FAZ 01.10.2026
10:05 Uhr

DOSB-Präsident Weikert: „Ich werde im Dezember nicht mehr kandidieren“


Thomas Weikert spricht im exklusiven Interview über seinen Verzicht auf eine Kandidatur als DOSB-Präsident, Kritik an seinem Führungsstil und die völlig „ungenügende Bezahlung“.

DOSB-Präsident Weikert: „Ich werde im Dezember nicht mehr kandidieren“

Der Jurist aus Limburg führte zehn Jahre den Deutschen Tischtennis-Bund, stand acht Jahre an der Spitze des Weltverbandes und trat 2021 die Nachfolge des vorzeitig zum Rückzug gedrängten DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann an. Der begeisterte Tischtennisspieler übernahm das Amt in einer von Misstrauen und Streit geprägten Zeit. Unter anderem leistete sich der DOSB eine Fehde mit dem Bundesinnenministerium und dem Internationalen Olympischen Komitee. 2022 wurde der konziliante Hesse mit 99 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Die Zustimmung wandelte sich. Lange vor den Präsidiumswahlen im Dezember in Frankfurt erfuhr der bald 65 Jahre alte Rechtsanwalt von erheblichem Widerstand in den Landessportbünden und teils in Spitzenverbänden. Rund um die Wahl von München in Baden-Baden zum deutschen Kandidaten für Sommerspiele und Paralympics herrschte Aufbruchstimmung unter Funktionären und Politikern. Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis? Ja. Wir sind sehr zufrieden mit der Veranstaltung, weil sich alle hinter die Bewerbung gestellt haben. Das war toll. Das ist, nach dem, was ich gelesen habe, auch im Ausland gut angekommen. Man sieht, dass wir alle an einem Strang ziehen für Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland, dass unsere Bewerbung eine gute sein wird. Welche Rolle werden Sie bei diesem Prozess spielen? Das ist eine gute Frage. Ich bin ja auch Mitglied im Exekutivkomitee des EOC (Vereinigung der Europäischen Olympischen Komitees/d. Red.). Ich möchte mich dort in Zukunft noch mehr einbringen. Wir haben unser grundsätzliches Interesse an der Ausrichtung der European Games 2031 beim EOC hinterlegt. Diese Spiele haben mittlerweile eine hohe sportliche Wertigkeit und wären eine gute Vorbereitung auf Olympische und Paralympische Spiele. Ich kann mir aber auch vorstellen, an anderer Stelle zu wirken. Sie werden im Dezember bei der Mitgliederversammlung des DOSB in Frankfurt also nicht mehr für eine weitere Amtszeit als Präsident kandidieren? Ja, ich werde im Dezember nicht mehr kandidieren. Warum nicht? Es gibt verschiedene Gründe. Ich werde im November 65. Das ist zwar noch nicht ganz so alt, aber das Präsidentenamt ist ein Ganztagsjob. Ich war zehn Jahre Präsident des Deutschen Tischtennis-Bundes, acht Jahre des Weltverbandes, nun fünf Jahre DOSB-Präsident. Vier weitere Jahre sind mir zu lang. Vielleicht war es naiv, aber ich hatte mir die Aufgabe nicht so arbeitsintensiv vorgestellt. Die Belastung ist enorm. Parallel arbeiten sie noch als Rechtsanwalt in der eigenen Kanzlei. Ja. Es gab ja bislang keine Bezahlung. (Der DOSB-Präsident erhält 250 Euro Auslagenersatz pro Monat und ein Auto/d. Red.). Von Januar 2027 an wird es 2000 Euro brutto im Monat geben. Das halte ich, das darf ich laut sagen, für völlig ungenügend. Ich kann nicht noch mal vier Jahre mein Anwaltsbüro fast ganztags führen und als Präsident durch die Gegend reisen. Das geht nicht. Haben Sie in den vergangenen fünf Jahren als Präsident im Ehrenamt Einkünfte verloren? Der Umsatz ist geringer geworden. Sie haben die Diskussion über die Bezahlung des Präsidenten und des Präsidiums (1000 Euro/d. Red.) angestoßen. Hatten Sie im Laufe des Prozesses das Gefühl, man habe Ihnen ein Angebot gemacht, das Sie nicht annehmen können? Das kann ich so nicht sagen. Einige Mitglieder der eigens eingerichteten Kommission waren der Auffassung, dass ein Ehrenamt ein Ehrenamt bleiben muss. Das hatte mit meiner Person nichts zu tun, sondern mit der Einstellung, wie in Deutschland der Sport geführt wird. Und die ist für dieses Amt schlicht nicht mehr richtig. Ich habe mich nie beschwert, und das werde ich auch nicht mehr tun. Im Gegenteil. Es gab eine Menge sehr schöner Seiten, wenn auch ein paar