FAZ 06.05.2026
07:28 Uhr

Erinnerungskultur: Kollektivstolz ist so falsch wie Kollektivschuld


Die AfD nutzt eine geschichtspolitische Schockstarre.

Erinnerungskultur: Kollektivstolz ist so falsch wie Kollektivschuld

Die Kulturpolitiker der AfD blasen nicht das erste Mal zum Angriff auf die Erinnerungskultur Deutschlands, wie sie sich nach der Achtundsechzigerbewegung und nach der Wiedervereinigung entwickelt hat. Durch ihr Treffen in Erfurt wird also nicht zum ersten Mal klar, dass der viel gepriesene Konsens in der Geschichtspolitik Deutschlands längst zerbrochen ist. Was das bedeutet, darüber wird in Deutschland nicht sachlich debattiert. Ebenso wenig findet eine Debatte darüber statt, warum diese doch recht intensiv gepflegte Erinnerungskultur nicht verhindert hat, dass der Rechtsextremismus so stark ist in Deutschland wie nie seit der Gründung der Bundesrepublik. Die etablierte Politik verharrt vielmehr in einer Art Schockstarre. Es geht nicht um Maß und Mitte Die Sympathien für die Position der AfD – „es war nicht alles schlecht in der deutschen Geschichte“ – dürften weit verbreitet sein. Sie gab es wohl schon immer. Die Parolen, die sich darauf gründen („Weg mit dem Schuldkult“ oder „Es muss auch mal Schluss sein mit der Vergangenheitsbewältigung“), finden Zuspruch besonders dort, wo der Umgang mit Deutschlands Verantwortung als lästige Pflicht, nicht als lebendiger Gründungsmythos der Bundesrepublik empfunden wird. Das reicht bis weit ins Bürgertum. Was die AfD dagegen anzubieten hat, ist nicht Maß und Mitte, wie sie vorgibt. Die Erinnerung an Otto den Großen ist schön und gut. Aber ist das 10. Jahrhundert für die Politik und das Gemeinwesen der Gegenwart so wichtig wie die Erinnerung an das 20. Jahrhundert und die beiden deutschen Diktaturen? Es vergeht kaum ein Tag, an dem deren Nachwirkungen nicht spürbar wären – und zwar nicht wegen, sondern trotz einer seit Jahren gepflegten geschichtspolitischen Kultur. Ganz zweckfrei sind die Forderungen der AfD natürlich nicht. Sie kultivieren damit die Vorstellung eines Volkes mit tausendjähriger Geschichte, das mehr positive als negative Züge trägt. Das aber, die dick aufgetragene Geschichtsmoral, ist just der wunde Punkt, den sie an der Erinnerungskultur kritisiert. Sie macht denselben Fehler. Wie in vielen anderen Punkten wird die AfD dabei zum Opfer ihres Volksbegriffs, den sie in nationalstaatlichen Glorienschein taucht. Das deutsche Volk muss dort als homogener, harmonischer, heller Körper erscheinen, der Großes vollbracht hat. Die Verherrlichung ist aber so falsch wie die Verteufelung, die Kollektivschuld so falsch wie der Kollektivstolz.