FAZ 17.09.2026
13:11 Uhr

CDU im Nordosten: „Wenn das so weitergeht, ist die Partei erledigt“


In Mecklenburg-Vorpommern droht der CDU das schlechteste Ergebnis seit Gründung der Bundesrepublik. Im Landesverband macht man dafür nicht nur Friedrich Merz verantwortlich.

CDU im Nordosten: „Wenn das so weitergeht, ist die Partei erledigt“

In der CDU in Mecklenburg-Vorpommern stellen sich manche schon auf das Worst-Case-Szenario ein. Er würde nicht vor Überraschung tot umfallen, wenn seine Partei unter die Fünfprozenthürde rutschen würde, sagt ein Kommunalpolitiker. In den Umfragen steht die Partei kurz vor der Landtagswahl am Sonntag bei sieben Prozent. Die Tendenz zeigt seit Langem nach unten, zuletzt hat sich der Abwärtstrend aber noch einmal beschleunigt. „Wenn das so weitergeht, ist die Partei erledigt“, sagt der CDU-Mann. Spricht man mit Parteimitgliedern im Land, werden für die Misere nicht nur die Bundesregierung und der Bundeskanzler verantwortlich gemacht. Verwiesen wird auch auf die eigenen Leute. Klar, bei dem Duell zwischen Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) und der AfD sei es schwierig, vorzukommen, heißt es dann. Aber die Parteispitze habe das gar nicht richtig versucht, etwa durch eine Absetzung von Berlin. Eigentlich ist die CDU im Nordosten eine Partei mit einer stolzen Geschichte. Direkt nach der Wende stellte sie mit Alfred Gomolka und Berndt Seite zweimal den Ministerpräsidenten. 28 Jahre lang war die CDU im Land an der Regierung beteiligt. In der Opposition war sie nur von 1998 bis 2006 und dann von 2021 an, seitdem Schwesigs SPD mit der Linken regiert. Nun aber droht das schlechteste Ergebnis eines CDU-Landesverbands überhaupt; nur einmal holte die CDU weniger als zehn Prozent, das war 1951 in Bremen. „Dass wir so weit unten sind, liegt auch an den Figuren im Land“ Eine Erklärung dafür ist: Aus Berlin kam heftiger Gegenwind. Als Friedrich Merz seinen einzigen Wahlkampfauftritt im Land hatte, wurde er ausgebuht, es gab Pfiffe und „Pinocchio“-Rufe. Speziell im Osten gilt Merz als Teil des Problems. In der Landespartei wird etwa verwiesen auf einen Auftritt von ihm vor wenigen Tagen bei einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Da sagte der Bundeskanzler, jene, die heute 70 oder gar 80 Jahre alt seien, hätten nur Wohlstand erlebt. „So was kann nur einer aus dem Westen sagen“, heißt es dazu. „Unsäglich.“ Als hätten die Betroffenen im Osten nicht nach der Wende enorme Umbrüche erlebt. Betriebe und Arbeitsplätze seien damals weggefallen, man musste sich umorientieren, heißt es, der Veränderungsdruck sei enorm gewesen. Aber Merz trägt aus Sicht der CDU-Landespolitiker keineswegs allein die Verantwortung für die Misere. „Dass wir so weit unten sind, liegt auch an den Figuren im Land“, sagt einer: nicht so sehr am Landesvorsitzenden Daniel Peters, sondern eher an den Leuten dahinter. Die hätten sich „eingerichtet“. Unklar sei, ob sie überhaupt den Fleiß für die Regierungsarbeit aufbrächten. „Und wenn die nicht ernsthaft brennen, dann merken das die Leute.“ Zudem seien zu wenig Frauen an der Spitze, zu wenig Persönlichkeiten. Im Wahlkampf verzichtete Peters plötzlich auf alles Krawallige Manuela Schwesig sucht im Wahlkampfendspurt gezielt die Auseinandersetzung mit der AfD, lässt Plakate aufstellen, auf denen sie als „Die Frau gegen Blau“ dargestellt wird. In der CDU gab es darüber zuletzt Beschwerden. Etwa von der Generalsekretärin der Bundespartei, Franziska Hoppermann. Die sagte, Schwesig stelle ihre parteipolitischen Interessen über die Interessen Mecklenburg-Vorpommerns. Ihr Versuch, mit einem personalisierten Wahlkampf „die CDU kleinzuhalten“, schwäche die politische Mitte und helfe am Ende der AfD. Ähnlich äußert sich seit Längerem Peters. Kürzlich sagte er, Schwesig führe einen Wahlkampf gegen die CDU und die Grünen. Damit schwäche sie die Mitte und stärke die AfD. In Peters’ Partei aber meint man, der eigene Spitzenkandidat sei auch in diese Lage geraten, weil es ihm nicht gelungen sei, eigene Themen zu setzen. Peters ist seit 2024 Landesvorsitzender. Anfangs teilte er scharf aus, insbesondere beim Thema Migration. Zuweilen war das krawallig, ganz auf der Linie seines politischen Mentors Eckhardt Rehberg. Dann aber schwenkte er um. Im Wahlkampf war alles Krawallige weg. Konservative in seiner Partei vermissen seine harte Linie. Sie kritisieren etwa, dass Peters bei der Wahlkampagne die Fischbrötchen in den Fokus gestellt hat. Slogan: „Die Mitte ist das Beste“. Das sei doch „etwas für Sonderschüler“, sagt ein CDU-Mann. „Denken die, das Volk ist verblödet?“ Stattdessen hätten Themen gefehlt. „Ich wüsste keinen Punkt, bei dem ich sagen könnte, jawohl, deswegen muss ich die wählen.“ Peters hätte sich wenigstens ein bisschen von der Linie der Bundesregierung absetzen, die Interessen der eigenen Bevölkerung herausstellen können, heißt es dann. Frau Schwesig mache das doch auch ständig, etwa bei der Rente. Viele sehen die fehlende Machtperspektive der CDU als Problem Geeignet dafür hätte sich demnach die Migrationsfrage, die viele im Land immer noch als ungelöst ansehen – oder weiterhin das Thema der günstigen Energie. Letzteres konnten stattdessen AfD und BSW besetzen, die eine Öffnung der Nord-Stream-Pipelines fordern, die in Mecklenburg-Vorpommern anlanden. Auch in Bezug auf die AfD hätten sich manche in der Partei gewünscht, dass Peters sich von der Linie der Bundespartei absetzt. Sie finden, er hätte ein Ende der Brandmauer fordern können. Andere halten es hingegen für unglücklich, dass Peters eine Koalition mit der Linken ausschloss. Denn an der fehlenden Machtperspektive krankte aus dieser Sicht der Wahlkampf besonders. Derzeit sieht es so aus, als wäre eine Regierung ohne die AfD nur möglich, wenn SPD, Linke und eine weitere Partei zusammen regieren. Das können die Grünen sein, wenn ihnen der Sprung in den Landtag gelingt, oder eben die CDU. Peters folgt aber dem Beschluss der Bundespartei, eine Koalition mit der Linken ebenso wie mit der AfD auszuschließen. Stattdessen brachte er wiederholt den Vorschlag einer Minderheitsregierung wie in Skandinavien ins Spiel. Aber das, so heißt es in seiner Partei, werde hierzulande kaum funktionieren.