FAZ 10.05.2026
21:21 Uhr

Evakuierung der „Hondius“: Die Passagiere wirken, als kämen sie von einem anderen Planeten


Die vom Hantavirus geplagte „Hondius“ erreicht Teneriffa. Nun sollen Passagiere und Besatzung so schnell und sicher wie möglich nach Hause zurückkehren. Am Abend landeten vier Deutsche in den Niederlanden.

Evakuierung der „Hondius“: Die Passagiere wirken, als kämen sie von einem anderen Planeten

Das kleine Kreuzfahrtschiff, auf das seit Tagen die Welt blickt, kam in der Dunkelheit: Am Sonntagmorgen hatte die „Hondius“ im Hafenbecken von Granadilla ihren Anker geworfen. Festland sollte das Schiff, auf dem das Hantavirus ausgebrochen ist, auf Teneriffa nicht einmal berühren, sondern so schnell wie möglich wieder verschwinden. Verloren wirkten die Menschen in ihren Schutzanzügen und hinter ihren Gesichtsmasken auf den offenen Barkassen, die sie an die Mole brachten – als kämen sie nach ihrer wochenlangen Odyssee auf dem Atlantik von einem anderen Planeten. Doch schon bald zückten sie ihre Mobiltelefone, um zu fotografieren und ihre Familien anzurufen. Es blieb ihnen nicht viel Zeit, um zu sich zu kommen. Medizinisches Personal war zuvor zu einer letzten Untersuchung auf das „Seuchenschiff“ gekommen, wie die Boulevardpresse die „Hondius“ nannte. Die Ärzte gaben Entwarnung: Alle Menschen an Bord sind symptomfrei. Dann stiegen zuerst die Spanier in die Versorgungsboote. Am Kai warteten die roten Militärbusse, die direkt auf die Piste des Urlauberflughafens Teneriffa-Süd vor die Maschine der spanischen Luftwaffe fuhren, die gegen 13 Uhr abhob. Vier Stunden später startete ein Flugzeug mit vier Deutschen an Bord. Am Abend landete die Maschine mit insgesamt 26 Passagieren und Crewmitgliedern der „Hondius“ in Eindhoven, von wo aus es für die Deutschen weiter nach Frankfurt geht. Insgesamt sollten am Sonntag 93 Menschen aus Teneriffa ausgeflogen werden. Am Montag sind noch zwei Flüge nach Australien und in die Niederlande mit 26 Passagieren geplant. Am von mehr als 300 Polizisten bewachten Hafen von Granadilla hieß die Reisenden aus sicherer Entfernung ein ranghohes Empfangskomitee willkommen. In den Zelten einer improvisierten Kommandozentrale beaufsichtigen der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), drei spanische Minister und zahlreiche Behördenvertreter die komplexe Operation, an der nicht weniger als 23 Staaten beteiligt sind; aus so vielen Ländern stammen Passagiere und Besatzungsmitglieder. Die WHO beruhigt: Das ist kein zweites Covid Dass sie am Sonntagmorgen alle in den wenig frequentierten Industriehafen gekommen waren, sollte die Menschen beruhigen, denn besonders auf den Kanaren hat sich die Angst vor einer neuen Pandemie ausgebreitet. Das machte auch die Präsenz des WHO-Generaldirektors Tedros Adhanom Ghebreyesus deutlich, der sich am Wochenende zu einem ungewöhnlichen Schritt entschied. „An die Bevölkerung von Teneriffa: Mein Name ist Tedros, und ich bin Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation“, begann sein Brief. Diese Form der Kommunikation sei nicht üblich, aber er wolle „von Mensch zu Mensch“ mit den Kanaren über ihre Sorgen sprechen: „Das ist kein zweites Covid. Das Risiko für Sie im Alltag auf Teneriffa ist gering. Das ist die Einschätzung der WHO, und wir haben sie uns nicht leicht