FAZ 04.06.2026
10:37 Uhr

Drag-Queen am Altar: Wenn der Pfarrer im Glitzertalar predigt


Regenbogenfarben im Gotteshaus? Ein schwuler Frankfurter Pfarrer hält einen Drag-Gottesdienst – und die Gemeinde ist begeistert.

Drag-Queen am Altar: Wenn der Pfarrer im Glitzertalar predigt

Feier der Vielfalt Drag-Gottesdienst Wenn der Pfarrer im Glitzertalar predigt Von MONIKA GANSTER (Text) und JANEK STEMPEL (Fotos) 4. Juni 2026 · Regenbogenfarben im Gotteshaus? Ein schwuler Frankfurter Pfarrer hält einen Drag-Gottesdienst und die Gemeinde ist begeistert. Der Pfarrer glitzert. Er schimmert in einem schwarzen Pailletten-Talar mit einer Stola in pastelligen Regenbogenfarben. Das Gewand hat sein Ehemann genäht. An diesem Sonntag kennt das Glitzern und Leuchten in der Friedenskirche kein Halten mehr: Auf dem Teppich des Mittelgangs funkelt der verstreute Glitter, im Taufbecken ruht eine Discokugel, am Altar pulsiert eine bunte Lichterkette, und von den Armen des auferstandenen Jesus hängen bodenlange Glitzerfäden. „Mein Sohn meinte nur: So stellt sich wohl die AfD einen evangelischen Gottesdienst vor“, sagt der Vorsitzende des Kirchenvorstands, Arne Knudt, und kann darüber herzhaft lachen: „Genau so wollen wir es hier.“ Pfarrer Nulf Schade-James begrüßt sein Publikum zu einem Drag-Gottesdienst mit einem breiten Lächeln: „Guten Morgen, ihr wundervollen Menschen.“ Die Kirchengemeinde Frieden und Versöhnung im Frankfurter Stadtteil Gallus kennt ihren „Dorfpfarrer“, wie Schade-James sich selbst nennt, in all seinen Farben. Als er vor fast 37 Jahren seine Pfarrstelle antrat, machte er zur Bedingung, mit seinem Lebenspartner David James ins Pfarrhaus ziehen zu dürfen. Der liberale Kirchenvorstand stimmte zu und steht bis heute zu seinem unkonventionellen Geistlichen. Denn Schade-James ist für seine Gemeinde vor allem empathischer und engagierter Seelsorger, der im Viertel Kinder konfirmiert, sie als Erwachsene traut und ihre Eltern und Großeltern zu Grabe trägt. Ein ganz normaler Pfarrer eben, der mit seiner Freude an Verkleidung zunächst im Männerballett zu Karneval auftrat und Jahre später abendfüllende Drag-Shows gestaltete. Letztlich ist Drag nur die Abkürzung für einen alten englischen Theaterbegriff: „Dressed resembling a girl“ - Männer in Frauenkostümen. Heute ist Drag eine Kunstform, die mit Geschlechterrollen spielt und besonders in der queeren Community populär ist. Pfarrer Nulf Schade-James begrüßt sein Publikum. Hier in der Kirche wundert sich niemand über das Farbenspiel der Dekoration. Es erstaunt auch nicht, dass Dragqueens zwischen den Ansprachen und Gebeten Songs zum Besten geben, auch wenn es diese Art des Gottesdienstes noch nie in der Friedenskirche gab. Aber die Zuhörer wissen, dass Nulf Schade-James viel mehr vermittelt als eine lustige Kostümparty. Dass dies eine Feier dessen ist, wer und was zur Gemeinde gehört. „Drag ist Wahrheit“, sagt der Pfarrer. Weil das Buntglitzernde für jenen Teil stehe, der manchmal tief im Herzen verborgen sei: Das Bedürfnis, sich in seiner Eigenheit zu zeigen und dafür geliebt zu werden. Uneingeschränkt angenommen zu werden. Dragqueen Liz Fabray malt einer Gottesdienstbesucherin ein Kreuz aus Glitzer auf die Hand. Pfarrer Nulf Schade-James trägt an diesem Tag einen glitzernden Talar mit Regenbogen-Stola. Eine Discokugel ziert das Taufbecken. Der Glitzer bleibt lange haften, und trägt das Funkeln nach draußen. Ein Gefühl, das den Mann auf der Kanzel durch seinen Glauben erfüllt und das er weitergeben will. Und das, obwohl er jahrzehntelang Gegenwind – auch in der evangelischen Kirche – zu spüren bekam. Als er sein Theologiestudium begann, habe ein Professor zu den Studenten gesagt, wer homosexuell sei, solle gleich wieder gehen. Doch die wilden Siebzigerjahre mit ihrer Aufbruchstimmung, mit Studentenbewegung, Feminismus und Befreiungstheologie brachten viel in Bewegung. Sodass sich auch Schade-James vor genau 45 Jahren traute, vor 300 Kommilitonen und einigen Professoren in Frauenkleidern zu singen, sich dabei erst die falschen Wimpern, dann die