FAZ 05.06.2026
14:43 Uhr

Botanik-Kolumne: Spinat auf den Augen


Photosynthese ist nichts für Säugetiere? Neue Forschung zeigt, dass das mit Spinat doch möglich ist. Über ein Blattgemüse, das Wunder vollbringen kann.

Botanik-Kolumne: Spinat auf den Augen

Wenn es draußen so sonnig und grün ist wie jetzt, drängt sich ein Gedanke auf: Hätten wir Menschen die Fähigkeit zur Photosynthese – unsere Ernährungsprobleme wären gelöst. Dass dazu Wasser nötig ist und knapp zu werden droht, ignorieren wir an dieser Stelle. Wir könnten uns einfach in die Sonne setzen, Chloroplasten in unserer Haut würden ihre Synthesemaschinerie anwerfen und uns mit so viel Nahrung versorgen wie nötig. Hunger wäre überwunden, Fettleibigkeit ein Fremdwort. Auch wenn klar ist, dass das nicht funktioniert: Versuche – meist Selbstversuche, Menschen mit Sonnenlicht zu ernähren, gab es reichlich. Der Inder Prahlad Jani zum Beispiel behauptete, er habe jahrzehntelang nichts gegessen, sondern nur von Licht gelebt. Dabei war er offenbar sehr überzeugend. Dem indischen Verteidigungsministerium erschien es sogar attraktiv, die Ernährung von Soldaten auf Janis Methode umzustellen, und es förderte die Untersuchung des Yogis in einer Klinik. Allerdings wurden Ergebnisse nie veröffentlicht, und heute ist unstrittig, dass Jani ein Scharlatan war. Nach wie vor aber wabert in esoterischen Kreisen die Idee der Lichtnahrung. Das kostet immer mal wieder Menschen das Leben, die ernsthaft versuchen, auf diese Weise satt zu werden. So ging 2019 der Tod eines jungen Mannes aus Hamburg durch die Medien, der zuvor berichtet hatte, er ernähre sich nur von Licht. Biologen von der Universität Singapur haben es nun jedoch geschafft, dass Säugetiere so etwas wie Photosynthese hinbekommen, und zwar mit Hilfe von Spinat. Die Wissenschaftler extrahierten aus dem Blattgemüse den grünen Farbstoff und implantierten Chloroplasten mithilfe von Nanopartikeln in die Augen von Mäusen. In der fremden Umgebung arbeiteten die Photosyntheseapparate tatsächlich weiter. Sie produzierten zwar keinen Zucker wie in der Pflanze, sondern ATP und NADPH – immerhin die Moleküle, die in Lebewesen Energie übertragen. Inspiriert hatte die Forscher eine Meeresschnecke, die Chloroplasten aus den Algen einlagert, die sie frisst. In schlechten Zeiten verhindert die grüne Schnecke so, dass sie verhungert. Warum aber haben sich die Forscher in Singapur für Spinat entschieden? Schaut man sich die wissenschaftliche Literatur an, stellt man fest: Biologen greifen häufiger auf Spinat zurück, um Photosynthese zu erforschen. Die Wissenschaftler in Singapur testeten auch andere Blätter aus dem örtlichen Supermarkt: Gemüseamaranth, Wasserspinat und Kopfsalat. Aus keinem konnten sie so viel grünes Pigment gewinnen wie aus Spinat. Um einen Effekt in den Mäusen zu erzielen, brauchten die Forscher dann doch nur so wenige Chloroplasten, dass man es den Tieren nicht ansieht: Ihre Augen leuchten nicht etwa grün, wie man annehmen könnte. Dass Spinat stark machen kann, hängt allerdings nicht unmittelbar am grünen Pflanzenfarbstoff und den Chloroplasten – sondern hat mit dem Phytosteroid Ecdysteron zu tun. Dieses Pflanzenhormon aus dem Blattgemüse regt das Muskelwachstum an, wie Pharmakologen vor einigen Jahren nachwiesen. Popeye hat also theoretisch recht. Allerdings müssen Athleten wochenlang jeden Tag zwischen 250 Gramm und einem Kilogramm Spinat zu sich nehmen, damit es wirkt. In den Studien dazu erhielten die Probanden daher Spinatextrakt in Kapselform. Und Ecdysteron geriet ins Visier der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA. Allerdings findet es sich nach wie vor nicht auf der Liste verbotener Substanzen, Sportler können weiterhin das Gemüse essen, ohne bei Dopingkontrollen aufzufallen. Höchstens die Oxalsäure im Spinat macht Probleme – sie verursacht nämlich Harnsteine.