Zu den etwas peinlichen Entgleisungen des Universalgenies Leonardo da Vinci darf man seine ikonische Zeichnung des vetruvianischen Menschen zählen. Der „wohlgeformte Mensch“, den er zu Ehren des römischen Architekten Vitruvius mit geradezu künstlerischer Präzision und mathematischer Genauigkeit in einem Kreis dargestellt hat, ist zugegeben längst Kult. Wahrscheinlich hilft dieses Bild, zu überspielen, wie schräg wir wirklich gebaut sind. Nichts passt, es knirscht, und irgendwann tut es überall weh. Fakt ist: Die Natur, genauer: die Evolution, treibt schon sehr lange ihren Schabernack mit uns Menschen, und das ahnen nicht nur die vielen Mütter, für die jede Geburt eine schmerzhafte Erinnerung ist. Mit dem „Smartphone-Nacken“ greift die evolutionäre Frustration nun aber noch mal massiver um sich. Der ständig gebeugte, nach unten gerichtete Blick auf den Bildschirm ist eine Tortur für die Halswirbelsäule, und jeder fühlt, dass das so nicht gedacht gewesen sein kann mit dem aufrechten Gang. Eine Nackenverspannung wäre ja noch zu ertragen, aber wie man hört, sind schon knöcherne Veränderungen am Hinterkopf registriert worden. Was die Frage aufwirft, wohin diese Dauerbeugung führt. Wie weit geht es noch runter? Der Knöchelgang auf allen vieren, das haben US-Anatomen aus Chicago jetzt in den „Proceedings B“ der Royal Society anschaulich gezeigt, ist im Menschen immer noch tief angelegt. Erkennen kann man das an der Form der acht Handwurzelknöchelchen, die auffallend viel mit denen des Schimpansen und Gorillas gemeinsam haben. Das spricht dafür, dass der gemeinsame afrikanische Vorfahre von Mensch und Affe wohl ein leidenschaftlicher Knöchelgänger war. Ist es also denkbar, dass die veränderte Körperstatik mit Rundrücken und Handy-Daumen am Ende genau dazu führt: zurück zum Anfang? Mitleid dürfen wir von der Evolution jedenfalls nicht erwarten. Tröstlich wäre in dem Fall nur, dass Spracherkennung gepaart mit Künstlicher Intelligenz die Hand sowieso überflüssig macht. Die Automatisierungsgurus jedenfalls sind schon beängstigend erfolgreich darin, den Menschen weiszumachen, dass das auch intellektuell ein Schritt nach vorne wäre.
