Die Silvesterfeste in der Wohngemeinschaft auf der Körnerwiese waren legendär. Man feierte bis in die frühen Morgenstunden, es wurde viel getrunken, die Kostüme hatte man sich aus dem Theaterfundus besorgt. Und Micha Brumlik, der Gastgeber dieser rauschenden Feste, hatte für eine Verkleidung ein besonderes Faible: der osmanische Botschafter am preußischen Hof – in dieser Rolle gefiel er sich. Daran erinnert sich Cilly Kugelmann, Weggefährtin von Brumlik in Frankfurt und Israel und später viele Jahre Programmdirektorin des Jüdischen Museums in Berlin. Zwischen den Stühlen, wandlungsfähig, zur Hinterfragung des eigenen Standpunkts stets bereit: So wird Micha Brumlik am Mittwochabend beschrieben. Neun langjährige Freunde des Publizisten, Erziehungswissenschaftlers, Philosophen und Politikers erinnern im vollbesetzten Hörsaal im Casino-Gebäude der Frankfurter Goethe-Universität an ihn. Brumlik ist im November nach schwerer Krankheit im Alter von 78 Jahren in Berlin gestorben. Diesen Abend, der seine Zeit in Frankfurt in den Fokus nimmt, haben die Bildungsstätte Anne Frank und das Fritz Bauer Institut organisiert. Das Institut, das die Geschichte des Holocausts und seine Wirkung in die Gegenwart untersucht, hat Brumlik von 2000 bis 2005 geleitet. Brumliks Eltern waren vor den Nazis in die Schweiz geflohen Nach Frankfurt ist er 1952 als Kind gekommen. Seine Eltern waren vor den Nationalsozialisten in die Schweiz geflohen, wo Brumlik 1947 in Davos geboren wurde. Als Jugendlicher war er in der zionistischen Bewegung aktiv. Nach dem Abitur lebte er zwei Jahre in Israel, wo ihn die Besatzungspolitik und die Feindschaft der Israelis gegenüber den Palästinensern abschreckten. Zurück in Frankfurt wurde Brumlik Teil der rebellierenden Studentenbewegung. Mit Cilly Kugelmann und Dan Diner gehörte er zu den „jungen Wilden“ in der jüdischen Gemeinde. Seine Aufsätze und Bücher sorgten für Furore, er zählte zu den Herausgebern von „Babylon – Beiträge zur jüdischen Gegenwart“ und der „Blätter für deutsche und internationale Politik“. An der Goethe-Universität wurde er Professor am Fachbereich Erziehungswissenschaften, für die Grünen zog er in die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung ein. Auf viele dieser Lebensstationen gehen Brumliks Wegbegleiter in ihren kurzen Reden ein. Sie sprechen über das für ihn offenbar lebenswichtige Schreiben und über sein politisches Engagement im Sozialistischen Büro. Sie berichten von seinen Auseinandersetzungen über Kant oder Adorno, über seine Entwürfe einer Philosophie und über seine Bemühungen um den jüdisch-christlichen Dialog – etwa in einem sich im Wochenrhythmus treffenden Bibel-Gesprächskreis in seiner Körnerwiesen-WG. Immer wieder betonen die Redner, wie bereitwillig Brumlik war, andere Meinungen nicht nur anzuhören, sondern auch anzunehmen, wenn sie ihn überzeugten. Vom „Mut, sich zu irren“ spricht der Publizist und Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit. „Mit einer Energie, die beeindruckt“, habe Brumlik seine intellektuellen Positionen hinterfragt und geändert, sagt er. Und fügt hinzu: „Damit hat er aber auch genervt.“ Ausgerechnet für Wagner schlug Brumliks Herz Denn nicht überall kamen Brumliks Widersprüche gut an. In seiner Partei zum Beispiel eckte er an, als er sie im Frankfurter Kulturausschuss vertrat. Die Grünen hätten damals für eine Kulturpolitik unter dem Motto „Fingerfarben statt Mozart“ gestanden, erinnert sich Cohn-Bendit. Dem „Opernfanatiker“ Brumlik sei das suspekt gewesen, gegen Kürzungen bei der Hochkultur opponierte er vehement. Auch ein solcher Widerspruch war seine Wagner-Liebe: Ausgerechnet für den judenfeindlichen Komponisten schlug Brumliks Herz besonders heftig. Meron Mendel, der in Israel geborene Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, war zu Brumlik gekommen, um bei ihm über die Lebenswelten jüdischer Jugendlicher in Deutschland zu promovieren: „Für mich war er zunächst nicht der Micha, sondern Professor Brumlik.“ Schon bei ihrem ersten Zusammentreffen habe der Wissenschaftler ihn beeindruckt: „Ich erinnere mich an seine Ausstrahlung, seine Stimme, sein Gestikulieren. Er war charismatisch und mitreißend“, sagt Mendel. Brumliks Offenheit gegenüber Widerspruch, seine Bereitschaft zu Dialog und Streit sei etwas, das in der Gesellschaft heute immer mehr fehle. „Er hat sich immer über das Gegenargument gefreut.“
