Dürre in Deutschland Ein Land im Trockenstress Von JENS GIESEL, CLAUDIA BOTHE, SANDRA LIERMANN und FRAUKE ZBIKOWSKI Zuletzt aktualisiert: 24.07.2026, 10:00 Uhr 24. Juli 2026 · Das erste Halbjahr des Jahres 2026 war in Deutschland zu trocken – wie bereits im letzten Jahr. Schon im Winter fiel nicht besonders viel Niederschlag, weder Regen noch Schnee. Die Folge: Dürre. Aber was heißt das in einem Land, das lange als wasserreich galt? In Süddeutschland fiel im Frühjahr weniger als die Hälfte des üblichen Niederschlags, meldete der Deutsche Wetterdienst (DWD). Nicht mal gelegentliche Starkregen wie am Alpenrand oder die Feuchtigkeit im äußersten Nordwesten konnten das Defizit ausgleichen – an zu wenigen Orten kam das Wasser runter. Immerhin in Brandenburg, sonst eher ein Sorgenkind, was Dürre betrifft, fielen noch 84 Prozent des sonst jahrelang üblichen Niederschlags. Deutschlandweit gesehen waren die Monate März bis Mai, selbst im Vergleich mit den Jahren 1991 bis 2020, die schon trockener waren als das langjährige Mittel, ärmer an Regen. 126 Liter pro Quadratmeter Niederschlag fielen im Frühjahr laut DWD. Das zeigt auch der Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ), in Leipzig. Aus den Niederschlagsdaten der Wetterstationen berechnen die Wissenschaftler dort, wie feucht die Böden sind. Die Karten und Grafiken zeigen hier, wo die Böden besonders trocken sind und wo es besonders viel oder besonders wenig regnet. Zudem zeichnen die Grafiken die langjährigen Entwicklungen nach, sie werden täglich aktualisiert. Wie viel Regen oder Schnee fällt, beeinflusst mehrere Bodenschichten. Ist in den oberen Bodenschichten bis 25 Zentimeter Tiefe wenig Wasser, beeinträchtigt das die Gras- und Strauchvegetation: Im Frühjahr keimt die Saat schlecht auf den Äckern, und kleine Pflanzen stellen das Wachstum ein. Ob das Wasser im Boden für die Pflanzen verfügbar ist, hängt allerdings noch von dessen Struktur ab: Sind die Poren im Boden klein, steht das Wasser den Pflanzen lange zur Verfügung. Große Poren können das Wasser nicht so gut halten, es läuft schneller ab und landet auch schneller im Grundwasser. Ob und wie gut Grundwasser gebildet wird, hängt von der Gesamtfeuchte bis etwa 1,80 Meter Tiefe ab. Wenn Dürre herrscht, heißt das nicht unbedingt, dass der Boden knochentrocken und rissig ist. Denn Dürre ist ein relativer Begriff. Wissenschaftler sprechen dann von Dürre, wenn der Boden trockener ist als in 80 Prozent der Jahre. „Das hat seinen Sinn“, sagt Andreas Marx, Leiter des Mitteldeutschen Klimabüros am UFZ. Denn Pflanzen sind in der Regel an ihren eher trockenen oder eher feuchten Standort angepasst. Das heißt: In Gegenden, in denen es normalerweise viel regnet, braucht die Vegetation generell mehr Wasser. „Beispielsweise im Bayerischen Wald und im Schwarzwald gab es Schäden, obwohl es nicht nach Wasserstresssituationen für Wälder ausgesehen hat“, berichtet Marx. Dürre im Winter kann sich in solchen regenreichen Gebieten also durchaus feucht anfühlen. Denn im Winter erholen sich die Grundwasserstände, und die steigen weniger stark an, wenn der Boden nur leicht feucht ist. Das ist für die Wasserwirtschaft bei aufeinanderfolgenden Dürrewintern ein Grund, sich Sorgen zu machen. Der Klimawandel begünstigt Dürren in Deutschland. „Hier ist es im Durchschnitt mittlerweile etwa zwei Grad wärmer als noch vor 100 Jahren“, berichtet Peter Hoffmann, Meteorologe am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Aber nicht nur die höheren Temperaturen führen dazu, dass mehr Wasser verdunstet, „sondern auch die zu sonnigen und zu windigen Witterungsbedingungen der letzten Wochen tragen dazu bei“, sagt Hoffmann. Diese Kombination aus Trockenheit, sonnigem Wetter und starkem Wind beschleunigt das Austrocknen von Böden. Wenn es dann doch mal regnet, gelangt nur wenig in tiefere Bodenschichten. In der Region Berlin-Brandenburg beispielsweise verdunsten im Sommer etwa 90 Prozent des Niederschlags. Dazu kommt, dass sich die Wetterlagen verändert haben: Jahrhundertelang hat der Atlantik das Wetter bestimmt. „Aber die gewohnten Regengebiete bleiben öfter stecken“, sagt Hoffmann, stabile Hochdruckgebiete, beispielsweise über den britischen Inseln, blockieren sie, stattdessen ziehen sie über das Mittelmeer. In der Folge bleibt es über Nord- und Ostdeutschland sehr trocken. Im Westen Deutschlands landen jährlich generell 200 bis 300 Millimeter mehr Niederschlag als im Windschatten des Harzes in Sachsen-Anhalt oder in Brandenburg. In diesem Jahr kam im Juni eine sogenannte Omega-Wetterlage hinzu, die sehr stabil ist und die heiße Luft aus Nordafrika nach Deutschland brachte. Das führte dazu, dass die Landschaft weiter austrocknet. Daher war es in allen Bundesländern trockener als sonst. In Bayern war es nach den bisherigen Zahlen das trockenste Frühjahr seit Beginn der Wetteraufzeichnung im Jahr 1881. So litten vor allem Weizen und Raps unter Hitze und Trockenheit, meldete der Bayerische Bauernverband und warnt vor schlechten Ernten. Das Voralpenland gehört sonst zu den wenigen Regionen in Deutschland, in denen es üblicherweise mehr regnet. Diese Gegend ist nicht nur stärker vom Mittelmeer beeinflusst, sondern auch durch das Hochgebirge, wo häufiger lokale Gewitter niedergehen oder wo durch die Stauwirkung der Berge der Regen intensiver sein kann. Die trocken-warme Witterung und die geringen Niederschläge in diesem Juni haben dazu beigetragen, dass die Wasserstände an vielen Flüssen in Deutschland wieder extrem niedrig sind. Besonders betroffen: Elbe, Donau und Rhein. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde rechnet nicht damit, dass sich die Situation im Laufe des Sommer noch grundlegend ändert. Generell haben sich die Extreme verstärkt. „Wir haben sehr feuchte Jahre und dann wiederum sehr, sehr trockene Jahre“, sagt Hoffmann, „es fehlen die Jahre ohne extreme Ausschläge.“ Text: Frauke Zibrowski Datenanalyse, Grafiken: Claudia Bothe, Jens Giesel, Sandra Liermann Projektkoordination: Julia Bellan Gestaltung: Katharina Hofbauer Programmierung: Rainer Stierli, Jens Giesel, Katharina Hofbauer, Corinna Zander Datenanalyse: Oliver Schlömer Weltweite Dürre: Wo das Wasser hingeht Stress fürs Grundwasser
