Es sind Bilder einer Überwachungskamera von seltener Brutalität: Zwei Männer, die mit dem Tankstutzen Benzin in das Innere eines Minivans pumpen. Dann setzen sie das Auto in Brand und halten von außen die Türen zu. Man sieht voller Entsetzen, wie der Fiat Ulisse mächtig hin und her schwankt, weil sich die verbliebenen Insassen zu befreien versuchen. Nur einem von fünf gelingt es. Die Täter rennen schließlich davon. Das ist die Szene, die sich am helllichten Tag nahe der 3000-Einwohner-Gemeinde Amendolara abgespielt hat, an einer Tankstelle an der vielbefahrenen Staatsstraße 106, im tiefen Süden. Für vier Männer in dem Auto kommt jede Hilfe zu spät: Ismat, Fazal, Waseem und Safi. Alle vier aus Afghanistan und Pakistan. Alle vier als Erntehelfer auf den Erdbeerfeldern in der Umgebung beschäftigt, zu Billiglöhnen und unter Bedingungen, die man kaum als human beschreiben kann. Alle vier bei lebendigem Leib verbrannt. Schlimme Arbeitsbedingungen längst bekannt Italien ist entsetzt über den Vierfach-Mord. Und er erinnert viele daran, wie Einwanderer in ihrem Land beschäftigt werden. Denn dass vor allem in Italiens Süden, wo in großem Stil Obst und Gemüse angebaut wird, die Arbeitsbedingungen mancherorts unmenschlich sind, weiß man längst. Der Stundenlohn beträgt häufig nicht mehr als drei Euro. Alles in allem, so wird geschätzt, arbeiten in Italiens Landwirtschaft mehr als 200.000 Menschen unter solchen Bedingungen. Was dort geerntet wird, landet oft auch in deutschen Supermärkten. Viele nennen das moderne Sklaverei. Manche sprechen auch von einer „Landarbeiter-Mafia“, die streng organisiert ist und Verbindungen zur 'Ndrangheta hat, Italiens mächtigster Verbrecherorganisation, die in Kalabrien beheimatet ist. Um die Anwerbung der ausländischen Billiglöhner, deren Unterbringung und die finanziellen Angelegenheiten kümmern sich sogenannte Capos: häufig ebenfalls Migranten, die es in der Hierarchie etwas nach oben geschafft haben. Zwei Männer sitzen in Untersuchungshaft So war das offensichtlich auch bei dem Vierfach-Mord. Anhand der Bilder der Überwachungskameras konnten als mutmaßliche Täter zwei Männer aus Pakistan identifiziert werden, die nun in Untersuchungshaft sitzen. Belastet werden die beiden auch vom einzigen Überlebenden: Taj Alamyar, 35 Jahre alt, aus Afghanistan und seit ein paar Monaten in Italien. Er saß ebenfalls im Auto, konnte sich aber durch das Heckfenster nach draußen retten. Mit schweren Brandwunden an den Händen berichtet Alamyar, dass er zusammen mit den anderen auf einem Matratzenlager in einem kleinen Bauernhaus in der Nähe untergebracht gewesen sei, zu einem Tageslohn von 45 Euro. Eigentlich. Aber: „Wir haben jeden Tag unsere Bezahlung verlangt. Aber sie haben immer eine Ausrede gefunden. Und für die Fahrt zur Arbeit fünf Euro von uns verlangt. Fünf Euro hin, fünf Euro zurück. Zu Hause bekamen wir Brot und Kartoffeln, sonst nichts.“ Am Morgen der Tat habe es wieder Streit gegeben. „Sie haben eine Pistole auf uns gerichtet: ‚Mund halten oder Ihr werdet umgebracht.‘“ Dann sei es wieder auf die Felder gegangen. Auf der Rückfahrt sei es erneut zu einem Wortgefecht gekommen, bis die Capos an der Tankstelle angehalten hätten. „Sie wollten uns eine Lektion erteilen. Sie wollen den Landarbeitern hier in der Region klarmachen, dass Befehle nicht diskutiert werden.“ Bischof: „Genug mit dem bequemen Schweigen“ Das ist augenblicklich auch die Vermutung der Ermittler: dass ein Exempel statuiert werden sollte. In den vergangenen Monaten standen schon mehrfach Autos in Brand, mit denen Landarbeiter transportiert wurden. Geprüft wird jetzt auch, ob es sich beim Tod von vier indischen Erntehelfern vergangenes Jahr tatsächlich um einen Verkehrsunfall handelt. Nach dem Entsetzen über den Vierfach-Mord geht es nun jedoch auch darum, welche Konsequenzen gezogen werden müssen. Ein Bischof aus Kalabrien, Francesco Savino, verlangt: „Genug mit dem bequemen Schweigen. Genug mit der schäbigen Angewohnheit, es für normal zu halten, dass Männer von weit her bei uns wie Leichen ohne Geschichten sterben.“ In Italien gibt es gegen ausbeuterische Methoden in der Landwirtschaft zwar ein Gesetz. Es drohen hohe Geldstrafen und bis zu acht Jahre Haft.
