FAZ 01.10.2026
08:30 Uhr

Dave Holland 80: Experte für alles


Die vibrierende Umbruchszeit der Sechziger hat er musikalisch mitgestaltet in der Band von Miles Davis – dann stieg er auch als Solokünstler in die erste Liga der Jazzbassisten auf und steht bis heute für sie: Nun wird Dave Holland 80.

Dave Holland 80: Experte für alles

Perfekte Intonation, blitzschnelle Geschwindigkeit, rhythmische Präzision, in welcher musikalischen Formation und Besetzung auch immer, dazu einen klaren, wenig mit Vibrato umhüllten Ton, durchdachte Soli, originelle Ideen und Anpassungsfähigkeit: Wer all das in seinem Spiel auf dem Kontrabass vereint, zählt zu den Großen des Jazz. Wie Scott LaFaro, Gary Peacock, Paul Chambers, Niels-Henning Ørsted Pedersen, Eberhard Weber oder Esperanza Spalding beispielsweise. Und auch Dave Holland. Solche felsenfesten Bassisten in der Band zu haben, macht aus einer möglicherweise guten erst eine sehr gute Combo. Das wusste auch der ewige Talentsucher Miles Davis, als er in den späten Sechzigerjahren im Londoner Ronnie Scott’s den erst 21 Jahre alten Dave Holland hörte, damals Hausbassist in dem renommierten Club. Referenzaufnahmen für Bass und Cello solo im Jazz Wenig später findet sich der Name des aus Wolverhampton stammenden Bassisten auf den Covers der aufregendsten Schallpatten jener auch im Jazz vibrierenden Umbruchszeit: „Filles de Kilimanjaro“, „In a Silent Way“ und „Bitches Brew“ – alle von Miles Davis. Und es ging so weiter bis 1970 mit „Circle in the Round“, „Miles Davis at Fillmore (East)“, „Live-Evil“ und der Wahnsinnseinspielung live von der Isle of Wight: „Call It Anything“. Bessere Empfehlungen als mit den knapp drei Jahren Mitgliedschaft in der Band von Miles hätte Dave Holland nicht haben können. Spätestens danach gehörte er zur Crème der New Yorker Jazzszene, spielte an vorderster Front des freien Jazz in der Gruppe Circle mit Chick Corea oder im Quartett mit Anthony Braxton und wurde für einige Zeit festes Mitglied der Band von Sam Rivers. Danach formierte er ein eigenes, englisch-amerikanisches Quintett, etwa mit Steve Coleman, Kenny Wheeler, Robin Eubanks und spielte Solo- und Duoaufnahmen (mit Barre Philipps) auf dem Kontrabass und dem Cello, mit denen er sich auch als hoch origineller Komponist auswies. Aufnahmen wie „Emerald Tears“, „Life Cycle“ oder „Music from Two Basses“ gehören auch heute zu den Referenzaufnahmen für Bass und Cello solo im Jazz. Dass Dave Holland einmal zu den renommiertesten Jazzbassisten der Geschichte zählen würde, hätte man zu Beginn seiner Laufbahn kaum voraussagen können, die in der Skiffle-Szene der englischen Midlands als Ukulele-Spieler und auf einem aus Teekisten zusammengezimmerten Bass einsetzte, bis er nach London ging, bei James Edward Merrett, dem Solo-Bassisten des London Philharmonic Orchestra, und mit einem Stipendium an der Guildhall School of Music and Drama zu studieren begann. Danach gehörte er zur Londoner Jazzszene um Tubby Hayes, Chris McGregor und Evan Parker, bis ihn Miles entdeckte. Zu seinen wichtigen Formationen nach der Zeit bei Miles Davis zählen neben dem verschieden besetzten Quintett auch das Gateway-Trio mit John Abercrombie und Jack DeJohnette sowie in den Neunzigerjahren die Dave Holland Big Band. Dave Holland ist seit den Achtzigerjahren auch vielfach lehrend tätig gewesen, etwa als Artistic Director des Jazzprogramms am Banff Centre in Kanada und als Fakultätsmitglied am New England Conservatory of Music in Boston. Mit seinem neuen Quartett Aziza, zu dem der Tenorsaxophonist Chris Potter, der Gitarrist Lionel Loueke und der Schlagzeuger Eric Harland gehören, ist er im November und Dezember auf Tour in Australien, Japan und Hongkong unterwegs. Am 1. Oktober feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.