FAZ 04.06.2026
12:12 Uhr

Biermann im Pour le mérite: Geschichtsstunde mit Gesangseinlage


Wolfram Weimer war in der Öffentlichen Sitzung des Ordens pour le mérite erwartungsgemäß abwesend. Er verpasste die zur Hälfte gesungene Dankesrede des neunundachtzigjährigen Jungmitglieds Wolf Biermann.

Biermann im Pour le mérite: Geschichtsstunde mit Gesangseinlage

Nicht alle Mitglieder des Ordens pour le mérite für Wissenschaften und Künste, die am 31. Mai zur Öffentlichen Sitzung im Konzerthaus am Gendarmenmarkt einzogen, hatten am Tag zuvor der Einladung zum traditionellen Abendessen des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien Folge geleistet. Wegen der Selbstherrlichkeit, mit der Wolfram Weimer an beliebten Buchhandlungen das Exempel einer um Recht und Resonanz unbekümmerten Verfassungsschutzpolitik statuiert hatte, sah er sich mit einer Politik des leeren Stuhls konfrontiert. Dem Vernehmen nach nutzte Ordenskanzler Hermann Parzinger am Samstag die Gelegenheit der Anwesenheit des in der Öffentlichen Sitzung am Sonntag dann erwartungsgemäß fehlenden Kulturstaatsministers, um in seiner Tischrede mit entschiedenen Strichen Grundlinien einer auf geistige Abwehr des wiedergekehrten Nationalismus ausgerichteten Kulturpolitik zu ziehen. Der Orden ist ein Beispiel für den Unterschied zwischen Verfassung und Verwaltung als eine Spielart des in Westeuropa entdeckten schönen Systems der Gewaltenteilung. Seine Angelegenheiten werden von Weimers Behörde verwaltet, aber verfasst ist er als freie Vereinigung von Gelehrten und Künstlern, die sich selbst ergänzt. Gestiftet wurde er 1842 vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV., als Pendant oder Friedensklasse eines von Friedrich II. bei seiner Thronbesteigung begründeten, bald nur noch an preußische Offiziere verliehenen Verdienstordens; der Bundespräsident nimmt nur noch eine Schirmherrschaft wahr, in der Nachfolge von Theodor Heuss. In jeder Öffentlichen Sitzung wird die Geschichte des von der amtlichen Kulturpolitik routiniert als Symbol besserer deutscher Traditionen in Anspruch genommenen Ordens knapp rekapituliert, damit deutlich wird, dass seine Fortexistenz nicht selbstverständlich ist. Albrecht Schönes präziser Abriss Im Programmheft fand das Festpublikum einen von Albrecht Schöne, dem im vergangenen Jahr mit fast einhundert Jahren verstorbenen Germanisten, aufgesetzten, naturgemäß prägnanten Abriss. Über das Ordenszeichen in Gestalt des von den achtfach wiederholten, vierfach gekrönten Initialen Friedrichs II. umschlossenen preußischen Adlers schrieb Schöne: „Im Jahr 1933 trugen es der Jude Albert Einstein, die als erste Frau gewählte Sozialistin Käthe Kollwitz und der jetzt einer ‚entarteten Kunst‘ beschuldigte Ernst Barlach.“ Die Wiederbegründung des Ordens erfolgte 1952 zwar auf Anregung von Heuss, aber nicht durch staatliche Ernennungen. „Ausländische, emigrierte oder vertriebene Künstler und Gelehrte haben ihn ohne Bedenken wieder entgegennehmen können.“ Mit Bedacht verwendete Schöne das Modalverb. Er sagt nicht, dass kein Vertriebener Bedenken hatte oder den Beitritt ablehnte. Heinrich Detering erwähnte im Nekrolog auf seinen Göttinger Lehrer und Vorgänger, dass Schöne 1982 als erster Deutscher zum Präsidenten des internationalen Germanistenverbands gewählt wurde. Unter den Toten des abgelaufenen Jahres waren zwei Fachkollegen Barlachs, Günther Uecker und Hubertus von Pilgrim. Horst Bredekamp und Hermann Parzinger stellten in ihren Nachrufen heraus, dass die beiden Angehörigen der Geburtsjahrgänge 1930 und 1931 in ihren entgegengesetzen Formsprachen Serien von Mahnmalen schufen und dabei ihre eigenen Kriegserfahrungen verarbeiteten. Jede Öffentliche Sitzung ist, weil sie aus einer Aneinanderreihung von Lebensläufen in Gestalt von Gedenk-, Lob- und Dankesreden besteht, eine Geschichtsstunde mit überraschenden Überlagerungen der Zeiten. Die Folgen des Jahres 1933 werden noch sehr lange fast zwanglos zur Sprache kommen, weil bei Forschern und Künstlern mit einer besonderen Verbindung zu Deutschland sachliche und lebensgeschichtliche Motive oft zusammentreffen. Ganz beiläufig, so berichtete Aleida Assmann in ihrer Vorstellung des Kunsthistorikers Georges Didi-Huberman, erfahren wir aus dessen bei Konstanz University Press erschienenem Buch „Borken“, dass 800 Menschen mit dem Nachnamen Huberman im Totenregister von Auschwitz-Birkenau verzeichnet sind. Dort ist auch Dagobert Biermann zu finden, der Vater von Wolf Biermann, was Karl Schlögel in seiner Begrüßung des mit 89 Jahren in den Orden aufgenommenen Liedermachers nicht unterschlug. Schlögels Leser kennen ihn als begnadeten Augenzeugen, und so konnte er von Biermanns Kölner Konzert am 13. November 1976 als einer von 8000 Zuschauern berichten. Von den circa 8001 Menschen an diesem Abend in der Kölner Sporthalle waren knapp fünfzig Jahre später im früheren Berliner Schauspielhaus mindestens drei anwesend, denn Barbara Klemm, Vizekanzlerin des Ordens von 2017 bis 2021, hat das Konzert für die F.A.Z. fotografiert. Schlögel nahm das von Bredekamp bei der Betrachtung von Ueckers Nägeln eingeführte christologische Motiv auf und beschrieb den Sänger, der aus der DDR nicht emigrieren wollte, als „Schmerzensmann“, dessen Erschöpfung am Ende des Konzerts ein „Augenblick totaler Freiheit“ gewesen sei: „Es war vollbracht.“ Die Kunstreligion behielt in dieser Sitzung nicht das letzte Wort, denn es folgte die Auferstehung. Biermann flog auf die Bühne, mit ausgebreiteten Armen, als einziger Ordensmann ohne Smokingjacke, im weißen Hemd, und suchte zunächst eine Ablage für seine Gitarre, um dann mit dem Ordenszeichen um den Hals nach langem Vorspiel seine kühn verkürzte Interpretation der Ordensgeschichte und schließlich sein Lied „Ermutigung“ vorzutragen. Das war ein neuer Augenblick totaler Freiheit, und die Geschichte schien wieder offen.