Perücke, schließlich das Kleid vom Leib riss. Nur noch in Shorts und Unterhose sei er bekleidet gewesen und habe die letzten Takte von Shirley Basseys „This is my life“ geschmettert. „Ich bin, was ich bin“, wiederholt der Mann vor dem Altar, als er der Gemeinde von seinem bühnenreifen Coming-out erzählt, „das ist ein Satz wie ein Befreiungsschlag, ein Auferstehen mitten im Leben“. Und einige der Zuhörer nicken dazu, als wüssten sie genau, was er meint. Viele, die am Sonntagmorgen gekommen sind, waren schon am Vorabend bei einer Drag-Show im Gemeindesaal dabei, als Liz Fabray, Tante Gladice, France Delon und Elke Winter auftraten. Und natürlich die Gastgeberinnen Rosie Hammerhead, verkörpert durch Ehemann David James, und Greta Gallus von Sodom ohne Gomorrha, dem Pfarrer persönlich. 30 Jahre ist es her, als eine Pfarrerin den Mut aufbrachte, die Eheleute Schade-James zu segnen – zu einem Zeitpunkt, als die Kirche das noch nicht erlaubt hatte. Mittlerweile sind die Männer verheiratet. Der Religion, der er sich verschrieben hatte, hat Schade-James Veränderung zugetraut und viele Jahre ausgehalten, bis die evangelische Kirche Homosexualität offiziell als Teil der Schöpfung anerkannte. Vor drei Jahren hat er dazu beigetragen, dass die evangelische Landeskirche in Hessen und Nassau sich für die Diskriminierung von queeren Menschen entschuldigt und sich dazu verpflichtet hat, für die Anerkennung von Vielfalt und Diversität einzutreten. Daraufhin hat er seinen Vertrag noch mal um zwei Jahre verlängert. Im August 2027 wird er aufhören, mit 69 Jahren. Im Gemeindeblatt sucht er bereits mit seinem Mann David eine Wohnung im Gallus, dem Viertel wollen sie verbunden bleiben. Die Drag-Queen Rosie Hammerhead tritt während des Gottesdienstes auf. Der Gottesdienst ist gut besucht. Schillernd: Die Dragqueen Liz Fabray singt während des Drag-Gottesdienstes in der Frankfurter Friedenskirche. Dass das Schillernde nicht allen gefällt, hat der Pfarrer erst am vergangenen Pfingstwochenende erfahren müssen. Beim ökumenischen Gottesdienst auf dem Römerberg stört ein Mann die Ansprachen, indem er reinplärrt. Schade-James bittet ihn, leiser zu sein, was erst recht dazu motiviert, lauter zu werden. Der Störer ahnt wohl auch nicht, dass da ein Pfarrer vor ihm steht: Weil es sein Hochzeitstag ist, hat sich Schade-James zur Feier des Tages ein Glitzerhütchen aufgesetzt und eine Perlenkette umgelegt. Dreißig Jahre verheiratet, die Perlenhochzeit. Und genau diese Kette reißt ihm der Mann plötzlich mit einem heftigen Ruck vom Hals, dazu stößt er Beleidigungen aus. Die Perlen ergießen sich auf den Boden, kullern zwischen die Zuschauer. „Aber dann geschah das Pfingstwunder“, sagt Schade-James mit einem Lächeln. Weil sich so viele Menschen bückten, um die dreißig bedeutsamen Perlen wieder einzusammeln, um ihm zu helfen. Und einer ihm dabei zuflüsterte: „Fürchte dich nicht, wir sind ganz viele.“ Filmfestatmosphäre: Nach dem Gottesdienst stehen die Dragqueens und der Pfarrer Modell für Fotos. Doch Menschen, sagt der Mann im Glitzertalar vor dem Altar, könnten eben den Unterschied bedeuten: „Zählt die Wunder derjenigen, die euch getragen haben“, ruft er seiner Gemeinde zu. Den Gottesdienst beendet er mit einer besonderen Segnung: Zusammen mit den Dragqueens spendet er herzliche Worte, auf Wunsch auch eine Umarmung, und gibt Gläubigen nacheinander ein wenig Feenstaub auf die Hand. „Gottes Segen soll genauso an euch haften“, sagt der Pfarrer. Auf dem Weg zum Altar wurde Glitzer verstreut. Alle treten nach vorne, Junge und viele Ältere, eine tänzelt sogar zur Musik von „I want to break free“ der britischen Band Queen durch den Mittelgang. Die meisten wollen noch ein Foto machen mit den Diven und dem Pfarrer, fast kommt ein wenig Filmfestatmosphäre auf bei all den Handys, die gezückt werden. Und an allen haften die kleinen, nicht abschüttelbaren Glitzerfetzen, Glitterspuren auf der Haut und der Kleidung, und so tragen die Botschafter der Vielfalt das Funkeln in die Welt außerhalb der Kirchenmauer. Ich bin so frei Hebammen unter Druck