Er zählt zu den eher Stillen im Hessenland: der Burgwald nordwestlich von Marburg. Lediglich am Rand besiedelt, unberührt von Hauptverkehrsströmen, hat er sich ein Stück Ursprünglichkeit bewahrt. Doch eigentlich kehrte diese erst seit Aufgabe der Landwirtschaft zurück. Noch bis ins frühe 20. Jahrhundert war das Hochplateau durch Übernutzung weitgehend kahl und wurden Feuchtzonen für die Viehhaltung trockengelegt. Gut die Hälfte davon, 130 Quadratkilometer, ist heute geschützt: als Vogelreservate, FFH- oder Naturschutzgebiete. Der Mensch muss nicht draußen bleiben. Als „Wandermärchen“ erschließt ein einheitlich gestaltetes Wege- und Themensystem die Region. „WM“ steht über jedem der jüngst um einige spektakuläre Passagen erneuerten Pfade. Es könnte auch für Mythos stehen. Misch- und Auenwälder, Moore, Heide, Bäche, Felsen oder brusthohes Farn: Etwas von jenem mythischen Zugang zur Natur, wie er den Kelten zugeschrieben wird, scheint im Burgwald wieder vorhanden zu sein. Strategisch günstige Lage an alter Handelsstraße Wobei die Topographie des gen Südwesten steil abfallenden Hochplateaus zur Okkupation herausforderte. Die gefährdeten Flanken überzogen mehrfach gestaffelte, im Gelände noch sichtbare Wälle. Deren stützende Balken stammen laut Untersuchung aus der Zeit von 420 bis 200 vor Christus, abrupt endend durch eine Brandkatastrophe, wofür auch verkohlte Getreide- und Gemüsekörner sprachen. In großer Menge vorgefunden, stützen sie die Vermutung eines Stapelplatzes in strategisch günstiger Lage an der alten Handelsstraße zwischen dem Rhein-Main-Gebiet und Westfalen. Diese erkannten auch die Franken bei ihrer großräumigen Landnahme. Sie nutzten das trassierte Plateau seit dem frühen 8. Jahrhundert als gesicherte Operationsbasis („Castrum“) und als Leuchtfeuer der Missionstätigkeit im Kampf gegen die heidnischen Sachsen. Ob hier Bonifatius predigte, was ein steinerner Fußabdruck, genannt Trappe, beweisen soll? Überliefert ist, dass im Castrum ein Holzkirchlein stand, aus dem im 10. Jahrhundert ein festes, dem Heiligen Martin geweihtes Gotteshaus erwuchs. Später als Dekanatskirche mehrfach erweitert, beherrschen seither ihre romanisch-gotischen Mauern eindrücklich den Gipfel. Das Alte Küsterhaus gegenüber birgt eine kleine Dauerausstellung mit keltischen Funden und Modellen der Festungsanlagen. Die naturkundlichen Erläuterungen verdeutlichen, dass sich der Burgwald wegen seines zur Staunässe neigenden Sandsteinuntergrunds einer dauerhaften Besiedlung entzog, jedoch die Graswirtschaft begünstigte. Davon profitierten auch Hugenotten, nachdem ihnen Landgraf Karl von Hessen-Kassel 1687 den eigens gegründeten Ort Schwabendorf angewiesen und in gehöriger Entfernung ein größeres Gebiet, später Franzosenwiesen genannt, überlassen hatte. Noch heute nutzen Nachfahren mehrere Parzellen. Das verhindert allerdings, dass sich Flora und Fauna wie westlich der Franzosenwiesen und im vorgelagerten Naturschutzgebiet Christenberger Talgrund entwickeln kann. Ihre Besonderheit sind sogenannte Übergangs- und Schwingrasenmoore. Im Spätsommer entfalten sie eine ganz eigene, fast elegische Stimmung, wenn gelöste Fruchtkörper von Wollgras, Seggen oder Birken lange Schlieren auf den dunkelbraunen Gewässern zeichnen. Wegbeschreibung Der Christenberg kann von Münchhausen über ein schmales Sträßchen direkt angefahren werden. Da auch für einen Friedhof und den Gasthof genutzt, sind die Parkmöglichkeiten allerdings begrenzt; 500 Meter unterhalb liegt eine Ausweichfläche. Kommt man von ihr herauf, lässt sich gleich in die Wanderrunde einsteigen. Die Hauptanziehungspunkte, Kirche und Küsterhaus, stehen rechts oberhalb. Noch warten kann das in Grundzügen aufgemauerte Castrum, da der Schlussanstieg dort endet. Die tief gestaffelten keltischen und frühmittelalterlichen Wälle begleiten das Sträßchen und darüber hinaus, wenn aus der Linkskurve in den Wald gegangen wurde. An der nahen Gabelung wählt man den rechten Strang gen Franzosenwiese mit den Markierungen X 13 und hellblauer Punkt. Wie die meisten Hauptwege eröffnet auch dieser eine reizvolle Zweiteilung der Vegetation. Die schattige Seite durchziehen streifenartige Biotope aus sattgrünen Mooskissen, Seggen und Schilfrohr, wohingegen sonnige Lagen typische Vertreter sandiger Böden prägen: Kiefern, Heidekraut und Heidelbeeren. Nach gut 1500 Metern leichten Bergabs kommt eine auffallende Wegegabelung – mit Bewuchs – in Sicht. Dort wechselt man nach rechts zum roten F des Franzosenwiesenwegs. Auch er gehört zum „Wandermärchen Burgwald“. Allerdings sind die jeweiligen Buchstaben im Vergleich zum stets angezeigten „WM“ etwas klein geraten; Richtungspfosten geben aber zusätzliche Sicherheit. Die Führung zum Naturschutzgebiet erlaubt ohnehin keine