Wenn Cem Özdemir an diesem Samstag auf dem Grünen-Parteitag über die dritte grün-schwarze Koalition in Baden-Württemberg spricht, werden die Delegierten ihn feiern. Es sind dann noch vier Tage, bis der Schwabe aus Bad Urach zum zweiten grünen Ministerpräsidenten der Republik gewählt werden soll. Eigentlich eine Sensation, die nur deshalb etwas unterbelichtet blieb, weil der Sieg so knapp ausfiel. Özdemir hat es immer wieder gesagt: Der Weg in ein hohes Staatsamt war ihm nicht in die Wiege gelegt. Als in Deutschland geborener Sohn türkischer Einwanderer und als Ultrarealo vom Tag des Parteieintritts an musste er viele Hürden überspringen. Unvergessen bleibt der Oktobertag im Jahr 2008 in der Stadthalle von Schwäbisch Gmünd, als sich die Grünen wie ein Sponti-Haufen aufführten und dem künftigen Bundesvorsitzenden Özdemir den gewünschten Listenplatz für ein Bundestagsmandat verwehrten. Von nächster Woche an wird Özdemir nicht nur eine Landesregierung führen – er zählt jetzt neben Felix Banaszak, Franziska Brantner, Britta Haßelmann und Katharina Dröge zu den wichtigsten Politikern seiner Partei. Vielleicht ist er sogar der wichtigste Grüne im Land, weil er das höchste Regierungsamt innehat und beliebt ist. Beim Kurs der Partei hat Özdemir ein Wort mitzureden Das heißt auch: Özdemir hat eine Chance, ein Wort mitzureden, wenn es um den künftigen Kurs seiner Partei geht. Wenn nach Lösungen der Krise des Landes, der Demokratie oder der Wirtschaft gefragt wird, wird er Antworten als Ministerpräsident liefern müssen. Es werden in der Mitte mehrheitsfähige Antworten sein, die auch in seine Partei hineinwirken. Özdemir wird die Rolle anders ausfüllen als Winfried Kretschmann. Der war Demokratieerklärer, Ökologe und Vertrauensschöpfer. Bundespolitisch stand er im Ruf, ein Wertkonservativer in der falschen Partei zu sein. Teils lag das an seinem Unwillen, sich mit grünen Partei-Interna zu befassen, teils an der Unkenntnis der Öffentlichkeit über das breite weltanschauliche Spektrum der Parteigründer. Verändert hat Kretschmann die Grünen in Berlin mit seinem regelmäßigen ostentativen Kopfschütteln über etatistische oder linkssektiererische Eskapaden eher nicht. Oft machte sich die grüne Führung nicht einmal die Mühe, den Erfolg Kretschmanns, den man im Prenzlauer Berg als provinziell-reaktionär bewertete, wenigstens zu verstehen. Özdemir muss sich als Ministerpräsident deshalb nicht nur mehr um die Landespartei kümmern als Kretschmann, sondern auch einen besseren Draht nach Berlin aufbauen. Die Chancen dafür stehen gut. Er war Bundestagsabgeordneter, Bundesminister und zehn Jahre Bundesvorsitzender der Grünen. Damit, wie man in einer komplizierten Partei Debatten gewinnt, hat er mehr Erfahrung als jeder andere grüne Spitzenpolitiker. Die Geschichte der Grünen ist offener denn je Allerdings sind die heutigen Debatten nicht mit früheren grünen Programmdiskussionen zu vergleichen, bei denen es häufig ziemlich trivial nur darum ging, aus einer utopischen Einzelforderung etwas Realpolitisches zu entwickeln. Geopolitisch und wirtschaftspolitisch ist in Europa nichts mehr, wie es war. Das alte Parteiensystem existiert nicht mehr. Die AfD erreicht die Stärke einer Volkspartei. Es sind disruptive Zeiten. Im Südwesten haben die Bürger sich für den Ministerpräsidentenkandidaten mit der größten Erfahrung entschieden, in vielen klassischen CDU-Wahlkreisen bekamen die Grünen mehr Zweit- als Erststimmen. Trotz der schwierigen Wirtschaftslage schenkten die Bürger den Grünen ihr Vertrauen. Ironischerweise war es Angela Merkel, die CDU-Politikerin mit den größten Sympathien für die Ökopartei, die den Grünen die Machtoption auf Bundesebene durch ihre Migrationspolitik erschwert hat. Für die AfD war das eine Vitaminkur. Die dramatische Schwäche der SPD, das Abrücken der Union vom permanenten Grünen-Bashing und der grüne Mut zum Wandel stoßen wieder Türen auf. Die Geschichte der Grünen ist offener denn je, sie verfügen gerade über ein Alleinstellungsmerkmal: Mit ihrer postfossilen ökologischen Programmatik, ihrem Verständnis von Bürgerbeteiligung und ihrer außenpolitischen Wende ist es ihnen gelungen, eine zukunftsfeste Vision zu entwickeln. Das hebt sie deutlich ab von den Regierungsparteien in Berlin. Wenn die Grünen mehr als die Partei der Freiburger Oberstudienräte sein wollen, dann müssen sie diese Zukunftserzählung nutzen und sie, anders als beim Heizungsgesetz, so in pragmatische Politik übersetzen, dass niemand die schlecht verdienende Arbeiterschaft gegen eine solche Politik mobilisieren kann. Özdemir hat in vielen Reden angekündigt, er stelle sich jeder zivilen Diskussion mit AfD-Wählern. Und der Parteilinke Banaszak sagte gerade, eine Voraussetzung von Freiheit sei Sicherheit.
