Führende Finanzfachleute warnen, dass mit dem schnellen Wachstum von Privatkrediten („private credit“) Risiken drohen, deren Ausmaß unklar ist. Ein wichtiger Grund für das Nichtwissen sind Datenlücken, die „eine effektive Aufsicht über den Sektor erschweren“. So heißt es in einem am Mittwoch vorgelegten Bericht des sogenannten Finanzstabilitätsausschusses (Financial Stability Board, FSB). Das FSB versammelt Notenbanken, Finanzaufseher und global tätige Finanzinstitute, um Risiken für die Finanzstabilität zu erkennen und um Empfehlungen für eine bessere Finanzaufsicht oder Regulierung zu geben. Das FSB weist nun darauf hin, dass der Sektor der Privatkredite noch nicht in einem schweren oder lang andauernden wirtschaftlichen Abschwung getestet worden sei. Das Gremium, dem der britische Notenbankgouverneur Andrew Bailey vorsteht, mahnt zur generellen Vorsicht. Erinnerungen an die Lehman-Finanzkrise Die Mahnung erinnert an Aussagen von Finanzaufsehern vor der globalen Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009, nach denen man nicht wisse, wer alles die verbrieften amerikanischen Hypothekenkredite, die damals die Krise auslösten, gekauft habe und wo entsprechende Risiken für die Finanzstabilität drohten. In dem neuen Bericht gibt das FSB keine Antwort auf die an den Finanzmärkten heiß diskutierte Frage, ob mit dem rasanten Wachstum von Privatkrediten eine neue Finanzkrise drohe. Das FSB weist vielmehr auf mögliche Risiken hin, die es zu beachten gelte. Erst vergangene Woche hatte Michael Barr, einer der Gouverneure der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, in Sachen Privatkredite vor einer möglichen „psychologischen Ansteckung“ und einer breiteren Kreditklemme gewarnt. Privatkredite sind Ausleihungen an den Geschäftsbanken vorbei, mit denen private Kapitalgeber oder auch spezielle Fonds Kredite an Unternehmen ausreichen. Amerika und Europa sind die größten Märkte Nach vom FSB zitierten Schätzungen stieg das Volumen an Privatkrediten in den vergangenen Jahren rasant auf 1,5 Billionen bis 2 Billionen Dollar (Stand 2024). Die größten Märkte und die Märkte mit dem größten Wachstum sind demgemäß die Vereinigten Staaten mit einem Volumen von rund 1 Billion Dollar, die Europäische Union und das Vereinigte Königreich. Kleinere Märkte gäbe es in Kanada, Hongkong, Japan, der Schweiz und in Südafrika. Eine Besorgnis der Finanzaufseher ist, dass Geschäftsbanken durch Ausleihungen an die speziellen Fonds indirekt an den Risiken der Privatkredite teilhaben. Das FSB beziffert das Volumen entsprechender Kreditlinien der Banken an Privatkreditfonds auf global 270 Milliarden bis 500 Milliarden Dollar, was einem kleinen Bruchteil des regulatorischen Eigenkapitals entspräche. Im Jahr 2024 beliefen die entsprechenden Kreditlinien sich nach den FSB-Daten in den Vereinigten Staaten auf fast 100 Milliarden Dollar und im Euroraum auf mehr als 60 Milliarden Dollar. Mögliche Risiken erkennt das FSB zudem in der hohen Konzentration der Privatkredite auf bestimmte Wirtschaftsbereiche wie Technologie oder Gesundheit, in steigenden Ausfallraten der Kredite und im mangelhaften Wissen über die Kreditqualität. Die Komplexität des Sektors, die finanziellen Hebel und die Vernetzung der Beteiligten könne den Stress in ungünstigen Szenarien verstärken und breitere Risiken für die Finanzstabilität darstellen, sagte John Schindler, der Generalsekretär des FSB, vor Journalisten. Er betonte, dass die Datenunsicherheiten eine akkurate Beurteilung der gesamten Marktgröße ausstehender Privatkredite und der Schwachstellen in dem Sektor verhinderten. Zu den statistischen Unsicherheiten trägt nach Analyse des Forums bei, dass es keine global harmonisierte Definition von Privatkrediten gibt. Das erschwere internationale Vergleiche in der Analyse.
