FAZ 07.05.2026
17:53 Uhr

Cold Case Maria Köhler: „Er tötete aus krasser, übersteigerter Eifersucht – und aus Rache“


Seit Jahrzehnten stand er unter Verdacht, 2025 konnte er in der Türkei festgenommen werden: Jetzt muss sich ein 67 Jahre alter Mann wegen des Mordes an Maria Köhler verantworten. Sie wurde am 30. Juli 1984 getötet.

Cold Case Maria Köhler: „Er tötete aus krasser, übersteigerter Eifersucht – und aus Rache“

Der Angeklagte verlor nicht die Nerven. Nachdem er seine ehemalige Freundin Maria Köhler am 30. Juli 1984 mit ihrem Netzschal, den sie um den Hals trug, in ihrem Zimmer im Wohnheim des Krankenhauses stranguliert hatte, nahm er ihren Zimmerschlüssel, verschloss die Tür von außen und verließ das Gebäude. Er packte seinen Koffer, buchte am nächsten Tag ein One-Way-Ticket nach Istanbul und verschwand. Für rund vier Jahrzehnte. Denn erst 2025 gelang es Ermittlern, den staatenlosen Mann in der Türkei aufzuspüren, nachdem sie den Cold Case Maria Köhler zuvor wieder aufgenommen hatten. Unter Verdacht stand er seit dem Tod der jungen Frau. Jahrelang wurde mit internationalem Haftbefehl nach ihm gefahndet.  Seit Donnerstag muss sich der 67 Jahre alte Mann wegen Mordes vor dem Landgericht Aschaffenburg verantworten. Er habe, so heißt es in der Anklage, die damals 19 Jahre alte Maria Köhler aus einer „krassen, übersteigerten und jeglichen nachvollziehbaren Grund entbehrenden Eifersucht“ heimtückisch getötet. Denn die junge Frau hatte sich von dem 25 Jahre alten Mann getrennt und hatte einen neuen Freund, einen amerikanischen Soldaten, der in Hanau stationiert war. Ihre Tötung diente laut Anklage „der Wiederherstellung vermeintlicher Besitz- und Herrschaftsansprüche“ des Angeklagten. Doch die Staatsanwaltschaft sieht noch ein weiteres Motiv: Rache. Der Mann habe sich an der Frau rächen wollen, weil sie ihm nicht zu einem Aufenthaltstitel verholfen habe. Die Tat hat der Angeklagte am Donnerstag durch seine Verteidigerin gestanden. Er sei damals sehr verletzt gewesen, aber nicht übermäßig eifersüchtig, sagte seine Anwältin vor Gericht. „Es tut ihm sehr leid, dazu steht er auch.“ Es sei im Affekt geschehen. „Er war vorher und nachher auch nie gewalttätig.“ Die Motive, die die Anklage annehme, lägen nicht vor. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft erhoffte sich der Angeklagte, der zu dem Zeitpunkt türkischer Staatsangehöriger war, von einer Ehe mit der angehenden Krankenschwester eine Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis, die im Oktober 1983 abgelaufen war. Er habe daher Maria K., mit der er schon über Monate eine Beziehung führte, „schnellstmöglich“ heiraten wollen. Zunächst hat die junge Frau auch in Betracht gezogen, ihn zu heiraten – damit er in Deutschland bleiben kann. Doch im Februar 1984 ließ sie von dem Vorhaben ab, ein paar Wochen später trennte sie sich. Die Beziehung war nicht unbelastet. So hatte Maria Köhler ihrer Schwester von einem Erlebnis erzählt, das sie schockierte. Der Angeklagte sei demnach einmal mit seiner eigenen Schwester grob umgegangen, da diese sein Hemd nicht richtig gebügelt hatte. Maria Köhler trennte sich auch, weil sie dessen Ehepläne ablehnte. Sie empfand sich als zu jung: Nach ihrer Ausbildung wollte sie in die Welt hinaus, nach Afrika. Kurz nach der Trennung verliebte sie sich dann in den Amerikaner, in den sie nach Worten ihrer Schwester „bis über beide Ohren verliebt“ war. Laut Anklage weigerte sich der Angeklagte jedoch, die Trennung zu akzeptieren, immer wieder suchte er den Kontakt zu ihr. Dass sie einen neuen Freund hatte, trieb ihn um: „Er war sehr enttäuscht, verärgert und wütend auf die Geschädigte Maria K. und fühlte sich von ihr betrogen.“ Mitte Juli 1984 wurde dann der Antrag auf Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis durch die Stadt Aschaffenburg abgelehnt, er wurde aufgefordert, Deutschland „unverzüglich“ zu verlassen – die Abschiebung in die Türkei drohte. Am 26. Juli kündigte ihm sein Arbeitgeber wegen seines nicht geklärten Aufenthalts. Als Maria Köhler am Morgen des 30. Juli zusammen mit ihrem neuen Freund das Wohnheim verließ, wurde sie dabei vom Angeklagten beobachtet, der vor dem Haus stand. Nachdem die junge Frau ihren Freund zum Zug gebracht hatte, traf sie auf ihren früheren Freund in der Innenstadt, es kam zu einem Streit, wie eine Zeugin geschildert hatte. Der Angeklagte habe sie am Arm gepackt, Maria Köhler eine Passantin um Hilfe gebeten, so heißt es in der Anklageschrift. Der Mann ließ sie los, sie rannte davon, der Angeklagte hinterher. Zurück im Wohnheim, bereitete Maria Köhler sich dann auf ihren Dienst vor. Der Angeklagte klopfte bald darauf an ihre Tür, sie ließ ihn herein. Nachdem die junge Frau ihm nochmals deutlich gemacht habe, dass die Beziehung zu Ende sei, kam es zu einem Streit, mit „wechselseitigen Beschimpfungen und Beleidigungen, möglicherweise auch mit Ohrfeigen“.  „Spätestens in dieser Situation fasste der Angeschuldigte den Entschluss, die Geschädigte Maria K. zu töten.“