Abweichung, wenn es durch dichten Forst gut zwei Kilometer zum vorgelagerten Biotop geht. Gegenüber vom Gewässer weist das F links in einen Birkenkorridor, der mit den Franzosenwiesen verbindet. Wegen der komplizierten Besitzverhältnisse bilden sie eine kuriose Abfolge aus Grasparzellen, Nadelbäumen und naturbelassenen Streifen. Ausgangs beschreibt der Weg eine ausholende Rechtskurve und trifft nach 500 Metern auf eine Wegeeinmündung mit Richtungsposten. Bevor es mit dem dort hinzutretenden Zeichen rotes R geradeaus weitergeht, lässt sich links – mit dem F, dann rechts davon – über 600 Meter ein Abstecher zum Großen Badenstein unternehmen, ein ausgeräumter Basaltbruch zwischen der Sandsteindecke. In diesem Gebiet wurden die Themenwege streckenweise neu angelegt. Nicht zu ihrem Schaden, aber überraschende Wendungen auf holprige Pfade verlangen erhöhte Aufmerksamkeit. So erreicht das R knapp einen Kilometer nach dem genannten Richtungsposten den nächsten. Dort ist geradeaus zum roten S zu wechseln. Ungeachtet verschiedener Ortsangaben ist „Fünfkanter“ relevant. Prachtvolle Hutebuchen an Viehweiden Damit wird man abwärts in den „Sälzerweg“ eingewiesen, ein Vieh- und Handelsweg, wie tiefe Fahrrinnen verraten. Unten wieder flacher, geht man quasi mit den Salztransporten nach links. Der nahe „Märchenteich“, dessen Wasserpflanzen in der Sonne blitzen, dürfte früher kaum bestanden haben. Breite Täler waren viel zu wertvoll für die Viehhaltung. Das S berührt rechts ab die Stirnseite und weist dahinter links in einen ausnehmend dunklen Forst. Mit der Linkskurve wird es wieder heller, und schließlich gelangt man ins Freie und durchstreift geradeaus eine landwirtschaftliche Nutzfläche. Auch hier herrschten Viehweiden vor, wie später prachtvolle Hutebuchen anzeigen. Es ist allerdings kaum noch zu erkennen, dass man die Bäume so pflanzte, dass die geschnittenen Äste eine Art Dach im Quadrat bildeten. Davor weist das S rechts ab und führt eine Weile zwischen Wald und Flur entlang, fortgesetzt, seit hinter einem zu kreuzenden Parkplatz dem mitgelaufenen roten B gefolgt wurde. Ihm ist aufgegeben, in den Forst zurückzuleiten und daran zu erinnern, was den Burgwald über Jahrtausende so bedeutsam machte – sein natürlicher Festungscharakter. Deshalb muss man kräftig steigen, um dann überrascht festzustellen, dass diese Flanke nur die Vorburg bildet. Das gesamte Schlussstück gehört dem roten C, zu dem man inmitten des Hangs nach rechts wechselt. Oben darf es zum Entspannen eine flache Passage sein, bevor es nach dem Mellnauer Kreuz erst allmählich, dann über einen rutschigen Serpentinenpfad wieder hinuntergeht. Einmal mehr erwartet die Wanderer im „Christenberger Talgrund“ ein Feuchtgebiet, hier mit der zauberhaften Zugabe von flächig ausgebreitetem Wollgras. Mit der Neuausrichtung wurde dem C auf den Christenberg eine extrem steile Direttissima eröffnet. Etwas leichter, dennoch kräftig anziehend ist die bisherige Variante: Im Tal links – weiterhin begleitet von Wollgras, Sonnentau und Torfmoosen – und nach 300 Metern mit anderen Zeichen wie dem B in den Hang eingestiegen. Beide Zugänge kommen am einstigen Südwesttor des fränkischen Castrums heraus. Über die Anhöhe steuert man auf den mächtigen Riegel der Martinskirche zu. Für ihre Besichtigung hält der Gasthof – mit aussichtsreicher Terrasse – den Schlüssel bereit. Anfahrt Über die B 3 bis Marburg, anschließend die neu gebaute B 252 in Richtung Frankenberg bis Münchhausen. Die Zufahrt zum Christenberg ist ausgeschildert. Der Ort besitzt zwar einen stündlichen Bahnanschluss. Bis zum Christenberg wären es allerdings gut drei Kilometer zu laufen. Sehenswert Der Burgwald nördlich von Marburg ist eine landes- und naturkundlich außergewöhnliche Region. Schon Kelten nutzten die Topographie steil abfallender Flanken am Christenberg für eine Wallanlage. Seit dem frühen 8. Jahrhundert folgten Franken im Zusammenhang mit ihrem militärischen und missionierenden Vorgehen gegen die Sachsen. Ihre tief gestaffelten Erdmauern blieben gut erhalten. Rekonstruiert sind Fundamente und ein Tor der Burg („Castrum“‘). Aus der Christianisierung erwuchs ein Dekanatsmittelpunkt mit romanisch-gotischer Kirche. Im Alten Küsterhaus ist eine kleine Ausstellung untergebracht, die auch an hier angesiedelte Hugenotten erinnert. Ihre „Franzosenwiese“ entwickelte sich zu einem bedeutenden Feuchtbiotop, darunter die Rarität eines Schwingrasenmoores – nur eine von 130 Quadratkilometern geschützten Flächen. Die Gesamtregion erschließt ein einheitlich gestaltetes Wanderwegesystem. Einkehren „Waldgasthof Christenberg“, Montag und Dienstag Ruhetage; werktags von 15 bis 22 Uhr, am Wochenende von 11.30 Uhr an. Dort erhält man auch die Schlüssel für Kirche und Küsterhaus.
