Aberglaube ist immer noch weit verbreitet unter Sportlern und darf auch keinesfalls verteufelt werden. Denn wenn es um alles geht, will man es sich mit der Gunst der Götter natürlich lieber nicht verscherzen. Und so war Tischtennisprofi Patrick Franziska am Sonntag heilfroh, dass ihn die Verantwortlichen seines Vereins 1. FC Saarbrücken TT vor dem Bundesliga-Finale in Frankfurt im Dunkeln tappen ließen. „Ich wusste zum Glück nicht, dass wir die Shirts dabeihaben“, sagte Franziska nach dem 3:1-Sieg gegen Borussia Düsseldorf erleichtert: „Das ging bei anderen Finals schon mal in die Hose, als wir vorher wussten, dass wir Meistershirts haben.“ Also waren die Götter dieses Mal wohl mit Saarbrücken, damit dieser Sieg gelang, der in die Vereinsgeschichte eingehen wird. Denn es waren nicht bloße Meistershirts, sondern vielmehr Triple-Shirts. Vorne aufgedruckt die Umrisse der drei Meister-, Champions-League- und Pokal-Trophäen mit dem Schriftzug „Triple-Sieger 2025/26“. Zum ersten Mal hatte Saarbrücken alle drei Titel im Tischtennis gleichzeitig gewonnen, mehr geht nicht. Und während die Spieler schon ausgelassen mit ihren Fans feierten, wehte bereits der Hauch von Umbruchstimmung durch die Halle. Ist Saarbrücken nun endgültig der Machtwechsel gelungen? Anderthalb Jahrzehnte lang hatte es im deutschen Tischtennis nur einen Dominator gegeben, und zwar Düsseldorf. Zwischen 2008 und 2025 gewann die Borussia nur viermal nicht den Meistertitel, insgesamt ist sie mit 34 Titeln einsamer Rekordhalter. Sogar dreimal erreichte sie das Triple, aber seit zwei Jahren ist die Mannschaft von Trainer Danny Heister titellos in allen drei Wettbewerben geblieben. Seit dem Karriereende von Ausnahmespieler Timo Boll bröckelte die Düsseldorfer Dominanz. Saarbrücken dagegen war in dieser Saison mit der Verpflichtung des chinesischen Olympiasiegers und früheren Weltmeisters Fan Zhendong ein spektakulärer Coup gelungen. „Spieler wie ihn gibt es nur selten“ Nicht nur die Massen aus der Heimat lockte Fan Zhendong in die Bundesliga-Hallen, sondern von überall her und sorgte damit für neue Zuschauerrekorde. Auch nach Frankfurt reisten dem Superstar wieder viele Fans aus Asien nach. Es wären wohl noch mehr geworden, hätte der Ticketverkauf nicht erst sechs Wochen vor dem Finalturnier begonnen. „Spieler wie ihn gibt es nur selten“, lobte sein Teamkollege Franziska. Der erlebte aber auch mit, dass sich der Chinese im ungewohnten Umfeld der deutschen Liga nicht immer leichttat. Zuletzt verlor er im Champions-League-Finale sogar seine beiden Einzel. Im Endspiel um die Meisterschaft jedoch war Fan Zhendong da, gewann beide Spiele, wenn auch mit etwas Mühe. „Es ist nie leicht, auch relativ großer Favorit zu sein“, betonte Franziska: „Man sieht einfach, dass es immer bockschwer ist. Aber wir haben abgeliefert. Alle waren da, als sie es mussten.“ „Die Gegner haben auch aufgerüstet“ Franziska selbst hatte das Schlüsselspiel in diesem Finale gewonnen, mit 3:1 gegen Anton Källberg. Der Schwede ist Jahr für Jahr einer der stärksten und verlässlichsten Spieler der Liga, hatte Düsseldorf am Tag zuvor im dramatischen Halbfinale gegen Bergneustadt überhaupt erst ins Finale gerettet. Doch Källberg erwischte einen rabenschwarzen Tag. Auch die Topspieler Dang Qiu und Kanak Jha konnten gegen Fan Zhendong in ihren Einzeln nicht genug ausrichten. So blieben bei der Borussia nur die Enttäuschung und die Hoffnung auf die nächste Saison zurück: Denn Fan Zhendong wechselt nach Düsseldorf. Der Machtwechsel im Tischtennis wird eher ein Bäumchen-wechsel-dich-Spiel. Einen Dominator wird es so bald nicht mehr geben, es bleibt ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Düsseldorf und Saarbrücken. „Wir sind heute happy, diesen Moment zu genießen“, sagte Saarbrückens Manager Nicolas Barrois: „Aber wir wissen, dass es eine harte, neue Saison wird. Die Gegner haben auch aufgerüstet.“ Düsseldorf verpflichtet Fan Zhendong, Saarbrücken den Weltklassespieler Hugo Calderano. Der Brasilianer feierte gerade einen außergewöhnlichen Rekord: Seit 400 Wochen in Folge gehört er zu den Top 20 der Weltrangliste. Viele Jahre spielte Calderano bereits für Ochsenhausen in der Bundesliga, wurde vor zwei Jahren mit dem Team Meister und Pokalsieger. Für Boll, der am Wechsel seines Freundes Fan Zhendong nach Düsseldorf nicht unbeteiligt gewesen sein soll, habe Saarbrücken alles richtig gemacht. „Sie haben den Weggang von Fan Zhendong schon super aufgefangen und mit Hugo den bestmöglichen Ersatz gefunden“, ist sich Boll sicher: „Mit Fan wird Düsseldorf leicht favorisiert sein, aber es wird kein Durchmarsch. Es bleibt spannend.“ Und es bleibt offen, wem die Tischtennis-Götter wohl in der nächsten Saison ihre Gunst schenken.
