Deutschland steckt gerade mitten in der digitalen Transformation – und kaum einer bekommt es mit. Der Bürger hat die Übersicht über digitale Angebote längst verloren, wenn es ihn jemals wirklich interessiert hat. Das hindert allerdings niemanden, die digitale Rückständigkeit Deutschlands in Dauerschleife zu beklagen, selbst auf höchster politischer Ebene. Ob Künstliche Intelligenz oder staatliche Finanzspritzen per App – Deutschland hat es einfach nicht drauf. Das ist der Minimalkonsens, auf den sich alle noch einigen können. Derweil wird in Bund, Ländern und Kommunen so gewirbelt wie selten zuvor. Mit dem Ex-Manager Karsten Wildberger hat Bundeskanzler Friedrich Merz einen Mann an die Spitze des Bundesdigitalministeriums geholt, der Ergebnisse produzieren will. Im Ministerium arbeiten dafür alle am Limit und deutlich darüber hinaus, was die Debatte um Philipp Amthors Strandkorb besonders überkandidelt macht. Eben noch hat er sich für die föderale Modernisierungsagenda die Nächte um die Ohren geschlagen und wurde zu Recht ins Kanzleramt befördert, da muss er sich für sorgsam ausgesuchte Einrichtungsgegenstände in einer ZDF-Dokumentation rechtfertigen. Mit Dank sollte im politischen Geschäft niemand rechnen, mit einer fairen Leistungsbeurteilung allerdings schon. Bald kommt die digitale Brieftasche Dabei kann von Stillstand keine Rede sein: Bald soll es eine App geben, die alle digitalen Dienste des Staates bündelt, und Anfang nächsten Jahres soll die digitale Brieftasche „d-you“ für jedes Smartphone bereitstehen. Das halten einige Fachleute für zu ambitioniert, der CDU-Politiker Wildberger hält trotzdem unverdrossen an seinen Plänen fest. Der Nutzen für die Bürger jedenfalls ist offenkundig: Wenn Ausweis und Führerschein sicher im Smartphone lagern, könnte sich den Bürgern schon bald ein völlig neues Ökosystem eröffnen. Nicht nur wird die Kommunikation mit dem Staat einfacher, können Anträge gestellt und Altersnachweise erbracht werden, auch Verträge mit Banken, Mobilfunkunternehmen, Telekommunikationsunternehmen, Krankenkassen lassen sich so leichter schließen. Über die konkrete Ausgestaltung wird in Fachkreisen gerade heftig diskutiert. Die jüngsten Hackerangriffe haben deutlich gemacht, wie wichtig eine funktionierende Sicherheitsarchitektur ist. Aber es gibt keinen Zweifel daran, dass der Weg grundsätzlich der richtige ist. Der Staat muss digital werden – und kann das auch. Raus aus dem analogen Niemandsland Dazu müssen sich aber auch die Bürger aus ihrem analogen Niemandsland herausbewegen. Keiner wird gezwungen, am digitalen Fortschritt teilzunehmen. Wer auf ein Smartphone verzichtet, kann weiter zum Amt und wird dort Hilfe bekommen. Aber gerade ältere Menschen sollten sich den digitalen Angeboten nicht völlig verschließen, weil sie das Leben deutlich angenehmer machen. Dazu müssen die Behörden gerade in der Übergangszeit Hilfe leisten, die Behördennummer 115 könnte dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Eine aktuelle Umfrage des Digitalvereins Initiative D 21 und der TU München jedenfalls zeigt, dass Menschen deutlich zufriedener sind, wenn sie ihre Verwaltungsangelegenheiten digital abwickeln können. Zeit einsparen lässt sich damit allemal. Die Zahlen zeigen aber auch, wie sehr die Menschen digital noch im Dunkeln tappen: Eine Mehrheit der Menschen, die Anträge analog abwickeln, kommen gar nicht auf die Idee, dass es auch anders geht. Die Ignoranz ist nachvollziehbar: Zu lange haben sich Bund, Länder und Kommunen durch Streitigkeiten und die Unfähigkeit zur Kooperation selbst im Weg gestanden, dass man dem Land kaum etwas zutraut. Das muss sich ändern, denn es sorgt für Frust auf allen Seiten: Die Bürger sind frustriert über die vermeintliche Übersichtlichkeit des digitalen Angebots; frustriert sind aber auch Bürgermeister von Kommunen, die feststellen, dass ihre digitalen Angebote nicht angenommen werden. Da kann man noch so häufig plakatieren, dass die Ummeldung nach einem Umzug auch digital möglich ist, die Menschen kommen trotzdem zum Amt – ob aus Unwissen, Gewohnheit oder Freude am persönlichen Austausch, weiß niemand. Aber mit blanker Unkenntnis kann man eine digitale Transformation auch ausbremsen. Deshalb ist es nötig, dass sich die Debatte wandelt. Digitale Projekte scheitern nicht an der Unfähigkeit des deutschen Staates, technische Lösungen zu entwickeln. Nicht selten gibt es zu viele Angebote, nicht zu wenig. Sie scheitern am fehlenden Prozessmanagement und am politischen Willen, Entscheidungen zu treffen. Nicht nur im öffentlichen Diskurs, sondern auch in der Politik selbst ist es offenbar einfacher, digitale Rückständigkeit zu beklagen, als die tatsächlichen Hindernisse aus dem Weg zu räumen und Fortschritte anzuerkennen. Expertise jedenfalls ist genügend vorhanden, auch in den Ministerien und Behörden selbst. Sie sollte nicht länger ignoriert werden.
