So staatstragend wie derzeit ging es 1979 bei der Gründung des baden-württembergischen Landesverbandes der Grünen in Sindelfingen gewiss nicht zu. Aber die Zeiten ändern sich: Der frühere Außenminister Joschka Fischer macht gerade in seinem neuen Buch eine tiefe Verneigung vor Konrad Adenauer und dessen Westbindung – und der designierte Ministerpräsident Baden-Württembergs Cem Özdemir warnt die Bundesregierung, so konstruktiv zu regieren, dass das Land nicht schlafwandlerisch in eine Krise rutsche. Das Land Baden-Württemberg stehe vielleicht vor den „größten Herausforderungen seit der Gründung“, hatte Özdemir bei der Debatte über den Koalitionsvertrag gesagt. „Wir segeln in schwere Wetter. Der technologische Fortschritt ist geschmolzen, unsere Kernbranchen stecken in einer historischen Bewährungsprobe.“ Die Wirtschaftspolitik und somit der „Erhalt des industriellen Kerns des Landes“ würden die wichtigsten Themen seiner Regierung werden. An diesem Mittwoch soll der 60 Jahre alte Özdemir zum zehnten Ministerpräsidenten Baden-Württembergs gewählt werden. Befände sich Deutschland nicht gerade in einer Strukturkrise, würde die Öffentlichkeit vermutlich vor allem auf Özdemirs biographische Leistung schauen: Welch ein Erfolg, dass ein Sohn türkischer Einwanderer alle schulischen und gesellschaftlichen Hindernisse überwindet und es von der Realschule in Bad Urach bis ins höchste Staatsamt in seiner Heimat schafft. Was für ein Erfolg für die mehr als drei Millionen Menschen mit Migrationshintergrund und die etwa 480.000 Menschen mit Bezug zur Türkei, die in Baden-Württemberg leben. Nicht am Kanzleramt gerüttelt In seinem ersten Buch „Ich bin Inländer“ im Jahr 1997 schrieb Özdemir: „Dass ein Sprössling aus einer Einwandererfamilie als Präsidentschaftskandidat das höchste Amt im Staat anstrebt, wie Michael Dukakis Ende der achtziger Jahre, ist in den Staaten kein Thema. Ich habe zwar nicht den Marsch aufs Kanzleramt vorgenommen, habe auch noch nie nach ein paar Bier am Zaun des Kanzleramts gerüttelt und gerufen: ‚Ich will da rein!‘, aber in dieser Beziehung haben mich die USA schon bei meiner ersten Reise fasziniert.“ Dukakis warb im Übrigen mit dem Satz: „Ich bin kein Philosoph, sondern ein Macher.“ Damit ist Özdemirs Rolle als Regierungschef der grün-schwarzen Reformkoalition gut beschrieben. Die grüne Bundespartei definiert in der Renten-, Steuer und Finanzpolitik ihre Rolle gerade neu. In seinem ersten Buch nannte Özdemir sich einen „anatolischen Schwaben“. Schon als Mitglied der grünen Arbeitsgruppe „Immi-Grün“ Anfang der Neunzigerjahre war ihm das naive Verständnis von Multikulturalismus suspekt, bei dem jeder Einwanderer Opfer ist, aber nicht handelndes Subjekt mit Rechten und Pflichten. Seine Kritik am sexistischen Verhalten von Flüchtlingen im Görlitzer Park in Berlin gründet immer darauf, dass das Grundgesetz die Leitkultur für die Einwanderungsgesellschaft vorgibt. Dementsprechend deutlich kann er werden, wenn Islamisten, Nationalisten oder Rechtsradikale diese Werte infrage stellen. Nun zieht Özdemir also nicht in das Berliner Kanzleramt, sondern in die neobarocke Villa Reitzenstein in Stuttgarter Halbhöhenlage ein. Und die Probleme lauten: Arbeitsplatzabbau, kommunale Finanzkrise, Transformationskrise der Automobilindustrie und zurückgehende Steuereinnahmen. Noch ist eine gewisse Verspanntheit zu spüren Cem Özdemir wurde am 21. Dezember 1965 in Bad Urach geboren. Die Mutter stammte aus einer Istanbuler Familie, der Vater aus einem tscherkessischen Dorf. Özdemir wurde als Grundschüler verlacht, als er sich wünschte, auf das Gymnasium zu wechseln. Er besuchte die Realschule, machte eine Erzieherausbildung, studierte später Sozialpädagogik an einer Fachhochschule, arbeitete als Erzieher und kam schließlich über den Umweltschutz zu den Grünen. 1994 gelang es ihm, als erster Politiker aus einer türkischen Familie in den Bundestag einzuziehen. Später wurde er wegen der ungerechtfertigten Abrechnung von Flugbonusmeilen zu einer Auszeit gezwungen. Danach stieg er in seiner Partei wieder auf, wurde Europa-Abgeordneter und später für zehn Jahre Ko-Vorsitzender seiner Partei. In der Ampelregierung war er Landwirtschafts- und kurze Zeit auch Wissenschaftsminister. Seine Arbeit als Landwirtschaftsminister war kompromissorientiert, was dazu führte, dass Umweltschützer sowie der Bauernverband gleichermaßen unzufrieden waren. Als Wissenschaftsminister gelang es ihm, den Digitalpakt erfolgreich zu verhandeln. Während der Sondierungsgespräche in Stuttgart musste Özdemir viel Zeit aufwenden, um zum unterlegenen CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel überhaupt ein Arbeitsverhältnis aufzubauen. Denn für Hagel war die knappe Wahlniederlage am 8. März die größte Niederlage seines Lebens. Özdemir ließ sich mehrmals in den Alb-Donau-Kreis fahren, wo Hagels Heimatstadt Ehingen liegt, um dort bei Spaziergängen für Vertrauen zu werben. Wenn beide jetzt gemeinsam auftreten, ist das Sie zwar dem Du gewichen, aber eine gewisse Verspanntheit ist noch zu spüren. Seinen Regierungsstil muss Özdemir noch entwickeln. Er wird sich von dem seines Vorgängers Winfried Kretschmann deutlich unterscheiden müssen: Der Entscheidungsdruck ist viel höher, denn die neue Koalition will mit dem Wegfall der Berichtspflichten bis Ende 2027 einen radikalen Bürokratieabbau durchsetzen. Wie die meisten Aufsteiger, die sich hart hochgearbeitet haben, verteidigt Özdemir seine Lebenserfolge auch härter als ein Sohn aus einer bildungsbürgerlichen Familie. Er vergisst Demütigungen, fremdenfeindliche Anwürfe – die es auch in einer so typisch deutschen Partei wie den Grünen gibt – oder Intrigen von Parteifreunden nicht. Özdemir galt in seiner Partei nicht als einer, der sich tagelang zum Aktenstudium zurückzieht. Als junger Politiker verließ er sich oftmals auf sein Talent, in der Öffentlichkeit einfach „der Cem“ zu sein. Heute arbeite Özdemir wie ein „Turbolader“, sagen seine Mitarbeiter. Ein Mikromanager sei er nicht, aber unterschiedliche Perspektiven seien ihm sehr wichtig. Habe er ein Thema identifiziert, lese er sich sehr schnell ein, konsultiere Fachleute und entscheide. Im Staatsministerium wird er vom bisherigen Staatskanzleichef Jörg Krauss unterstützt. Und er übernimmt eine Staatskanzlei, die seit 15 Jahren von den Grünen geführt wurde. Einen solchen Startvorteil hat nicht jeder Ministerpräsident.
