FAZ 16.09.2026
11:01 Uhr

EU-Sanktionen: Exklusiv-Importeur edler Havanna-Zigarren ist insolvent


Ein kleines Unternehmen aus dem Schwarzwald verkauft die begehrten Luxus-Zigarren aus Kuba. Nun ist es zwischen die Fronten des Kampfs gegen die internationale Kriminalität geraten.

EU-Sanktionen: Exklusiv-Importeur edler Havanna-Zigarren ist insolvent

Selbst Nichtrauchern sind die legendären kubanischen Zigarren ein Begriff. Weit weniger bekannt ist das Unternehmen, das die dicken Glimmstengel aus der Karibik auf den deutschen Markt bringen darf. Havannas oder Habanos heißen die handgerollten Premiumzigarren „Made in Kuba“. Offizieller Alleinimporteur von Habanos in Deutschland, Österreich und Polen ist eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung namens 5th Avenue Products Trading GmbH. Der mondäne Firmenname erinnert an die brodelnde Geschäftsstraße durch Manhattan, doch der Firmensitz befindet sich im idyllischeren Waldshut-Tiengen im Südschwarzwald. Obwohl das Geschäft mit den Habanos lukrativ ist, hat das Unternehmen die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Das Amtsgericht Waldshut-Tiengen hat den Rechtsanwalt André Berbuer von der Freiburger Kanzlei BSK Berbuer Speier Kuhn laut einer Bekanntmachung vom 9. September zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt. Der Insolvenzantrag hat einen ungewöhnlichen Hintergrund. Offenbar ist der Havanna-Importeur unverschuldet zwischen die Fronten des Kampfs internationaler Behörden gegen die organisierte Kriminalität geraten. Müssen Zigarrenfreunde jetzt um den Habanos-Nachschub zittern? Das Unternehmen setzt laut einer Mitteilung alles daran, das zu verhindern. „Vorbehaltlich der geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen und der operativen Umsetzbarkeit ist es unser Ziel, die Geschäftstätigkeit so bald wie möglich wieder aufzunehmen“, heißt es darin. Da es sich um einen Exklusiv-Importeur handelt, können Händler die Havannas nicht aus alternativen Quellen beschaffen, wenn ihre Lagerbestände abverkauft sind. Das könnte vor allem für Tabakläden ein Problem werden, die ausschließlich oder größtenteils auf den Verkauf von Habanos setzen. Warum es zum Insolvenzantrag kam Laut Insolvenzverwalter Berbuer geht die Insolvenz ausschließlich auf Sanktionen der Europäischen Union zurück, die gegen einen mittelbaren Gesellschafter verhängt wurden. Diese schlagen, jedenfalls nach derzeitigem Stand, auf das Unternehmen durch. Nun werde versucht, im Austausch mit den zuständigen Behörden einen Konsens und Arbeitsmodus zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs zu finden. „Hierauf liegt aktuell der Schwerpunkt“, teilte Berbuer der F.A.Z. auf Anfrage mit. Das Problem: Alle Vermögenswerte des Unternehmens gelten wegen der EU-Sanktionen als eingefroren. Es kann daher zum Beispiel kein Geld überweisen, weil die Konten gesperrt sind. Derzeit ist es technisch zahlungsunfähig, auch wenn es über genug Liquidität verfügt. Der Insolvenzverwalter versucht, bei den zuständigen Bundesbehörden eine Freigabe zumindest von Teilen des Vermögens zu erreichen. Ein Blick in die Abgründe internationaler Kriminalität Hintergrund der Sperre sind laut „Die Tabakzeitung“ EU-Sanktionen gegen das milliardenschwere kriminelle Konglomerat Prince Holding Group aus Kambodscha und dessen Vorsitzenden Chen Zhi. Der Organisation werden Onlinebetrug, Menschenhandel, Entführungen und Folter vorgeworfen. Südostasiatische Banden haben massenhaft Menschen in regelrechte Scam-Zentren gelockt und diese zu systematischen Betrugsfeldzügen quer durch das Internet gezwungen. Die unzähligen Opfer der Cyberbetrüger sind über die ganze Welt verstreut. Mittlerweile haben internationale Behörden begonnen zurückzuschlagen. Chen Zhi, der Kopf der Prince Holding Group, wurde verhaftet und in die Volksrepublik China gebracht. Mit den Verbrechermethoden der Scammer hat die Havanna-Importfirma aus Waldshut-Tiengen nichts zu tun. Sie ist nur zwischen die Fronten geraten, weil der mutmaßliche Bandenführer Chen Zhi nach Recherchen des Onlineportals „Halfwheel“ über internationale Holdingstrukturen an dem halbstaatlichen kubanischen Zigarrenvertreiber Habanos S.A. beteiligt ist. Die Habanos S.A. wiederum hält Anteile an der 5th Avenue Products Trading, sodass Chen Zhi laut „Halfwheel“ rechnerisch 16 Prozent an dem Unternehmen zugerechnet werden. Die mittelbare Verflechtung habe Banken zur Sperre der Konten veranlasst. Der exklusive Havanna-Importeur 5th Avenue wurde 1989 von dem vor etwa einem Jahr verstorbenen Schweizer Zigarren-Unternehmer Heinrich Villiger als Gemeinschaftsunternehmen mit der kubanischen Habanos S.A. gegründet. Es vertreibt laut Firmenwebseite 27 Habanos-Marken wie Bolívar, Montecristo oder Cohiba hauptsächlich über qualifizierte Tabakhändler. Laut Insolvenzverwalter Berbuer betreibt das Unternehmen keine eigenen Läden, liefert aber, zum Teil exklusiv, an etwa 200 Geschäftspartner und Einzelhändler in Deutschland. Es beschäftigt aktuell 49 Mitarbeiter. Auf dieses starke Fundament will das Unternehmen in der schwierigen Situation bauen. „Wir setzen uns mit voller Überzeugung dafür ein, diese Stärken zu erhalten und auf eine nachhaltige Zukunft des Unternehmens hinzuarbeiten“, heißt es in der Mitteilung. Die weiteren Entwicklungen werde es sorgfältig bewerten und über Neuigkeiten informieren.