FAZ 01.10.2026
17:27 Uhr

Emmanuel Carrère: Auf der Suche nach der russischen Familien-DNA


Dieser Autor stammt aus einer prominenten französischen Familie, und seine Mutter bewunderte Russland. Emmanuel Carrère rechnet jetzt mit dieser Liebe ab – und nicht nur damit.

Emmanuel Carrère: Auf der Suche nach der russischen Familien-DNA

Im Französischen nennt man einen Spross, der im Schatten von Prominenz aufwächst, einen „fils de“ (Sohn von). Eine undankbare Rolle mit trügerischen Vorteilen, wie Emmanuel Carrère erfahren musste: 1986 lud ihn der französische Literaturpapst Bernard Pivot zusammen mit seiner Mutter Hélène Carrère d’Encausse (1929 bis 2023) in die legendäre Sendung „Apostrophes“ ein. Noch die frühen eigenen Schritte in der literarischen Öffentlichkeit machte Carrère so im Schatten der großen Historikerin, die von 1999 an Ständige Sekretärin der Académie française war und in Russlandfragen so viele Präsidenten beraten hat, dass man sie getrost als eine der einflussreichsten Figuren der Fünften Republik bezeichnen kann. Gut 40 Jahre später widmet Carrère ihr „Kolchose“, eine Familienbiographie, die „ein Jahrhundert und vier Generationen“ abschreitet. Carrères doppelter „Zugang“, wie er es nennt, ist der Tod seiner Mutter 2023 sowie Russlands Angriff auf die Ukraine. Letzterer hat erstens die putinfreundliche Mutter diskreditiert und zweitens ein schreckliches Gesicht enthüllt: das eines „echten Russen, der von Ressentiment, Gewalt, haarsträubender Unwissenheit und dem bösen Stolz bewohnt wird, verstanden zu haben, dass das Leben der Krieg aller gegen alle ist“. Carrère geht das an die Nieren: Mütterlicherseits kommt die Familie aus Russland und Georgien. Es gehören illustre Personen dazu, Graf Panin etwa, 1801 einer der Mörder von Zar Paul I., oder Niko Nikoladse, „Schriftsteller, Ökonom, Anwalt, Importeur der ersten Dusche in sein Land, Erbauer der ersten Eisenbahnlinie, Freund von Marx, Feind von Alexander Herzen und Übersetzer von Shakespeare ins Französische (ja, ins Französische)“. Die in ein Eisfach verwandelte Ehe Ob konservative Adlige oder liberale Bürgerliche, alle mussten vor der Revolution flüchten. Die weitverzweigte und wild gemischte Sippe, in der savoyische Heizungsmonteure auf georgische Präsidentinnen stoßen, erklärt die Wirkung auf Carrères Vater Louis, der nur einen falschen französischen Adelstitel zu bieten hatte. Der Sohn zweier Musiker aus Bordeaux war fasziniert von seiner Zukünftigen: „Hélène Surabischwili kennenzulernen und zu erobern war etwas, das man auf Englisch life-changing nennt, etwas, das das eigene Leben radikal verändert, zum Besseren oder Schlechteren, und es war Louis, der, zum Besseren oder Schlechteren, das große Los zog.“ Die Ehe sollte 71 meist unglückliche Jahre halten: Im Alter von etwa 40 beginnt Hélène eine Affäre mit einem Diplomaten, die Louis’ Selbstmorddrohung beendet; sie rächt sich, indem sie die Ehe in ein Eisfach verwandelt. Louis hält das nicht davon ab, seine Frau zu lieben; das ist der tragische Hintergrund, vor dem der Schriftsteller aufwächst. Und es ist die Nahrung für sein Buch: Carrère greift auf fünf Aktenordner Material zurück, die sein Vater in liebevoller Recherche über die Familie seiner Frau angehäuft hat. Beruflich hat sie enormen Erfolg: Die Sciences-Po-Absolventin wird zur Geschichtsprofessorin an der Kaderschmiede. Die Mutter dreier Kinder verwandelt sich: „Die enthusiastische, fröhliche junge Frau, mit der meine Schwestern und ich Kolchose gemacht hatten, war ersetzt worden. Das Gesicht von Mama, deren kleiner Helenou ich für immer zu sein geglaubt hatte, war hart geworden und genauso erschrocken wie erschreckend. Ihre kurzsichtigen Augen schienen einerseits nichts mehr und andererseits alles zu sehen. Sie schaute nicht mehr, sie musterte. Eine andere Frau bewohnte ihren Blick.“ Ihr Bruder Nicolas konstatiert hellsichtig: „Hélène ist nicht nur eine Historikerin der Sowjetunion, sie ist eine sowjetische Historikerin.“ Das titelgebende Kolchose – bei Abwesenheiten des Vaters wurden dazu die Matratzen im elterlichen Schlafzimmer zum Lager zusammengeschoben – bringt große und kleine Geschichte überraschend zusammen; der Wortgehalt nimmt die Entwicklung geschickt vorweg. Genau das ist das Interesse dieser mühelosen und anekdotenreichen Carrère-Plauderei, von der man wieder nicht weiß, ob sie amüsant ist oder abgründig. Für Letzteres spricht, dass Carrère sich wie in „Ein russischer Roman“, der seinem Großvater mütterlicherseits gewidmet war, auf ein Familienmitglied einlässt, das es erlaubt, die Kehrseite der Existenz zu erforschen. Man erfährt nebenbei, dass die Familie oft aufs falsche Pferd gesetzt hat: Adlige im Dienst grausamer Zaren, Nazi-Kollaborateure, „politisch immer auf der unsympathischsten Seite“. Banaler ist der Großvater väterlicherseits, ein „jovialer, hemmungsloser Bock“, der seine Frau betrügt und mies behandelt. Dostojewski, das ist die ganze russische DNA Der Blick hinter die Kulisse zeigt: Das Erbe ist ebenso sehr Hindernis wie Vorteil; das gilt auch für die Mutter. „Kolchose“ ist ein grausamer Liebesbeweis: Carrère ist ihr tief verbunden, leuchtet aber unbarmherzig ihre Schattenzonen aus, ihre methodisch und persönlich fragwürdige Fixierung auf große Männer, die Verleugnung der georgischen Wurzeln, ihre brutale Willensstärke. Nicolas enthält sie den Abschied von der sterbenden Mutter vor, ihr Mann erfährt von ihrem eigenen Tod durch die Kinder – obwohl die halbe Familie im Hospiz Abschied nehmen durfte. Inbegriff dessen ist der von Mutter und Sohn verehrte Dostojewski, dessen Komplexität ästhetisch ebenso überzeugend wie politisch fatal ist. Die Ukrainer bringen es auf den Punkt: „Strafe ohne Verbrechen, Verbrechen ohne Strafe“, das sei bereits „die ganze russische DNA“. Allerdings ist es genau das, was Carrère in „Kolchose“ tut: Komplexität suchen, Schwarz und Weiß in Grau auflösen. Es ist der literarische Gewinn seines autobiographischen Schreibens: sich Gegenstände zu suchen, an denen die Grenze von Wahrheit und Erfindung anfängt, Schlangenlinien zu ziehen. Emmanuel Carrère: „Kolchose“. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Matthes & Seitz, Berlin 2026. 432 S., geb., 28,– €.