Es klingt nach verkehrter Welt, wenn die Ukraine jetzt Deutschland beim Bau von Langstreckendrohnen unterstützt, während Deutschland der Ukraine bis heute vorhandene Langstreckenwaffen für die Verteidigung gegen russische Angriffe verweigert. Mychajlo Fedorow aber hält sich mit solchen Lamentos nicht auf. Seitdem er im Januar Verteidigungsminister in Kiew wurde, krempelt er das Ressort um wie keiner vor ihm. Das liegt weniger an jugendlicher Unbekümmertheit – Fedorow ist erst 35 Jahre alt –, sondern an seiner Erkenntnis, dass „Technologie die Währung für den Sieg“ bedeutet. Schon an seinem vorherigen Platz als Digitalminister setzte Fedorow auf Technik und Tempo. Als er 2019 das Amt übernahm, gab er als Ziel an, dass jeder Bürger mit einer einzigen App alle Behördengänge regeln können sollte. Binnen neun Monaten entstand die App „Dija“, die heute die Mehrzahl der Ukrainer nutzt, um Dokumente zu hinterlegen, Firmen zu gründen, Steuererklärungen abzugeben oder Sozialleistungen zu beantragen. Vom Bauplan zur Frontlinie in Rekordzeit Den gleichen Elan legt der Mann bei der Reform der Verteidigungsfähigkeit der Ukraine an den Tag. Kiew kann mit der Masse an Menschen und konventioneller Technik, die Russland auffährt, nicht mithalten. Fedorow aber erkannte früh das Potential von Drohnen und baute als Digitalminister deren Erforschung, Entwicklung und Produktion aus. Jetzt mobilisierte er IT-Firmen, Ingenieure und Programmierer, um auch Bodenroboter und Künstliche Intelligenz für die Verteidigung zu nutzen. Erst kürzlich eroberte die Ukraine erstmals eine russische Stellung ausschließlich mit Robotern. Sobald eine neue Technologie im Einsatz überzeugt, lässt Fedorow sie in Masse herstellen. Auch darin ist die Ukraine heute anderen Ländern überlegen. „Vom Bauplan zur Frontlinie in Rekordzeit“, meldet er diese Woche auf seinen Social-Media-Kanälen eine neue KI-gestützte Anlage zur Drohnenabwehr. „Nächster Schritt: massive Skalierung.“ Erklärtes Ziel ist es, künftig 95 Prozent der auf die Ukraine abgefeuerten Drohnen und Raketen abzufangen. Heute sind es 90 Prozent bei Drohnen und 80 bei Raketen. Zudem sorgt der Minister für Transparenz in der Armee, veröffentlichte Desertionszahlen, leitete Untersuchungen bei Verfehlungen ein und implementierte ein Belohnungssystem für zerstörte gegnerische Technik und Soldaten. Fedorow stammt aus Wassyliwka, einer Kleinstadt im Südosten der Ukraine, die heute russisch besetzt ist. Er studierte Management und Soziologie, gründete eine Online-Werbeagentur, durch die Wolodymyr Selenskyj auf ihn aufmerksam wurde und die Wahlkampagne in seine Hände legte. Er mache das alles nur wegen Selenskyj, hat Fedorow einmal gesagt. Ihm traue er zu, das Land am Leben zu halten.
