FAZ 03.06.2026
11:05 Uhr

Fachkräfte: Warum Mädchen sich für Technik begeistern sollen


Mit dem Praktikumsprojekt „Girls4MINT“ wollen Unternehmen in Hessen junge Frauen für sonst männerdominierte Berufe interessieren. Das soll auch dem aktuell schwierigen Arbeitsmarkt nützen.

Fachkräfte: Warum Mädchen sich für Technik begeistern sollen

In der Ausbildungswerkstatt von Aumovio in Frankfurt sind die jungen Männer meist unter sich. Es gebe bisher nur eine Kollegin, berichten sie. Das könnte sich ändern. Denn in der abgelaufenen Woche waren 16 Mädchen in dem Projekt „Girls4Mint“ bei dem Automobilzulieferer zu Gast, der aus Continental hervorgegangen ist. Sie haben zusammen mit den Ausbildern und den aktuellen Azubis in verschiedenen Stationen Formen am Computer entwickelt und mit einem 3D-Drucker produziert, Metallteile bearbeitet, Drähte verlötet und am Ende einen Schmuckständer daraus zusammengebaut. Lea hat das viel Spaß gemacht, und die Sechzehnjährige hofft nun, bald ihre Ausbildung bei Aumovio beginnen zu können. Damit wäre die Schülerin der Frankfurter Louise-von-Rothschild-Schule ein Beispiel für den größtmöglichen Erfolg des Unterfangens. Zusammen mit 15 anderen Mädchen hat sie an dem von der Provadis organisierten und vom hessischen Wirtschaftsministerium mit der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit und dem europäischen Sozialfonds finanzierten Projekt teilgenommen, dessen Ziel es ist, Schülerinnen an Berufe aus den Gebieten der Informatik, Naturwissenschaften und Technik heranzuführen. „Diverse Teams treffen bessere Entscheidungen.“ Dafür gibt es viele gute Gründe, wie die Vertreter des Unternehmens ebenso wie Hessens Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) und der Chef der hessischen Arbeitsagenturen Frank Martin am Freitag beim Besuch des  Projekts sagten. Mansoori hob insbesondere hervor, dass die Wirtschaft nicht nur insgesamt dringend Fachkräfte benötige, sondern auch mehr junge Frauen in Männerdomänen, denn: „Diverse Teams treffen bessere Entscheidungen.“ Und die brauche die Wirtschaft, um angesichts der schwierigen globalen Lage wieder Fahrt aufzunehmen. Daher rief er die Unternehmen im Land auf, sich an Projekten wie „Girls4MINT“ oder den demnächst beginnenden Praktikumstagen in den Sommerferien zu beteiligen, um Nachwuchskräfte zu gewinnen. Diese Chance sieht man auch bei Aumovio, wo unter anderem an technischen Lösungen für autonomes Fahren gearbeitet wird. Seit das Unternehmen vor knapp einem Jahr umfirmiert hat, müsse es sich für künftige Mitarbeiter erst wieder einen Namen machen und freue sich daher über ein solches Projekt. „Als Standort mit technischer Ausbildung ist es uns wichtig, jungen Menschen frühzeitig praxisnahe Einblicke zu ermöglichen“, sagte Werksleiter Torsten Rauch. Darin sieht auch Frank Martin in Zeiten, in denen die Berufsorientierung für junge Leute angesichts der Vielfalt an Ausbildungsberufen und Studiengängen viele überfordere, eine gute Chance. Doch weil es zunehmend an Fachkräften fehle und viele Arbeitsplätze nur durch Einwanderung besetzt werden könnten, sei es umso dringlicher, dass man eine Ausbildung mache. Die größte Sorge bereiten dem Chef der hessischen Arbeitsagenturen jene jungen Leute, die ohne eine Berufsausbildung zu arbeiten beginnen. „Das sind die Ersten, die draußen sind, wenn Unternehmen Stellen abbauen“, warnte er auch an die Adresse der jungen Frauen. „Es gibt nur eine falsche Entscheidung bei der Berufswahl, und das ist keine Ausbildung oder kein Studium“, sagte er. Rückgang der Arbeitslosenquote, aber keine Trendwende Nach Angaben der Regionaldirektion zeigt sich nämlich aktuell in der Statistik, dass bei den Arbeitslosenzahlen insbesondere die Gruppe der jungen Menschen ohne eine abgeschlossene Ausbildung besonders stark wächst, auch wenn es aktuell eine leichte Verbesserung gebe. So haben im Mai alle Gruppen von einem leichten Rückgang der Arbeitslosigkeit profitiert – die Arbeitslosenquote ging um 0,1 Prozentpunkte auf 5,9 Prozent zurück. Prozentual sank die Zahl derjenigen Jobsuchenden, die jünger als 25 Jahre alt sind, mit einem Rückgang um 2,5 Prozent sogar am stärksten. Und auch auf Helferniveau ist die Arbeitslosigkeit um 2,0 Prozent gesunken. Doch nach Darstellung der Arbeitsagenturen stellt die Gruppe der Helfer mit mehr als 99.000 das Gros der insgesamt 208.000 Arbeitslosen in Hessen. Uns sind sie am schwersten zu vermitteln, die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit beträgt 599 Tage. Daher sieht Martin trotz des leichten Rückgangs der Arbeitslosenzahl und  einer Zunahme bei den gemeldeten freien Stellen um 258 oder 0,6 Prozent auf knapp 42.000 im Vergleich zum April keine Trendwende am Arbeitsmarkt.  „Die leicht positive Entwicklung bei den aktuellen Arbeitsmarktzahlen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die wirtschaftliche Stimmung in Hessen unverändert schwierig ist“, kommentierte er. Eine schwache Auftragslage, unkalkulierbare geopolitische Risiken, hohe Energiepreise und ein zunehmender Wettbewerbsdruck ließen die Einstellungsplanungen der Unternehmen sinken. „Trotz des einsetzenden demographischen Wandels tritt die Sorge vor dem künftigen Fachkräftemangel zurzeit angesichts der konjunkturellen Schwäche bei vielen Unternehmen in den Hintergrund“, sagte der Arbeitsmarktexperte und appellierte zugleich dafür, an die Zukunft zu denken und auszubilden. Denn seit Oktober 2025 haben sich bei den Agenturen für Arbeit und den Jobcentern in Hessen rund 32.000 junge Menschen für eine Ausbildungsstelle gemeldet. Das sind 5,5 Prozent mehr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Damit liegt die Zahl auf dem höchsten Niveau seit Beginn der Corona-Pandemie. Bis Mai hatten allerdings 17.200 dieser jungen Menschen weder eine Ausbildungsstelle noch eine Alternative gefunden. Für die 16 Jahre alte Lea und ihre Kolleginnen im „Girls4MINT“-Projekt stehen die Chancen gut, dass sie schnell eine Ausbildungsstelle finden. Bei Aumovio will man gerne Mädchen einstellen. Zum Abschluss des Projekts werden die Schülerinnen und auch ihre Eltern noch einmal von Provadis eingeladen und beraten. Dann können sie am Ende wohl mehr mit nach Hause nehmen als einen originellen selbst gebauten Ständer für ihren Schmuck.