Auf die Frage, wer schon einmal mit der Polizei zu tun gehabt hat, meldet sich etwa ein Drittel der Neuntklässler in der Aula der Gesamtschule. Ein Junge kommt dran. Er sei in Frankfurt gewesen, auf einem Parkhaus. „Drei Jugendliche haben die Polizei beleidigt und Flaschen geworfen.“ Er habe nicht zu der Gruppe gehört. Aber beim Verlassen des Gebäudes hätten ihn Polizisten durchsucht und ein illegales Messer gefunden. Dann habe er drei Stunden auf dem Polizeirevier an der Zeil verbracht, „an einen Stuhl gefesselt“. Vor den etwa 60 Jugendlichen sitzen sechs Beamtinnen in Uniform auf zusammengeschobenen Tischen und lassen die Beine baumeln. Sie sind „Cops im Dialog“. So nennt sich die Veranstaltungsreihe, mit der das hessische Innenministerium seit Anfang vergangenen Jahres das gegenseitige Verständnis und Vertrauen zwischen Jugendlichen und der Polizei stärken will. Es geht um Respekt und Wertschätzung gegenüber Einsatzkräften. Denn die Angriffe auf Polizisten nehmen zu – auch im Hochtaunuskreis. Dort, an der Adolf-Reichwein-Schule in Neu-Anspach, nehmen Schüler des Realschulzweigs an dem Format teil. Thomas Leopold-Klemm, der Jugendkoordinator der Polizeidirektion Hochtaunus und in der Aula der Moderator, nimmt ein Mädchen dran. „Das Schlimmste, was ich gemacht habe, war, mit einer Freundin zu zweit auf einem E-Roller in Usingen zu fahren.“ Eine Streife habe sie angehalten. „Die waren eigentlich nett.“ Doch die Freundin, streng genommen „eine ehemalige Freundin“, habe „nicht respektlos, aber genervt geantwortet“. Deshalb, vermutet die Schülerin, habe die Sache länger gedauert als nötig. „Auch Polizisten sind Mütter und Väter“ Jeannine Faulborn, die Dienstgruppenleiterin der Polizeistation Usingen, bestätigt: Wenn ihr jemand freundlich gegenübertrete, verlaufe ein Gespräch im Einsatz anders, als wenn das nicht geschehe. „Dann wird es auch von unserer Seite aus unangenehmer, härter.“ Der Befehl „Hände aus den Taschen!“ sei nicht böse gemeint. „Da geht es um unsere Sicherheit.“ In der Tasche könnte ein Messer stecken, und das habe „nicht jeder zum Apfelschälen dabei“. Gleich zu Anfang hat Polizeidirektorin Iris Müller gesagt, dass auch Polizisten, Feuerwehrleute und Sanitäter Mütter und Väter seien. Sie habe zwei Kinder, erzählt Faulborn. „Die möchten, dass die Mama gesund nach Hause kommt.“ Vor einigen Wochen hat die Polizeidirektorin wieder die jährliche Kriminalstatistik vorgestellt. Im Hochtaunuskreis ist die Zahl der Fälle, die unter „Widerstand gegen und tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte“ zusammengefasst sind, voriges Jahr um neun auf 47 gestiegen. Weil sich einige Taten gegen mehrere Einsatzkräfte richteten, gab es 87 Opfer, davon 82 Polizisten. Die Schüler können direkt nach Müllers Einführung die ersten Fragen stellen. Inhaltlich gehen sie nicht auf das Respekt-Thema ein, aber das Interesse zeugt bei vielen von Wertschätzung: „Wie ist das genau, wenn man zur Polizei will, wie läuft das genau ab mit den Prüfungen?“ Wie weit kann man „einfach nur mit Realschulabschluss“ aufsteigen? Was gehört alles zum Sporttest? Die Polizistinnen sprechen vom Studium, erläutern den Unterschied zwischen Bundes- und Landespolizei, zählen Spezialeinheiten auf. Sie berichten vom Zwölf-Stunden-Dienst, bei dem sie nie wüssten, was auf sie zukomme. Der Moderator lässt das Gespräch laufen, bevor er es mit der Frage nach dem Kontakt mit der Polizei zurück auf das Respekt-Thema lenkt. Und auch nach Jeannine Faulborns Lektion zur Freundlichkeit setzen die Polizistinnen darauf, das Vertrauen mit viel Information über ihren Berufsalltag zu stärken. Ein Mädchen fragt, wie sich Stress und Schichtdienst auf das Privatleben auswirkten. Ein Junge interessiert sich für die Waffen der Polizei. „Sturmgewehre und so?“ Die Schusswaffe sei das letzte Mittel, erfahren die Schüler. Eine Polizistin sagt, davor hätten sie noch „genug am Gürtel, am Mann“, um Situationen zu begegnen. Aber sie trainierten dafür, jederzeit schießen zu können. Ein Junge sagt: „Ich hab vor der Polizei immer Respekt, weil die nie alleine sind und so einen Eindruck machen, als wären die sehr fit; sind sie ja auch.“