unangenehme, aber wenige. Zu den unangenehmen gehörte wohl, dass die Landessportbünde Ihnen im Frühjahr 2025 mitteilten, Sie nicht mehr wählen zu wollen. Auch einige Spitzenverbände vermittelten diesen Eindruck. Welche Rolle spielte diese Aussicht bei Ihrer Entscheidung? Ich habe von allen Wahlkämpfen, die ich geführt habe, keinen verloren. Ich wollte nicht, in Anführungszeichen, in Rente gehen mit einer Niederlage. Das spielte natürlich eine Rolle. Ich glaube zwar, dass sich die Meinung unter den Landessportbünden ein bisschen gedreht hat und dass es bei den Spitzenverbänden zumindest offen gewesen wäre. Aber es stimmt, diese Aussagen sind so gefallen. Das hat mir sicherlich auch Sorge bereitet. Aber davon habe ich meine Entscheidung nicht abhängig gemacht. Sie wurden 2022 mit 99 Prozent der Stimmen gewählt. Was ist geschehen? Ich glaube, dass einige mir vorwerfen, dass ich zu moderat, nicht laut genug bin. Dass ich bestimmender hätte auftreten müssen. Das habe ich aber nie gemacht. Ich habe immer versucht, das ganze Gremium mitzunehmen, zwar meine Meinung zu sagen, aber dann im Kollektiv nach außen aufzutreten. Das ist mein Führungsstil, den werde ich nicht ändern. Er hat dazu geführt, dass ich mit neunzig Prozent derer, mit denen ich zu tun hatte, gut ausgekommen bin. Sie verzichten auf eine Kandidatur in einer spannenden Zeit für den organisierten deutschen Sport. Die Umsetzung der Spitzensportreform mit unter anderem der Verabschiedung des Sportfördergesetzes steht vor der Tür. Mit der Bewerbung um die Sommerspiele werden gewaltige Erwartungen verknüpft. Regierung und Länderfürsten erklärten, ein Erfolg könne das ganze Land bewegen. Ja, das wird eine wegweisende Zeit werden. Ich werde im Dezember (bei der Mitgliederversammlung in Frankfurt stehen die Präsidiumswahlen an/d. Red.) irgendwann dort stehen und traurig sein. Das ist so. Aber das Kapitel wird abgeschlossen sein. Wenn wir 2029 erfolgreich wären mit München beim IOC, dann hätte ich einen Anteil daran. Es war mein Ziel, eine gute Bewerbung im ersten Schritt in Deutschland auf die Schiene zu bringen. Das ist uns gelungen. Michael Mronz, IOC-Mitglied und qua Amt Ihr Kollege im DOSB-Präsidium, soll Ihr Nachfolger werden. Das soll das Ergebnis einer Findungskommission sein, die sich vor einiger Zeit aus eigenem Antrieb bildete und an diesem Freitag ihr Ergebnis den Landessportbünden präsentieren will. Was halten Sie von diesem Vorschlag? Dazu möchte ich mich jetzt nicht äußern. Wir sind vernünftig und gut miteinander ausgekommen. Wir haben viele Sachen abgesprochen, auch international. Ich weiß von der Findungskommission, die keine offizielle des DOSB ist. Ich habe auch mit ihr gesprochen. Aber ich habe mich dann nicht weiter mit ihr beschäftigt, sondern mit der Frage, ob ich noch mal kandidiere. Auch Prof. Martin Engelhardt, DOSB-Vizepräsident und Präsident der Deutschen Triathlon-Union, wird als Kandidat genannt … … auch mit ihm habe ich nie darüber gesprochen. Ich will nur, dass der DOSB in guten Händen ist. Das wird er auch zukünftig sein. Egal, wer es wird. Was ist unter Ihrer Präsidentschaft erreicht worden? Wir haben eine gute Bewerbung für die Sommerspiele und Paralympics auf die Beine gestellt. Wir haben den Safe Sport Code verabschiedet (die Mitgliedsverbände des DOSB müssen einen Kodex zum Schutz vor körperlicher, seelischer und sexualisierter Gewalt im Sport bis Ende 2028 zur Abstimmung vorlegen/d. Red.). Damit haben wir erstmals ein Regelwerk geschaffen, das ermöglicht, Gewalt im Sport unterhalb der Strafrechtsgrenze zu sanktionieren. Im Zuge des Sportfördergesetzes wird es die Agentur für Spitzensport geben. Das System der Spitzensportförderung wird sich erheblich ändern. Es gibt seit dieser Legislatur erstmals einen Staatsminister für Sport, den wir gefordert hatten, damit wir einen zentralen Ansprechpartner in der Regierung erhalten. Wir haben die Erhöhung der Ehrenamts- und Übungsleiterpauschale durchgesetzt, und der DOSB kann sich auf die Fahnen schreiben, dass es die Sportmilliarde (für die Sportstätten/d. Red.) gibt. Es sollte mal eine pro Jahr werden. Eine Milliarde ist viel