FAZ 04.10.2026
12:24 Uhr

Formel-1-Regenchaos: Verstappen gewinnt nach fast zehn Monaten wieder


Max Verstappen steht in Sepang nach langer Durststrecke ganz oben auf dem Formel-1-Podium. Auf dem Weg dorthin stoppen ihn weder die Konkurrenz noch stundenlanger Regen.

Formel-1-Regenchaos: Verstappen gewinnt nach fast zehn Monaten wieder

Eine Formel-1-Saison ohne Sieg von Max Verstappen? Schwer vorstellbar. Und auch dieses Jahr nicht mehr möglich. Der viermalige Weltmeister gewann am Sonntag in Sepang den nach Malaysia verlegten Großen Preis von Bahrain vor Kimi Antonelli im Mercedes und Ferrari-Pilot Lewis Hamilton. Gepackt von seinen Mechanikern sowie Ingenieuren wirkte er erleichtert: „Ein sehr schöner Sieg nach dem Jahr, das ist wunderbar. Es war sehr hektisch, es ist viel passiert“, sagte Verstappen: „Aber wir haben die richtigen Entscheidungen getroffen, alles kontrolliert.“ Vor dem Abschied der Formel 1 aus Malaysia hatte der Niederländer das Rennen in Sepang gewonnen, 2017. Auch die Rivalen hinter ihm fühlten sich gut am Ende eines unterhaltsamen, von Regen und Fehlern geprägten Grand Prix. Kimi Antonelli baute als Zweiter seinen Vorsprung in der Fahrerwertung wieder auf 81 Punkte aus, weil Teamkollege George Russell wegen eines technischen Defektes ausschied. Lewis Hamilton durfte sich nach einem Strategiefehler und 30 Sekunden Rückstand als Sieger der Herzen betrachten: „Was für ein hartes Rennen. Ja, wir haben die falsche Entscheidung getroffen am Anfang, ich dachte, das war’s. Aber ich bin cool geblieben. Das war das beste Rennen hier in all den Jahren.“ Vom Regen in die Traufe? Als der Himmel die Schleuse öffnete, zog die Hightechbranche erst mal die Regenschirme auf und brachte zur Startaufstellung Baldachine über den Boliden in Stellung. Wasser haben sie nicht gern. Pfützen auf der Strecke sind lebensgefährlich, weil die Autos durch die tiefe Abstimmung aufschwimmen. Der erste Versuch, 45 Minuten nach der geplanten Startzeit, fiel – ins Wasser. Auf der Einführungsrunde kamen Autos nicht in die Gänge, blieben stehen wie Hamiltons Ferrari, fuhren dann plötzlich doch wieder, konnten nicht richtig beschleunigen wie Verstappen. Vor Ende dieser Tour unter Führung des Safety-Cars erlebten die Zuschauer ein Novum. Formel-1-Renner überrundet vom Sicherheitsfahrzeug? Ein schönes Chaos: zurück in die Boxengasse. Zweiter Versuch, als Blitz, Donner und Regen verflogen waren und sich die Strecke wie frisch aus dem Trockner präsentierte. Trocken. Abfahrt mit gut 90 Minuten Verzögerung auf Intermediates für eine feuchte Piste und mit profillosen Reifen. Manche zockten. Hamilton (Startplatz zwei), Teamkollege Charles Leclerc (Vierter), beide McLaren-Piloten, auch Hülkenberg im Audi (Fünfzehnter). Pierre Gasly schoss mit seinem Alpine schon während der Einführungsrunde auf die Wiese. Ein Fehler. Antonelli und Russell rasen beim Start an Verstappen vorbei Mancher korrigierte. Aber Ferrari und McLaren verzichteten auf einen Wechsel noch vor dem Start aus dem Stand. Prompt fiel die Scuderia-Crew zurück, nachdem Antonelli und Russell den Spätstarter auf der Pole Position, Verstappen, verdrängt hatten. Leclerc fuhr in der ersten Tour unter Vollgas dann doch an die Box, weil der beschädigte Frontflügel gewechselt werden musste. Auf Intermediates kam er zurück. Hamilton blieb draußen. Das warf den siebenmaligen