FAZ 19.05.2026
08:34 Uhr

Film „Andor Hirsch“: Der Junge, der im Heizungskeller nach seinem toten Vater sucht


„Andor Hirsch“, der dritte Spielfilm des Oscarpreisträgers László Nemes, führt ins kommunistische Ungarn der Fünfzigerjahre.

Film „Andor Hirsch“: Der Junge, der im Heizungskeller nach seinem toten Vater sucht

Mit der Phantasie ist es so eine Sache: Sie kann entlasten, einen inneren Schutzraum herstellen, doch in zu großer Dosis kann sie auch die Flucht aus der Welt ebnen. Wiederkehrend, fast ritualartig, geht der vierzehnjährige Andor Hirsch hinab in den Heizungskeller, um mit einem schweren, metallenen Kessel in Kontakt zu treten. „Werter Herr, wertester Vater“, lautet die formalisierte Anrede, gebetsartig mutet sie an. Andor erzählt dem Kessel, flüstert ihm Fragen zu, streichelt behutsam mit seiner Hand über ihn und lauscht – so, als spüre er eine Präsenz, als könne das dumpfe Brodeln ihm eine Antwort geben. In diesem hoffnungslosen Ritual verdichten sich die Themen, um die der dritte Spielfilm des ungarischen Regisseurs László Nemes kreist: den Umgang mit Verlusten, Strategien des Überlebens, den Konflikt zwischen Anpassung und Selbstbehauptung. „Andor Hirsch“ führt nach Ungarn im Jahr 1957, das ein Land in einem historischen Schwebezustand ist. Die Erinnerung an den Krieg und den Holocaust ist sehr präsent. Mit der gewaltsamen Niederschlagung des Volksaufstands durch die Sowjetmacht im Jahr zuvor hat sich ein weiteres Trauma über die ungarische Gesellschaft gelegt. Die Identitätssuche des jüdischen Jungen Andor (Bojtorján Barabas) trifft auf die unverarbeiteten Wunden der Gesellschaft des Landes. Ein Prolog zeigt, wie Andor 1949 von seiner Mutter Klára aus einem Waisenhaus abgeholt wird. Er versteckt sich, als ahnte er, dass das, was kommen wird, schreckliche Gewissheiten und neue Unsicherheiten mit sich bringen wird. Andor fragt nach seinem Vater. Seine Mutter erzählt, dass er deportiert wurde. Und sie legt Andor, der bis ins Jugendalter auf eine Wiederkehr des Vaters hoffen wird, nahe, mit dem Tod des Vaters abzuschließen. Während Klára einen pragmatischen Umgang mit den Herausforderungen des gesellschaftlichen Umbruchs pflegt oder sich dazu zwingt und darin etwas kalt wirken kann, ist Andor auf der Suche nach seiner Identität – es entspinnt sich ein kompliziertes Verhältnis zwischen den beiden. Auf einmal zwischen zwei Vätern Nemes zeigt die Schwierigkeiten, in der repressiven ungarischen Gesellschaft der Fünfzigerjahre eine jüdische Identität zu finden, in kleineren Szenen, die die Feindseligkeit der Umgebung widerspiegeln. Der Kaufmannsladen, in dem Klára arbeitet – und der bis vor Kurzem noch ihrer jüdischen Freundin gehört hat – ist nun in Besitz eines kommunistischen Parteifunktionärs, der von Beamtengesinnung und Misstrauen durchdrungen ist. Auf der Polizeiwache, auf die auch Andor durch eine Schikane mitgenommen wird, wird die Mutter von einem kommunistischen Beamten erniedrigt und bekommt von ihm zu hören, es wundere ihn nicht, dass der Vater ins Lager geschickt worden sei. Immer wieder zeigt die Kamera Andors Gesicht in ausgiebigen Nahaufnahmen, um darin die von ihm beobachteten Verhältnisse und seine Reaktion darauf widerzuspiegeln. Je mehr der Junge die Anpassung seiner Mutter an eine Gesellschaft, in der der Antisemitismus noch fortwirkt, beobachtet und verurteilt, desto stärker wird seine Überidentifizierung mit dem Vater und der jüdischen Tradition. Zum Heizkessel, der zu einer Art Medium in der Kontaktsuche zum Vater wird, bringt er die Tora. Dann steht Metzger Berend plötzlich in der Tür der Kleinstfamilie. Er bringt ihre Koordinaten durcheinander: Wie Stück für Stück ans Licht kommt, hat Berend Klára in den letzten Kriegsjahren ein Versteck gewährt – und Geld dafür genommen. Und nach und nach gerät die Erzählung Kláras über die Person des Vaters ins Wanken. Der grobschlächtige Metzger aus der ungarischen Provinz behauptet, Andors Vater zu sein, und will, dass die drei von nun an als Familie zusammenleben. Grégory Gadebois ist in dieser Rolle herausragend. Er gibt dem Metzger mit körperlicher Wucht, einem beinahe viehischen Lachen und rotwangiger Aufgeräumtheit eine Aura der Bedrohlichkeit, in der jedoch immer wieder Momente echt wirkender Gutmütigkeit durchscheinen. Der Junge lehnt Berend, der ein pragmatisches Arrangement mit einer neuen Ordnung in Aussicht stellt, mit aller Wut und Verzweiflung ab. „Andor Hirsch“ ist ein Film, in dem eine Atmosphäre der Schwere und des Verlusts herrscht, die aber immer wieder eine eigene Poesie entwickelt. Nemes und sein Kameramann Mátyás Erdély zeigen ein immer noch schwer vom Krieg gezeichnetes Budapest, in dem die Mauern mit Einschusslöchern übersät sind. Die Scheiben, durch die sich die Menschen gegenseitig misstrauisch beobachten, sind beschlagen. Die Bilder sind in einem Sepiaton gehalten, der an alte Fotografien erinnert. Damit begeben sie sich in die Gefahr der Überstilisierung, und es entsteht auch eine Distanz zu den Figuren, die ihrerseits durch Wiederholungen von bestimmten Verhaltensweisen überdeutlich gezeichnet werden. Doch gelingt Nemes nach seinem oscarprämierten Erfolg seines Holocaustdramas „Son of Saul“ (2015) ein bemerkenswerter Blick aus der ungarischen Gegenwart, der die traumatischen Spuren der ungarischen Geschichte aufspürt und aufarbeitet – in einer Zeit, in der in Ungarn der Geist der Freiheit wieder zum Leben zu erwachen scheint.