zu wenig angesichts des Investitionsstaus. Der Bedarf für Renovierungen oder Neubauten liegt laut DOSB bei 31 Milliarden Euro. Das ist richtig, eigentlich brauchen wir eine Milliarde jährlich. Und dennoch ist es ein Erfolg, dass der Bund, der dafür ja eigentlich nicht zuständig ist, hier Gelder zur Verfügung stellt. Dies muss in den Ländern ergänzt werden. Und wenn ich sehe, was durch die Bewerbung in NRW, Hamburg, Berlin und Bayern an Investitionen angeschoben worden ist, sind wir auf einem guten Weg. Seit Jahrzehnten ringt der organisierte Sport um mehr Bedeutung in der Schule … … was mir sehr am Herzen liegt. Die Erweiterung des Schulsports um eine verpflichtende dritte Stunde pro Woche muss kommen. Noch besser wäre eine Stunde pro Tag. Bei fast jeder Rede habe ich etwas dazu gesagt. Auch bei der Vergütung der Trainer ist zwar etwas in Bewegung gekommen, aber zu wenig. Die Besten wandern noch zu häufig ab.  Auch das macht mich ein bisschen traurig. Vielleicht waren wir zu zahm. In Baden-Baden war sogar von der Rettung des Landes durch den Sport die Rede. Haben Sie keine Sorge vor einer Überforderung? Das ist sicherlich eine Übertreibung. Aber der Sport ist einer der letzten Orte, an denen Menschen noch zusammenkommen und sich austauschen. Der Sport steht für wichtige Werte, die nirgendwo besser vermittelt werden können als im Verein. Ich glaube, man kann viele zurückholen, die auf dem Weg in eine extremistische Position sind. Der Sport könnte ein großes Gewicht haben bei der Entwicklung der Gesellschaft. Es ist deshalb wichtig, die Vereine weiter zu stärken. Die Olympiabewerbung kann dazu beitragen. Wie? Weil zum Beispiel Kinder inspiriert werden, Sport zu machen und in Vereine zu gehen durch die Aussicht auf die Spiele. Und weil Spiele im eigenen Land ein positives Ziel setzen, das Kräfte und Investitionen in den Sport freisetzen wird. Sie haben sicher Enttäuschungen erlebt in fünf Jahren als DOSB-Präsident. Welche war Ihre größte? Das war der Streit um die Ausrichtung der World Games 2029 zwischen Hannover und Karlsruhe (Hannover warf dem DOSB ein unfaires Verhalten vor/d. Red.). Das muss ich selbstkritisch sagen, da haben wir als DOSB kein gutes Bild abgegeben. Ich habe dafür um Verzeihung gebeten, und dank Belit Onay, dem Oberbürgermeister von Hannover, ist das Ganze gut befriedet worden. 2023 wurde Michael Mronz zum IOC-Mitglied unter dem damaligen IOC-Präsidenten Thomas Bach. War das keine Enttäuschung für Sie als DOSB-Präsident? Klar wäre ich das auch gern geworden. Aber ich war nicht sonderlich enttäuscht. Ich hatte als DOSB-Präsident wahrlich genug Arbeit. Hatten Sie nicht das Gefühl, Ihre Autorität würde untergraben? Nein, das nicht. Das sieht man ja auch an den Einladungen, den Gesprächen und den Vorträgen, die ich nach wie vor halten soll. Wie soll man auf Ihre Präsidentschaft eines Tages zurückblicken? Als ich Präsident wurde, fand ich eine sehr schwierige Situation im DOSB vor, es gab viel Streit und Misstrauen. Ich wusste etwas davon, aber dass es so heftig war, hatte ich nicht gedacht. Es gab Streit innerhalb des DOSB, mit anderen Verbänden, Klagen. Diese Rechtsstreitigkeiten haben wir schnell beendet. In Baden-Baden haben sich alle untergehakt, Sieger und Verlierer. Ist das die Klammer? Ja, und ich wünsche mir, dass das so weitergeht. Die Atmosphäre ist wesentlich besser geworden. Vor fünf Jahren hätten wir das nicht so hinbekommen. Und die Beziehung damals zum IOC war sehr schlecht, auf internationaler Ebene gab es fast keine mehr. Bei den Winterspielen in Peking 2022 kamen Funktionäre auf mich und Miriam Welte (Vizepräsidentin des DOSB/d. Red.) zu und sagten: „Da seid ihr ja wieder. Wir dachten schon, euch interessiert das alles nicht mehr.“ Das war teilweise erschütternd. Das völlig zerrüttete Verhältnis zum IOC ist wieder aufgebaut, Vertrauen zurückgewonnen. Wir haben wieder mehr Fans im Ausland. Wir sind international wieder da, es gibt eine angemessene Aufmerksamkeit. Für unsere mittelfristigen Ziele waren das wichtige Schritte. Ob wir deshalb aber beim IOC als Olympiagastgeber zum Zug kommen, müssen wir leider noch abwarten.