Weltmeister binnen drei Runden fast ans Ende des Feldes. Keine schlechte Lage für ein ereignisreiches Rennen. Zumal Verstappen in die Gänge kam, schnell an Russell vorbeijagte und bald Antonelli attackierte beim Kampf um die Führung. Allen dreien kam das Pech von Valtteri Bottas mit seinem Cadillac in der neunten von 55 Runden entgegen. Dessen Ausflug ins Kiesbett führte zum rechten Zeitpunkt zum Reifenwechsel: Mit unterschiedlich harten Slicks kehrte die Spitze in derselben Reihenfolge zurück bis zum „fliegenden Neustart“. Diesen nutzte Verstappen zum Angriff: außen, innen, außen, vorbei an dem sich wehrenden Antonelli. Und Russell im Sog gleich mit. Erstaunlich, wie der viermalige Weltmeister auf dem Kurs von Sepang Mercedes abhängte. Erst im Qualifying als Schnellster. Nun im Dauerlauf. Obwohl Mercedes mit einem Upgrade nach Malaysia kam. Alle Welt rechnete mit der nächsten Beschleunigung. Stattdessen zog der Niederländer davon, allerdings mit den weicheren, weniger haltbaren Pneus. Würde der Reifenflüsterer diesen Nachteil ausgleichen? Verstappen kämpfte um den ersten Saisonsieg. Die Mercedes-Fraktion hinter ihm um den WM-Titel. Russell spürte Sturm und Drang in seinem Nacken, den jüngsten Führenden der Fahrer-WM in der Formel-1-Geschichte. Antonelli ist auf Überholen gepolt. 21. Runde: Er zeigt sich formatfüllend im Rückspiegel seines Teamkollegen, lässt per Funk wissen, wen er für schneller hält in dieser Phase: „Ich habe mehr Pace.“ Gesagt, gezeigt. Kurz nach dem Funkspruch zieht er vorbei, aber erst später auf und davon mit demselben Reifentyp. Doch Verstappens Vorsprung wächst auf zehn Sekunden. Die vermeintlichen Fehler von Ferrari und McLaren zu Beginn entpuppen sich als Unterhaltungsfaktor. Rekordchampion Hamilton klettert rasend auf Platz fünf mit den soften Gummis auf den Felgen, überholt wie in alten Tagen auf einem vergleichsweise uralten Reifensatz. Allerdings fehlt ihm der obligatorische Boxenstopp. Als Siebter kehrt er zurück – mit Aussicht auf mehr. Es wäre mehr drin gewesen, viel mehr. Denn als es nach einer Prozession aussieht, eröffnet eine weitere Safety-Car-Phase wegen eines havarierten Williams neue Chancen. An der Reihenfolge ändert sich durch die ungeplanten Reifenwechsel zwar nichts. Aber alle Vorsprünge sind eingedampft auf jeweils eine Wagenlänge. Verstappen sieht sich wieder in Gefahr, so dicht gefolgt von Antonelli, Russell, Isack Hadjar im zweiten Red Bull, Hamilton, Leclerc. Der einzige Deutsche, Nico Hülkenberg, liegt auf Position elf in Schlagdistanz zum letzten Punkteplatz. Russells WM-Chancen schwinden immer mehr Der Ausflug nach Malaysia beschert den Fans auf den gefüllten Tribünen noch ein spannendes Finale mit dem – wahrscheinlichen – Ende von Russells WM-Chancen. Sein Mercedes verliert noch hinter dem Safety-Car den Vortrieb, Lando Norris scheint abgelenkt von dem stehenden Mercedes und saust übers Kiesbett, fällt von Rang sieben auf Platz elf zurück. Wie inszeniert wirkt die Spannung aufbauende Verzögerung vor dem letzten Höhepunkt, dem Sprint ins Ziel.  51. Runde von 55: Verstappen zeigt seine Meisterschaft. Antonelli verliert die Aussicht auf eine Attacke.  Den vorgerückten Dritten, Hadjar, schnappt sich Hamilton: Dritter. Was für ein Comeback. Nur einer hat kein Glück. Hülkenberg kommt zwar voran, verliert seinen Vorsprung aber wieder: Elfter.