FAZ 12.05.2026
12:55 Uhr

ESC-Tagebuch aus Wien (3): Nur wenige Zuschauer konnten 2025 über den Sieg mitentscheiden


Hat eine Kampagne der israelischen Regierung den ESC 2025 beeinflusst? Ein Artikel aus der „New York Times“ legt das zumindest nahe. Die EBU sieht das ganz anders.

ESC-Tagebuch aus Wien (3): Nur wenige Zuschauer konnten 2025 über den Sieg mitentscheiden

Ein Artikel in der „New York Times“ verursacht einigen Wirbel beim Eurovision Song Contest (ESC) in Wien. Darin deckt die Zeitung auf, dass nur wenige Hundert Personen über die Zuschauerstimmen das Abstimmungsergebnis beim ESC in Basel vor einem Jahr massiv beeinflussen konnten. Die Zeitung nennt als Beispiel Spanien, eines von zwölf Ländern, darunter auch Deutschland, die der israelischen Sängerin Yuval Raphael und ihrem Lied „New Day Will Rise“ zwölf Punkte zuerkannten. Weitere zwölf Punkte bekam sie vom Rest-of-the-World-Voting, bei dem auch Länder, die nicht am ESC teilnehmen, abstimmen können. Die Daten stammen von verschiedenen Rundfunkanstalten, die Europäische Rundfunkunion (EBU) schlüsselt diese nicht eigens auf, um die Sicherheit des Song Contests nicht zu untergraben, wie es heißt. Der spanische Sender RTVE, der den ESC in diesem Jahr wegen der Teilnahme Israels boykottiert, hat die Zahlen nun aber offenbar der „New York Times“ zur Verfügung gestellt. Raphael gewann demnach in Spanien haushoch, mit rund 33,34 Prozent der Stimmen. Auf Platz zwei folgte die Ukraine mit 6,74 Prozent, Österreich schaffte es nur auf Platz sieben mit 3,47 Prozent. Jeder Zuschauer konnte zwanzigmal für einen Beitrag anrufen Im vergangenen Jahr konnte jeder Zuschauer zwanzigmal für seinen Favoriten anrufen. Um auf ihre 47.570 Stimmen zu kommen, hätte die Israelin Raphael also nur von 2378 besonders fleißigen Anrufern die höchstmögliche Zahl von Stimmen bekommen müssen. Bei dem großen Abstand zum Zweitplazierten hätten auch viel weniger besonders aktive Personen an Handys und Telefonen genügt. Brisant ist die Auswertung vor allem, weil die israelische Regierung vor einem Jahr massiv Werbung für die eigene Kandidatin machte, Premierminister Benjamin Netanjahu selbst rief in den sozialen Medien dazu auf, zwanzigmal für Yuval Raphael abzustimmen, genauso wie auch etliche von der Regierung finanzierte proisraelische Gruppen überall in Europa. Die Israelin kam am Ende auf 297 Punkte von den Zuschauern, die Jurys hatten ihr nur 60 Punkte zuerkannt. Es reichte dennoch für Platz zwei im Finale hinter dem Österreicher JJ und seinem Lied „Wasted Love“. Im Interview mit der F.A.Z. hatte Martin Green am Montag eine mögliche Beeinflussung des Ergebnisses durch die Kampagne der israelischen Regierung kategorisch ausgeschlossen. Man habe allerdings den Eindruck gehabt, „die Promotion einiger Mitglieder sei etwas übertrieben gewesen“. Deswegen habe die EBU „das mit unseren Mitgliedern besprochen und neue Regeln und Richtlinien eingeführt“. Zuschauer können nun nur noch zehnmal ihre Stimme abgeben, zudem wurden in diesem Jahr wieder Jurys in den Halbfinals eingeführt, wie es sie bis 2022 schon gab. Während der Shows in Wien werden die Zuschauer darüber hinaus dazu aufgefordert, ihre Stimmen auf mehrere Künstler zu verteilen. Laut EBU war das allerdings auch im vergangenen Jahr der Fall: Demnach stimmt die große Mehrheit nur ein- bis fünfmal ab und dann auch nicht nur für ein Land. Auf einer Pressekonferenz sagte Green am Montag, es gebe offenbar einen weiteren Artikel darüber, wer den Song Contest nicht gewonnen habe. Er könne nur mit Freude wiederholen, was er dazu schon oft gesagt habe: „JJ hat den ESC fair und ehrlich gewonnen.“ Noam Bettan nicht ausgebuht Die Diskussionen aber gehen weiter. Und das am Tag des ersten Halbfinales, in dem auch der Israeli Noam Bettan antritt. Sein gänzlich unpolitisches Lied „Michelle“, das er auf Englisch, Französisch und Hebräisch singt, handelt von einer toxischen Liebe und wie er davon loskommt. Bei der zweiten Generalprobe am Montagabend, auch Juryprobe genannt, wurde der Achtundzwanzigjährige hörbar nicht ausgebuht, wenn, dann nur sehr vereinzelt in der großen Halle. Direkt nach Israel ist Sarah Engels auf der Bühne zu sehen. Die deutsche Kandidatin tritt wie Italien (nach Georgien auf Startplatz sechs) außer Konkurrenz an. Den im Finale gesetzten Teilnehmern soll damit die Chance gegeben werden, ihr Lied samt Choreographie schon einmal vor großem Publikum auf der ESC-Bühne zu präsentieren. Die anderen drei Finalisten Frankreich, Gastgeber Österreich und das Vereinigte Königreich sind am Donnerstagabend dran. Die zweite Generalprobe am Vorabend wird von den Jurys bewertet Im ersten Halbfinale sind auch die hoch gehandelten Finnen an der Reihe: Linda Lampenius & Pete Parkkonen haben Startplatz sieben. Lampenius ist Violinistin und zählt zu den großen Klassikkünstlern ihres Fachs. Ihr Lied  „Liekinheitin“ („Flammenwerfer“) handelt von einer Person, „die heiß ist und dann plötzlich eiskalt wird“, wie die 56 Jahre alte Lampenius sagt. „Ich selbst war oft diejenige, die die Beziehung verlassen hat.“ Sie und der 20 Jahre jüngere Parkkonen haben an dem Titel mitgeschrieben. Die zweite Generalprobe am jeweiligen Vorabend ist auch deshalb so wichtig, weil sie von den Jurys bewertet wird. Und diese stimmen zur Hälfte mit ab. Die Namen der Juroren auch aus Deutschland sind noch nicht bekannt, nur dass der Sänger Wavvyboi, der beim deutschen Vorentscheid auf den zweiten Platz kam, die Punkte der Jury als ihr Sprecher für Deutschland verkünden wird. Im Nachgang zum ESC 2025 gab es auch einige Änderungen: So wurde die Anzahl der Juroren pro Land von fünf auf sieben erhöht, zwei von ihnen müssen zwischen 18 und 25 Jahren alt sein. Zudem können nun auch Musikjournalisten, Musikkritiker, Musiklehrer, aber auch Choreographen Teil der Jury sein. Zuvor mussten die Juroren aus der Musikbranche kommen: Hörfunkmoderator, Musiker, Textdichter, Komponist sowie Produzent. Neu ist auch, dass sie eine Erklärung unterschreiben müssen, dass sie unabhängig und unvoreingenommen ihre Stimme abgeben werden.