FAZ 30.05.2026
10:12 Uhr

Erneuerbare Energien: „Der geplante Industriestrompreis verfehlt sein Ziel“


Der Energiedienstleister Meistro kämpft für die erneuerbaren Energien. Die wollen auch seine Unternehmenskunden. Doch der Gesetzesentwurf von Katherina Reiche bedeutet scharfen Gegenwind.

Erneuerbare Energien: „Der geplante Industriestrompreis verfehlt sein Ziel“

Auf die Energiepolitik von Bundeswirtschaftsministern Katherina Reiche (CDU) ist Niels Keunecke nicht gut zu sprechen. Der Geschäftsführer der in Ingolstadt ansässigen Meistro GmbH kennt sich mit dem Energiebedarf mittelständischer Unternehmen bestens aus. Denn darauf ist sein Unternehmen spezialisiert. Die 140 Mitarbeitenden betreuen bundesweit 15.000 Unternehmenskunden. „Ab dem 1. Juli wird die Zahl aufgrund einer strategischen Akquisition auf 25.000 steigen“, berichtet Keunecke im Gespräch mit der F.A.Z. In der Energiepolitik Gas als bevorzugte Energieform zu positionieren, ist für ihn ein Irrweg. Zudem bedrohten die bekannten Entwürfe der geplanten Novelle zum Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) die Planbarkeit und Wirtschaftlichkeit des bisherigen Systems für erneuerbare Energien. „Der weitere Ausbau von Wind- und Solaranlagen wird sich deutlich verzögern“, befürchtet Keunecke. Für mittelständische Unternehmen entstehe eine hohe Investitionsunsicherheit. Schließlich werde ein signifikanter Teil der bis zu 400.000 Arbeitsplätze in der Erneuerbare-Energien-Branche gefährdet. Besonders kritisch sieht Keunecke im Gesetzentwurf des Wirtschaftsministeriums den sogenannten Redispatch-Vorbehalt. Demnach würden Investoren künftig Vergütungen verlieren, wenn sie weitere Windräder in überlasteten Regionen bauen wollen. Redispatch bedeutet, dass Netzbetreiber Kraftwerke anweisen, ihre Stromproduktion zu erhöhen oder zu senken, damit das Stromnetz stabil bleibt und Leitungen nicht überlastet werden. Reiche plant, dass Netzbetreiber die Neuanschlüsse von erneuerbaren Energien in sogenannten kapazitätslimitierten Netzgebieten ablehnen dürfen. Eine Forderung aus dem Eon-Konzern Darunter sind Regionen zu verstehen, in denen im Vorjahr mehr als drei Prozent des erzeugten Stroms aufgrund von Netzengpässen abgeregelt wurden. Es sei denn, die Produzenten verzichten auf Entschädigungszahlungen für den Redispatch. Für den Redispatch-Vorbehalt haben sich in den vergangenen Jahren Unternehmen aus dem Eon-Konzern starkgemacht, unter anderem der mehrheitlich von Eon kontrollierte Netzbetreiber Edis. Bis zu ihrer Ernennung als Wirtschaftsministerin im Mai 2025 war Reiche Chefin der Eon-Tochtergesellschaft Westenergie. Für den Redispatch-Vorbehalt wird Reiche über alle Parteigrenzen hinweg kritisiert, weil damit die Energiewende bedroht werden kann. Reiche verteidigt den Vorschlag, weil der unkontrollierte Ausbau erneuerbarer Energien keine Option sei. In einer Meistro-Studie vom Februar haben 30 Prozent der befragten Unternehmen Wind- und Solarenergie als wichtigste Technologien für die eigene Energiezukunft bezeichnet, trotz des aktuell gebremsten Ausbaus. Auf Batterieenergiespeichersysteme entfielen 22 Prozent, auf Wärmelösungen 21 Prozent. Befragt wurden im Oktober des vergangenen Jahres 400 Entscheider aus mittelständischen Unternehmen. Ihr Interesse an mehr Unabhängigkeit vom klassischen Strombezug ist groß – doch die Umsetzung hält damit nicht mit. Mangelnde Planungssicherheit Steigende Energiekosten, mangelnde Planungssicherheit