FAZ 05.06.2026
15:01 Uhr

Death Cab for Cutie: Sei doch einfach nett zu mir


Zu müde, den Krieg zu beenden. Und zu abgelenkt für Melancholie: Was der Indie-Star Ben Gibbard zur Weltlage zu sagen hat, jetzt da das neue Album „I Built You a Tower“ von Death Cab for Cutie erscheint. Eine Begegnung.

Death Cab for Cutie: Sei doch einfach nett zu mir

Ben Gibbard hat Jetlag. Er sitzt in einem repräsentativen Hinterzimmer eines Hotels in Ostberlin und reibt sich die Augen. Abgesehen davon sieht alles an ihm sehr glatt aus, erstaunlich glatt für den jahrzehntelangen Liebeskummer. Man stelle sich vor, er hätte alle die Jahre funktionierende Beziehungen gehabt. Wie sähe er jetzt aus? Wie stünde es um die Musikkultur der Gegenwart ohne die Indieausflüge der Nullerjahre, ohne wattebäuschige Balladen? So aber kann Gibbard wieder davon erzählen, wie unglücklich er nach seiner letzten Trennung war und wie daraus die Energie für neue Songs entstanden ist. Und dabei geradezu verschmitzt aussehen. „I Built You a Tower“ heißt das neue Album, das am 5. Juni erscheint, womit es sich in eine Tradition fügt, die denen, die im Durchschnitt häufiger unter Liebeskummer leiden, gar nicht mehr so geläufig ist. Death Cab for Cutie, die Band aus Bellingham im Bundesstaat Washington, nicht weit von Seattle, war von Anfang an ein Anti-Gegenwarts-Musikprojekt mit weitgehend unbekannten Musikern, das etwa zur selben Zeit wie Coldplay Welterfolg erlangte, aber doch mit einigen unfassbar erfolgreichen Songs, die man aus Serien wie „O.C. California“ kannte, wo wiederum immer irgendjemand tragisch verliebt war. Es ging so weit, dass Hörer spätere Hits wie „Fire Flies“ von Owl City der Band zuordneten, bloß weil der Vibe zu Death Cab passte. Jenseits des Marktplans Gibbard hat sich seitdem viel mit diesen Ursprüngen beschäftigt. In den USA bedeutete Indie in den 1990er-Jahren, sein eigenes Ding zu machen, unabhängig zu sein in einem politischen Sinn. In Europa füllten sogenannte Indiebands wenig später Hallen und Stadien, auch solche, die bei großen Labels unter Vertrag waren. Was man den Nostalgikern von Death Cab for Cutie zugutehalten kann, ist, dass sie auf ihre Weise immer unabhängig geblieben sind, „outside the market plan“, wie Gibbard sagt. Zwar wechselten sie irgendwann doch zum Major Label Atlantic, ließen sich aber nicht davon abhalten, weiter die versonnene Musik zu machen, mit der sie bekannt geworden waren, versetzt mit genau der Menge Weltschmerz, die für die introspektiven frühen Nullerjahre angemessen war. „I Will Follow You into the Dark“, „Transatlanticism“: Manche der großen Songs waren so ausgefeilt, dass ihr intimer Sound schließlich auch mühelos durch Stadien trug. Bis heute geht kein bisschen von ihrer Wucht verloren, egal, wie oft man sie hört. Death Cab in der heutigen Besetzung mit Bassist Nick Harmer, Drummer Jason McGerr und den Multiinstrumentalisten Dave Depper und Zac Rae ist wieder bei einem Indielabel gelandet, der Vertrag mit Atlantic ist nach mehr als 20 Jahren ausgelaufen. Man kann mit Gibbard jetzt über Bad Bunny reden und darüber, wie wichtig seine Botschaft der umarmenden Menschlichkeit in dieser Zeit ist: „Einfach großartig“, sagt Gibbard, „nicht nur eine Liebeserklärung an Puerto Rico, sondern auch so amerikanisch.“ Und dann beginnt er darüber zu sprechen, wie gerade amerikanisches Recht verletzt wird: „moralisch und kulturell“. Man kann ihn dann fragen, was er heute mit seinem Indie-Vibe zu alldem beitragen will, und natürlich bleibt Ben Gibbard ganz bei sich beziehungsweise uns, will sein neues Album als Erkundung des Selbst verstanden wissen. Hören soll man es, als blicke man in einen Spiegel. „Und wenn man sich selbst besser versteht, versteht man vielleicht auch die Welt um sich besser.“ Tatsächlich ist „I Built You a Tower“ fast schon konzepthaft im Versuch, ganz gegenwärtig zu beschreiben, wie man mit inneren und äußeren Turbulenzen zurechtkommt, es überhaupt erst aus dem Bett schafft („Pep Talk“), seinen Freunden versichert, man sei okay („Stone over Water“), wie man sich ironisierend dem Kollaps annähert („How Heavenly a State“), bis zur Erkenntnis: Zu müde zum Reden. Zu müde, den Krieg zu beenden. Zu viele fiese Gegenströmungen, um den Mund aufzumachen: „Riptides“. Ein wesentlicher Bestandteil der Magie von Death Cab for Cutie war immer Gibbards Stimme, sie ist es auch jetzt wieder. Stellenweise hört sich das Album sehr roh an, wird auf E-Gitarren gekratzt und auf Snares geklappert, aber immerhin klingt nichts daran künstlich. Schön auch, dass die Band der Gewohnheit treu bleibt, bei den melancholischen Stoffen die animierten Sounds zu wählen und umgekehrt getragene Songs mit frohsinnigen Lyrics auszustatten. Also. Gibt es überhaupt noch genug Melancholie in dieser Welt, Ben Gibbard? Offenbar nicht. „Wenn du melancholisch bist“, sagt er, „fragst du dich: Warum fühle ich so?“ Und das sei gut so. Was also, wenn sich die Leute das nicht mehr fragen? „Dann muss ich es für sie tun.“ Das ist wahrscheinlich das größte Verdienst dieser Band, deren Spezialgebiet schon immer die wortgewandte Selbstbefragung war, ihr fast 30 Jahre altes Bekenntnis zur (männlichen) Verletzlichkeit, das in „Full of Stars“ ein wenig cheesy anklingt („Alles, was ich brauche, ist, dass du nett zu mir bist, aber es scheint, es sei dir selten die Zeit wert“) und in „Flavor of Metal“ zu seiner vollen melancholischen Entfaltung kommt. „Wenn nur die Gewinner Geschichte schreiben“, heißt es in „Trap Door“, wird unsere Seite weiß bleiben. Über diesen Satz könnte man eigentlich mal wieder in Melancholie versinken. „I Built You a Tower“ (Anti / Indigo) ab 5. Juni