Natürlich hat so gut wie jeder KI-Stimmgenerator „David Attenborough“ im Angebot. Man kann die Tools im Internet anklicken, einen Satz auf Englisch eingeben, etwa: „Heute begeht ein weltbekannter Engländer etwas, das nicht vielen Vertretern seiner Spezies vergönnt ist – seinen hundertsten Geburtstag“, und da ist es schon: das unverwechselbare Timbre, in dem gleichzeitig Autorität und Staunen liegt, Gelassenheit und Erwartung. Man sollte den Versuch mit schlechtem Gewissen machen, denn Sir David Attenborough ist nicht erfreut über die nicht genehmigten KI-Klone, mit denen schon einiger Unfug getrieben wurde. Es ist schließlich nicht nur eine der berühmtesten Stimmen der anglophonen Welt, die da imitiert wird, sie gehört auch einem Mann, der aus einer Umfrage als der vertrauenswürdigste Engländer hervorgegangen ist, und aus einer anderen als der beliebteste – und da, 2018, lebte Queen Elisabeth noch, die andere britische Jahrhundertfigur, wenige Wochen nach David Attenborough geboren. Kein Wort mehr als nötig Möglich, dass man sich bei der Firma Silverback Films, deren aufwendig produzierte Naturdokumentationen bis heute Attenboroughs Erzählerstimme begleitet, verstohlen fragt, ob Künstliche Intelligenz nicht die Antwort sein könnte auf die Frage, wer ihn je ersetzen kann. Um dies dann gleich wieder zu verwerfen. Attenborough liefert mehr als abgelesene Sätze. Er besteht darauf, seinen Text in einem Stück aufzunehmen, in direkter Interaktion mit den Bildern. Sagt er nichts – und das tut er einen Großteil der Zeit –, ist es eine geteilte Stille zwischen ihm und den Zuschauern, bis der nächste knappe Satz in dosierter Emotion auf Nervenaufreibendes einstimmt – „Ein weiteres Junges blickt zum ersten Mal auf eine gefährliche Welt“ – oder subtil signalisiert, dass man aufatmen darf: „Wieder vereint“ heißt es schlicht nach dem hochriskanten Weg eines Entenkükens zu seiner Mutter. Die Skripte schreibt Attenborough nicht mehr selbst, prüft sie jedoch intensiv und schreibt munter um, wie die Autoren erzählen. Sie führen den Erzählstil fort, den er über Jahrzehnte perfektioniert hat: Kein Wort mehr als nötig, andeuten, statt auszusprechen. David Attenborough wird meistens als „Tierfilmer und Naturforscher“ beschrieben. Eigentlich ist er – wie sein Bruder Richard, der 2014 verstorbene Regisseur – ein Geschichtenerzähler, dessen weichenstellende junge Jahre mit dem Durchbruch eines neuen Mediums zusammenfielen, des Fernsehens. Dass der Mann, der die TV-Naturdokumentation quasi erfunden hat, 70 Jahre später an Großproduktionen dieses Genres beteiligt ist, lässt eine nicht endende Neugier und Lernbereitschaft erahnen, die womöglich dazu beitrugen, dass er an diesem Freitag seinen 100. Geburtstag feiern kann. Eigentlich hatte sich Attenborough nach einem Geologie- und Zoologiestudium beim Radio beworben, stattdessen bot ihm die BBC einen Job in der neuen Fernsehabteilung an. Aus dem Trainee wurde ein Mitarbeiter mit Ideen: Bald überredete er seine Vorgesetzten zu einer Sendung, die zeigen sollte, wie an Orten wie Madagaskar und Borneo Tiere gefangen wurden, um sie in den Londoner Zoo zu bringen. „Zoo Quest“, war als erste Tiersendung im Fernsehen zugleich revolutionär und ein Produkt ihrer Zeit. Die inzwischen unübliche Praxis, in Freiheit geborene Wildtiere der Gefangenschaft zuzuführen, wurde nicht hinterfragt, die jeweiligen Einheimischen durften ihr Wissen um Aufenthaltsorte der Tiere scheu lächelnd in den Dienst der weißen Besucher stellen und wurden manchmal bei Tänzen gezeigt wie eine weitere unbekannte Spezies. Auf den modernen Geräten in den Wohnzimmern erschienen nie gesehene Tiere und ein junger Mann, der beherzt Pythons packte oder Riesenleguane anlockte und dem man die Freude über das Abenteuer in jedem Moment ansah. Eigentlich sollte Attenborough das Team als Produzent begleiten, doch dann wurde der Moderator krank, er sprang ein und blieb vor der Kamera. Generaldirektor der BBC wollte er