und strukturelle Schwächen in der Energieversorgung setzten den industriellen Mittelstand in Deutschland zunehmend unter Druck, lautet die Kernaussage der Studie. Die Energieversorgung entwickelt sich für viele Unternehmen zur strategischen Schlüsselfrage in einer ohnehin schwierigen Wirtschaftslage. Auch vom Industriestrompreis hält der Energiefachmann Keunecke wenig. Denn er führe zu einer Ungleichbehandlung der Unternehmen, weil 85 Prozent davon nicht partizipieren könnten. „Zudem verfehlt der geplante Industriestrompreis sein Ziel, wenn nur die Hälfte des Stromverbrauchs entlastet wird und Unternehmen zugleich einen großen Teil des Rabatts wieder in Gegenleistungen investieren müssen“, fügt er hinzu. Für eine resiliente Wirtschaft sei es deshalb unerlässlich, das Energiesystem gesamtheitlich zu betrachten und unterschiedliche Technologien miteinander zu verknüpfen. Ziel muss es seinen Worten zufolge sein, die Abhängigkeit von Energieimporten zu verringern. „Wir haben nach dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine unsere Abhängigkeit von Russland durch eine Abhängigkeit von den USA ersetzt“, gibt Keunecke zu bedenken. Rund die Hälfte des Flüssiggases beziehe Deutschland nun von dort. Keunecke hält mehr Flexibilisierung und vor allem Digitalisierung für erforderlich. „Wir müssen den Anteil von Smartmetern deutlich erhöhen“, fordert er. Bislang haben diese intelligenten Messsysteme, die den Zählerstand digital und vollautomatisch, also ohne manuelles Ablesen übermitteln, einen Anteil von 5,5 Prozent an den Ablesegeräten. „Wir brauchen Speicherkapazitäten“ Die Energiepolitik müsse als System gedacht werden und nicht als einzelne Technologien. „Wir brauchen Speicherkapazitäten, die in einem Ausbau der Stromnetze installiert werden können“, sagt Keunecke. Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit müssten in integrierten Lösungen vereint werden. „Wird die Energiewende ausgebremst, drohen steigende Strompreise, mangelnde Versorgungssicherheit und fehlende Planungssicherheit“, warnt er. „Aus unserer Sicht stellt die derzeit diskutierte Ausgestaltung des Netzpakets eine Bedrohung für die Energiewende dar“, fügt Keunecke hinzu. Sie würde nicht nur klimapolitische Ziele gefährden, sondern auch wirtschaftliche Dynamik, Innovationskraft und Beschäftigung in einer Zukunftsbranche massiv beeinträchtigen. Das Unternehmen Meistro bedient nach den Worten des Geschäftsführers den Mittelstand. Perspektivisch sei das Unternehmen an der weiteren Akquise größerer Unternehmen mit höherem Verbrauch interessiert. Das Portfolio an mittelständischen Unternehmen hält Keunecke deshalb für interessant, weil es sehr diversifiziert ist und so Klumpenrisiken vermieden werden. Die Meistro-Gruppe hat drei Standbeine: Als Erstes ist die Meistro Energie zu nennen, die mittelständische Unternehmen mit grüner Energie versorgt. Das zweite Standbein ist die Erzeugung erneuerbarer Energie, für das die Meistro R.E. verantwortlich ist. Schließlich bietet die Meistro Solutions Energieberatung an. „Unser Ziel ist, dass die von uns erzeugte Energie bis 2030 einen Anteil von 30 Prozent an unseren Energielieferungen hat“, sagt Keunecke. Derzeit sind es rund zehn Prozent. Nach dem jüngsten, im Unternehmensregister einsehbaren Jahresabschluss hat die Meistro-Gruppe im Geschäftsjahr 2024 einen Umsatz von 320 Millionen Euro erzielt, der Gewinn vor Steuern und Zinsen belief sich auf 14 Millionen Euro.