehr anfertigen werde. Wenn es nach ihm geht, wird das großformatige Buch zu seiner langjährigen Arbeit im Vietnamkrieg, das in diesen Tagen erscheint, sein letztes sein. Die Arbeit daran habe ihm keine Freude oder Glück bereitet, im Gegenteil, sie habe ihm großen Kummer gebracht, auch weil er die schwere Last von Schuldgefühlen stets mit sich trage. McCullin führt aus, dass er sich inzwischen wie ein Dieb fühle, der seine Protagonisten durch die Aufnahme ihres Leids ausgenutzt und bestohlen habe. Überhaupt sei sein fotografisches Lebenswerk rückblickend ein Misserfolg, weil es ihm nicht gelungen sei, das durch Kriege verursachte Leid auch nur ein bisschen zu reduzieren. Den Einwand, dass er mit seinen Fotos traumatisierter und gebrochener, häufig verletzter Soldaten und Zivilisten die weltweite Wahrnehmung auf den Krieg verändert habe und seine Arbeit als wichtiger Verstärker der amerikanischen Anti-Kriegs-Bewegung der Zeit gesehen werden kann, lässt McCullin nicht gelten: Die Außenpolitik des aktuellen amerikanischen Präsidenten verdeutliche doch nur, wie wenig nachhaltige Auswirkung die Fotografie aus vergangenen Kriegen auf die Politik gehabt habe. Was Don McCullins Bilder zu zentralen Ankerpunkten in der Geschichte des Fotojournalismus macht, ist die Sichtbarmachung der individuellen psychologischen Dramen, die solche Konflikte bei allen Beteiligten erzeugen. Soldaten erscheinen in seinen Vietnam-Fotos als erschrockene Menschen, die nur eine unglückliche Entscheidung vom Tod entfernt sind und am Bewusstsein dieser Gefahr zu zerbrechen drohen. McCullins wohl bekanntestes Motiv zeigt einen amerikanischen Soldaten in Nahaufnahme, der mit versteinertem Gesicht und entrücktem Blick knapp an der Kamera vorbeischaut, das Gewehr dabei viel zu eng umklammert. Fast sechzig Jahre nach der Aufnahme ist das vielpublizierte Foto immer noch so berührend, dass es längst zu einer Ikone geworden ist. Ein Bild, das in seinem Blick auf individuelles Leid im Zeitalter von Drohnenkriegen relevant bleibt. Auch auf anderen Bildern blickt der Fotograf auf Soldaten mit kühlerem Blick als auf Zivilisten, denen er auf den Bildern trotzdem meist kaum mehr als eine ebenso verschreckte passive Rolle zugesteht. Vor allem die explizierten Aufnahmen von Verletzten und Toten sind und bleiben schwer zu ertragen. Aus zeitgenössischer Perspektive lässt sich McCullins Eindruck eines „Diebstahls“ hier noch am ehesten nachvollziehen. Dass ein Buch mehr als 120 Bilder aus dem Krieg versammelt, von denen einige zum ersten Mal präsentiert werden, ist trotzdem ein Glücksfall – und führt im Vergleich zur Gegenwart Unterschiede der Zugangsmöglichkeiten zu bewaffneten Konflikten vor Augen. Im Gespräch berichtet McCullin auch, wie er im Auftrag verschiedener Medien, unter anderem der deutschen Zeitschrift „Quick“, zwar Einheiten der amerikanischen Armee begleitet hat, aber keine Sympathien für eine der Kriegsparteien (mit Ausnahme der Zivilisten) entwickelt habe und stattdessen bewusst neutral auf die unterschiedlichen Arten des Leidens der verschiedenen Seiten geblickt habe. Im Gegenzug habe es beim Militär zunächst kaum Interesse für ihn oder seine dort entstandenen Fotos oder gar Bemühungen um nachträgliche Kontrolle der Aufnahmen gegeben. Der Krieg in Vietnam habe mit Tausenden anwesenden Journalisten vor Ort und den schon früh demoralisierten amerikanischen Truppen auf ihn vielmehr wie ein chaotischer Zirkus gewirkt – etwas, dass er davor und danach nicht wieder erlebt habe, auch weil er sonst meist einer von wenigen Berichterstattern vor Ort war. Jahre später und erst lange nachdem seine Bilder erstmals in Europa erschienen waren, wurde McCullin wohl wegen seiner Darstellung der südvietnamesischen und amerikanischen Soldaten 1972 unvermittelt in Saigon festgenommen und des Landes verwiesen. Das spätere Ende des Krieges konnte er deshalb nicht mehr vor Ort dokumentieren. Die Geschichte seiner Ausweisung und andere persönliche Anekdoten ersetzen im Buch klassisch journalistische neutrale Bildunterschriften und verweben die Fotos in einem parallelen Erzählstrang mit McCullins eigener Geschichte. Das entspricht der dargestellten Erfahrung der auf den Fotos Abgebildeten, weshalb es nur konsequent erscheint, dass der Fotograf der eigenen Arbeit als Kriegsberichterstatter mittlerweile so kritisch gegenübersteht. In den letzten Jahren hat McCullin vor allem Landschaftsfotos in seiner britischen Heimat aufgenommen. „Vietnam“ von Don McCullin, Gost Books, 95 Euro