nicht werden Bei der BBC erkannte man sein Gespür für das sich entwickelnde Medium und machte ihn zum Controller des neuen Senders BBC Two, dann zum Programmchef. In der Rolle schrieb er Fernseh- und sogar Tennisgeschichte: Als BBC Two 1967 mit der Ausstrahlung des Tennisturniers in Wimbledon auf Farbe umstellte, regte er an, die weißen Bälle durch besser sichtbare gelbe zu ersetzen. Etwas später beauftragte er eine Truppe junger Komiker, die sich „Monty Python’s Flying Circus“ nannten, mit der Entwicklung einer Fernsehshow. Als Attenborough 1972 als Generaldirektor der BBC im Gespräch war, gab er seine Festanstellung auf. Er wollte, in Zusammenarbeit mit der heute legendären Natural-History-Abteilung der BBC, lieber selbst Filme drehen. Drei Jahre reiste er für ein Projekt um die Welt, das Maßstäbe setzen sollte: „Leben auf der Erde“, eine dreizehnteilige Serie über die Evolution, sahen bei der Ausstrahlung 1979 15 Millionen Briten, nach dem Verkauf der Senderechte weitere 500 Millionen Menschen. So ging es weiter: Eine Produktion folgte auf die nächste, die Tierwelt an Land, im Wasser und im Eis wurde, begleitet von Superlativen, was Budgets, Mitarbeiterzahl und Drehorte betraf, aufgespürt, gefilmt und in Serien präsentiert, die in zunehmend verwirrender Fülle „Unser blauer Planet“ hießen, „Planet Erde“ oder „Unser Planet“. Attenboroughs Kommentar rundete die Bilder mit einem ordentlichen Schuss Anthropomorphismus zu kleinen Dramen um Fortpflanzung, Jagd, Partnersuche, wobei es – was der inzwischen teils revidierten Sichtweise der männlich dominierten Biologie entsprach – sehr oft passiv wählerische Weibchen mit forsch zur Schau gestellter Maskulinität zu erobern galt. Technische Neuerungen ermöglichten immer verblüffendere Aufnahmen. Die Kameras wurden digital, kleiner, leichter, Objektive leistungsfähiger. Man kann nun viele Stunden am Stück filmen und auch nachts, kann Drohnen Vögel begleiten lassen und in schwer zugängliche Höhlen schicken, kann handtellergroße Kameras in Fuchsbauen deponieren und einen rennenden Jaguar aus hundert Meter Entfernung mit einem auf ein Auto geschraubten Teleobjektiv filmen, als befände man sich an seiner Seite. Je überwältigender die Bilder wurden, desto unwirklicher wurden sie paradoxerweise auch. Auf welchem Planeten, wollte man fragen, befand sich diese von Leben und Farben berstende Welt? Kritik, dass er Präsenz und Einfluss des Menschen auf die Natur ausblende, die Illusion einer intakten Biosphäre schaffe, begleitete David Attenborough seit den Achtzigerjahren. Sie intensivierte sich in den Zweitausendern, als Klimawandel, Naturzerstörung und Artenschwund zum Thema wurden. Lange konterte Attenborough, dass solcherart belehrte und aufgeschreckte Zuschauer abschalten würden. Er setzte darauf, dass Menschen schützen, was sie begeistert. Zudem hatte er seit seiner Trainee-Zeit bei der BBC verinnerlicht, dass Journalismus objektiv zu sein habe. Die Furcht, als aktivistisch zu gelten, saß tief. Die Wende kam 2017 mit „Unser blauer Planet II“. Man sah Meeresschildkröten, die sich in Plastiktüten verheddert hatten, und einen Albatros, der sein Küken mit Plastikstücken fütterte. Vielleicht lag es an der Wirkung der Szenen – 88 Prozent der Zuschauer gaben später an, ihr Verhalten geändert zu haben –, dass Attenborough inzwischen als eindringlicher Mahner auftritt. In Filmen wie „Mein Leben auf unserem Planeten“ (2020) oder „Ozean“ (2025) spricht er mit der Autorität der Zeugenschaft: In seiner Lebenszeit wurde der Reichtum der Natur sichtbar gemacht und ihr menschengemachter Verlust unleugbare Realität. Die neueste Attenborough-Serie, kürzlich bei der BBC ausgestrahlt, weist auf die Bedeutung der Biodiversität in Stadt und Gärten hin. Sieht man ihm dabei zu, wie er sich zu einem Igel auf den Boden legt und Fuchsbabys anlockt, ist man ziemlich sicher, dass sich die Frage, wer David Attenborough ersetzen könnte, noch ein paar Jahre lang nicht stellen wird.