gemacht“, betonte er und dankte den Menschen auf den Kanaren. Die spanische Gesundheitsministerin Mónica García, die nicht nur von der Opposition wegen ihrer zögerlichen Informationspolitik kritisiert worden war, sprach von einem der „komplexesten“ internationalen Einsätze dieser Art. Spanien könne stolz darauf sein, dass die WHO dem Land das Vertrauen geschenkt habe, um die Aktion möglich zu machen, die trotz aller Widrigkeiten erfolgreich begonnen habe. „Die Bevölkerung der Kanarischen Inseln engagiert sich für die globale Gesundheit“, sagte sie. Regionalregierung droht mit Entzug der Genehmigung Die Ministerin aus Madrid reagierte mit diesen Worten auch auf Kritik der kanarischen Regionalregierung, die eine Ausschiffung auf Kap Verde gefordert und eine Landung auf den Kanaren abgelehnt hatte, weil sie zu spät und unzureichend informiert worden sei. Kurz vor der Ankunft der „Hondius“ hatte sich der Konflikt in der Nacht dann noch einmal zugespitzt. Der kanarische Regionalpräsident Fernando Clavijo ließ sich nicht beruhigen und kündigte zunächst an, wegen fehlender Sicherheitsgarantien die Genehmigung seiner Regierung für die Ankerung zu entziehen. Er wolle „kein Komplize sein“ für eine Aktion, die die öffentliche Gesundheit gefährde, hatte Clavijo am frühen Morgen an der Hafen-Mole gesagt. Er befürchtete, infizierte Ratten könnten von Bord springen und an Land schwimmen. Zudem verspäteten sich nach seinen Worten Flugzeuge aus Australien und den Niederlanden, sodass das Schiff wahrscheinlich länger im Hafen bleiben müsse. Die Zentralregierung wies diese Einwände zurück, die nationale Direktion der Handelsmarine erteilte dann die endgültige Genehmigung. Laut Gesundheitsministerin Mónica García wird der letzte Flug erst am Montagnachmittag abheben. Eine australische Maschine werde dann fünf australische und einen neuseeländischen Passagier nach Hause fliegen. Ein zweites niederländisches Flugzeug werde zudem alle anderen verbleibenden Passagiere abholen. An Bord der ersten niederländischen Maschine nach Eindhoven verließen am Sonntagnachmittag neben den Deutschen auch Staatsangehörige aus Belgien, Griechenland und ein Teil der Besatzung die Kanaren. Die Passagiere und Besatzungsmitglieder der „Hondius“ durften erst von Bord gehen, wenn ihr Flugzeug am Flughafen startklar war. Jeglicher Schiffsverkehr im Umkreis von einer Seemeile um die „Hondius“ wurde untersagt. In den roten Militärbussen am Hafen mussten sie untereinander und zum Fahrer einen Sicherheitsabstand von mehreren Metern wahren. Etwa zehn Minuten dauerte dann die Fahrt. Unterwegs sollte es zu keinerlei Kontakt mit der lokalen Bevölkerung kommen. Nur Berufssoldaten der militärischen Notfalleinheit (UME) kümmerten sich um den Transfer der Passagiere vom Kreuzfahrtschiff zum Flughafen. Sie haben Pandemieerfahrung: UME-Soldaten waren 2020 in Altersheimen im Einsatz, wo es viele Covid-Tote gegeben hatte. An der Mole waren Beamte der Guardia Civil und Vertreter des Hafenarztes die einzigen zusätzlichen Einsatzkräfte. Französischer Passagier zeigt Symptome auf dem Rückflug Die ersten Flugzeuge für die Rückholung parkten in großem Abstand von den Passagierterminals. Begleitet von Soldaten mit Atemschutzmasken bestiegen am Sonntag zuerst die 14 Spanier das Regierungsflugzeug nach Madrid; ihre