Der Blick beim Schreiben dieser Zeilen geht aus dem Gebäude dieser Zeitung auf die trostloseste Straße, die Frankfurt aufzuweisen hat. Gesäumt von austauschbaren Wohnriegeln mit gesichtslosen Fassaden aus Steintapeten, wird sie von manchem auch Stalinallee genannt. Wobei das der Prachtstraße in Berlin gegenüber ungerecht ist, weil diese einen unverwechselbaren Charakter besitzt. An was es der Europa-Allee vor allem mangelt, ist Kultur; die vielen herrlichen Frankfurter Museen sind weit weg. In Coronazeiten wurde vielfach bestritten, Kunst sei ein lebenswichtiges Grundnahrungsmittel. Was das komplette Fehlen von Bau- und anderer Kultur bewirkt, zeigt die Allee der Ödnis klar: Ihre Bewohner, darunter viele reiche Ukrainer und anglophone Brexitflüchtlinge aus aller Welt, beeilen sich, ihr tagsüber möglichst schnell zu entfliehen. Die unkultivierte Allee ist eine gebaute Wüste, eine Schlafstadt als Transitstrecke. Szenenwechsel, ohne auch nur die Kulissen austauschen zu müssen: In Berlins Mitte existiert entlang der Heidestraße das Entwicklungsgebiet der „EuropaCity“, die jener von Frankfurt aufs Haar gleicht, eben weil beide austauschbar sind. Hunderte von sündteuren Wohneinheiten stapeln sich hinter dem Hamburger Bahnhof, als hätte ein gelangweilter Entwicklerriese Klötzchen für Klötzchen aneinandergesetzt. Wie eine Ironie der Geschichte dieses durchaus nicht konturlosen Kontinents mutet an, dass die gesichtslosesten Wohnsilos auf ihm mit dem Namen „Euro“ etikettiert werden. Aber vielleicht war ja immer schon nur die Währung gemeint. Machen Museen in Berlins Mitte Werbung für eine Immobilienfirma? In dieser ehemaligen Grenzland-Brache liegen in einer Laufdistanz von zehn Minuten vier disparate Museen: Der Hamburger Bahnhof für zeitgenössische Kunst, das Futurium beim Bundeskanzleramt, das Medizinhistorische Museum der Charité und jenes für Naturkunde. Künftig wollen die vier ihren Standort gemeinsam als Museumsquartier nach Wiener Vorbild vermarkten und damit die öde Gegend, in der kaum einer wohnen möchte, zum lebenswerteren Stadtraum machen. In einer gemeinsamen Erklärung der Direktoren dieser „MuseumsMeileMitte“ (MMM) fallen dann auch verräterische Sätze wie der, in dem Quartier habe sich „nur punktuell städtisches Leben entwickeln können“, es wirke „stellenweise fragmentiert und wenig verbunden“. Es ist freilich nicht nur eine Initiative der Museen, sondern auch des Unternehmens CA Immo. Von den vier in der Pressemitteilung genannten markanten Firmengebäuden in der MMM gehören ihr drei: die Hochhäuser von KPMG, 50Hertz und das von Total, dazu viele der öden Wohnblocks hinter dem Hamburger Bahnhof. Nach der Prosa der Museumsleiter folgt eine des Geschäftsführers des Immobiliengroßverwalters, der sich über die „anbahnende Vernetzung von Unternehmen und Menschen vor Ort“ freut und betont, man sei sehr engagiert in „der nachhaltigen Gestaltung und Belebung des öffentlichen Raums rund um den Europaplatz“. Seltsam nur, dass CA Immo vor Jahren die beliebte Galerien-„Halle am Wasser“ abreißen ließ, gegenüber den Rieckhallen des Hamburger Bahnhofs gelegen, die ebenfalls quälend lange für weitere Wohnbauten zur Disposition standen. Analog zur Weisheit der Cree könnte man wohl sagen: Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss zubetoniert ist, werdet ihr merken, dass man ohne Museen und Kulturorte keinen neuen Stadtteil vermietet.