wenigen Habseligkeiten hatten sie in eine Plastiktüte gepackt. Am Nachmittag kamen sie im Militärkrankenhaus Gómez Ulla an, wo sie sich für 42 Tage in Quarantäne begeben müssen. Nach den Spaniern machten sich Franzosen und Kanadier auf die Heimreise. Ihnen folgten Flüge in die Niederlande, nach Großbritannien, Irland, in die Türkei und die Vereinigten Staaten. Einer der französischen „Hondius“-Passagiere zeigte auf dem Flug nach Paris laut dem französischen Premierminister, Sébastien Lecornu, Symptome vom Hantavirus. Alle fünf aus Teneriffa zurückgeführten Franzosen befinden sich nun bis auf Weiteres in strenger Quarantäne in Frankreich. Laut dem Auswärtigen Amt bestand kein Bedarf, einen gesonderten Flug aus Deutschland zu organisieren. Man habe die Rückkehr „in Zusammenarbeit mit unseren europäischen Partnern“ organisiert. Nach der Landung in Eindhoven sollten die Deutschen nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa mit der Hilfe von Spezialkräften der Feuerwehr nach Deutschland gebracht werden. Dort werden sie vor ihrem Weitertransport ärztlich betreut. Die Gesundheitsämter in ihren Bundesländern werden dann eine Quarantäne anordnen, wie in Berlin weiter mitgeteilt wurde. Eine Frau aus Deutschland war zusammen mit zwei Erkrankten bereits am Mittwoch in die Niederlande ausgeflogen worden. Sie ist inzwischen – angeblich weiterhin symptomfrei – in Düsseldorf in Quarantäne. Sie hatte eine Deutsche begleitet, die zu den insgesamt drei Toten infolge des Hantavirus-Ausbruchs gehörte. Das RKI empfiehlt bis zu sechs Wochen Quarantäne In Deutschland empfiehlt das Robert-Koch-Institut (RKI) sechs Wochen Quarantäne für Kontaktpersonen ohne Symptome; das sei auch zu Hause möglich. Das Wohnortprinzip regelt, welches Gesundheitsamt zuständig ist. Nach Angaben der WHO erkrankten bisher acht Menschen, die auf dem Schiff waren, sechs davon nachweislich an dem Virus. Sobald die Evakuierung und der Transfer der Passagiere abgeschlossen sind, wird das Schiff betankt und für die Weiterreise vorbereitet. Dreißig Besatzungsmitglieder, die meisten von ihnen Philippiner, sollen an Bord bleiben, um das Schiff in die Niederlande zurückzufahren, wo es desinfiziert und auch der Leichnam der verstorbenen Deutschen entladen wird. Die Fahrt soll nach Angaben der Reederei noch einmal fünf Tage dauern. In Spanien war am Wochenende die Unruhe noch einmal gewachsen, nachdem zwei Verdachtsfälle einer Infektion bekannt geworden waren. Alle Personen, die in Quarantäne sind, waren an Bord des KLM-Flugzeugs von Johannesburg nach Amsterdam, in dem sich die später verstorbene niederländische Passagierin kurzzeitig befunden hatte. Ein erster PCR-Test einer Frau in Alicante fiel negativ aus. Nur kleinere Proteste auf den Kanaren Die angekündigten Proteste auf den Kanaren mobilisierten nur wenige Menschen. Auf Teneriffa hatte eine kleine Gewerkschaft von Hafenarbeitern zunächst damit gedroht, die Landung des Schiffs zu blockieren. An einer Demonstration am Freitag mit Slogans wie „Wir wollen Arbeit, nicht Krankheit“ nahmen aber nach lokalen Presseberichten nur etwa dreißig Personen teil. Am Tag zuvor waren es bei einer Protestkundgebung auf Gran Canaria etwa 50 Demonstranten. Dafür kam aus Rom ein großes Lob. Papst Leo XIV. bedankte sich bei den Kanaren für ihre Hilfsbereitschaft.