FAZ 28.09.2026
06:00 Uhr

Beratung für Schulen: Wenn rechte Parolen im Klassenchat auftauchen


Hakenkreuz-Schmierereien, rechte Parolen und Gewalt: Vor allem Schulen brauchen in Hessen immer häufiger Hilfe gegen Rechtsextremismus und Rassismus. Dazu kommt: Die Fälle werden immer komplexer.

Beratung für Schulen: Wenn rechte Parolen im Klassenchat auftauchen

Der Beratungsbedarf wegen rechtsextremer und rassistischer Vorfälle in Hessen bleibt groß. Zwar registrierte das Beratungsnetzwerk Hessen im vergangenen Jahr mit 302 neuen Fällen einige weniger als im Vorjahr (322), doch seien die Fälle komplexer geworden, würden teils über Jahre weitergeführt und bänden mehr Ressourcen, sagte der Leiter des Demokratiezentrums Hessen, Reiner Becker, der Deutschen Presse-Agentur. Man müsse also von einer Stagnation auf hohem Niveau ausgehen. In den Daten des Jahresberichts 2025 zeigt sich das daran, dass 62 Beratungsfälle aus dem Vorjahr weitergeführt wurden. Die Mitarbeiter des Netzwerks werden anlassbezogen tätig. Sie werden etwa um Unterstützung gebeten, wenn sich Vereine zum Umgang mit diskriminierenden Äußerungen einzelner Mitglieder beraten lassen wollen, wenn Menschen in der Öffentlichkeit oder im privaten Umfeld rechtsextremistische oder rassistische Vorfälle erleben, wenn Eltern sich wegen der Social-Media-Aktivitäten des Kindes Sorgen machen oder Kommunalpolitiker oder Verwaltungsmitarbeitende Rat zu Vorfällen in Städten und Gemeinden benötigen. Besonders häufig werden sie von Schulen um Hilfe gebeten, wenn etwa Hakenkreuz-Schmierereien auftauchen, rechte Parolen in Klassenchats geteilt und auf dem Schulhof gerufen oder Schülerinnen und Schüler bedroht, antisemitisch oder rassistisch beschimpft und beleidigt werden. Auch Fälle von Gewalt kommen im schulischen Umfeld vor, wie Becker sagt. In der Regel sei schon einiges versucht worden, bevor sich Betroffene an das Beratungsnetzwerk wenden. „Da ruft nicht sofort jemand an.“ Auch mit Vorfällen im Zusammenhang mit Gedenkstättenfahrten werde das Beratungsnetzwerk immer wieder konfrontiert. Kinder tragen in die Schule, was sie erleben Den Nährboden dafür bilden aus Sicht des Politikwissenschaftlers neben der Polarisierung auch eine wachsende Fragmentierung und „Destruktivität“ in der Gesellschaft. „Das bricht sich runter ins Klassenzimmer“, sagte Becker. „Schulen sind keine Inseln.“ Was sich in der Gesellschaft verschiebe, mache nicht am Schultor halt. Mit insgesamt 20 Prozent der Beratungsfälle im vergangenen Jahr machten allgemeinbildende Schulen abermals das größte Einsatzfeld für die Berater aus, gefolgt vom sozialen Nahraum mit 19 Prozent sowie der kommunalen Politik und sozialen Einrichtungen mit jeweils acht Prozent. Die gesellschaftlichen Veränderungen hätten sich zuletzt auch bei den Ergebnissen der drei zurückliegenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gezeigt, sagt Becker. Er sieht die etablierten Parteien in einer existenziellen Krise. Sie hätten es schwer in einer Welt, in der „bestimmte Erfolgsmodelle, die Wohlstand ausgemacht haben, nicht mehr greifen. Stichwort Automobilindustrie, Stichwort Export“, sagte Becker, „all das ist in einem kurzen Zeitraum in Veränderung begriffen.“ Einfache Antworten darauf gebe es nicht, und zugleich wollten sich die Menschen mit ihren Sorgen ernst genommen und ernsthaft angesprochen fühlen. Lehrer schauen genauer hin Dass sich die Entwicklungen besonders in der Schule zeigen, liege auch an der wichtigen Rolle, die die Bildungseinrichtungen für die Sozialisation junger Menschen spielen. Während andere Akteure wie die Kirchen an Bedeutung verlören, blieben Schulen Dreh- und Angelpunkt im Leben von Kindern und Jugendlichen. „Da müssen sie gezwungenermaßen rein und raus, aber sie bringen auch ihre ganze Welt mit in die Schule. Das ist immer die Herausforderung für dieses System“, sagte Becker. Die zunehmende Komplexität der Beratungsfälle liege auch an den beteiligten Akteuren mit teils unterschiedlichen Perspektiven und Interessen. Das hessische Kultusministerium hatte für das vergangene Jahr 159 rechtsextreme, antisemitische und rassistische Vorfälle an Schulen registriert (Vorjahr: 151 Fälle). 92 davon wurden nach Angaben des Beratungsnetzwerks zur Anzeige gebracht. Der wiederholte Anstieg zeigt aus Beckers Sicht den großen Handlungsdruck, lasse sich aber auch anders lesen: Schulen schauten genauer hin. Lehrkräfte, Schulleitungen, Schulsozialarbeit und Eltern wollten Vorfälle nicht länger als bloße Provokation oder „Jugendsünde“ abtun, so der Politikwissenschaftler. „Sie suchen Unterstützung, weil sie Verantwortung übernehmen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von demokratischer Wachsamkeit.“ Bereits im April hatte auch Hessens Kultusminister Armin Schwarz (CDU) erklärt, auf Vorfälle an Schulen werde konsequent reagiert. „Wir müssen jeden Tag bedingungslos für unsere Werte und Demokratie eintreten.“ Das Ministerium verweist zudem auf zahlreiche Angebote der Werte- und Demokratiebildung für Schüler, um es nicht zu extremistischen Vorfällen kommen zu lassen. Dazu gehört etwa das Kooperationsprojekt „Netzwerk-Lotsen Antisemitismus-/ Extremismusprävention“ des Kultus- und des Innenministeriums, das Lehrkräfte, Schulleitungen und Schulsozialarbeiter im Bereich „Prävention Rechtsextremismus“ schult. Mit dem Programm „Rote Linie – Hilfen zum Ausstieg vor dem Einstieg“ soll zudem verhindert werden, dass Jugendliche mit zunächst diffuser rechter Orientierung die „rote Linie“ zum organisierten Rechtsextremismus überschreiten. Das geschieht in Form von Unterstützung der jungen Menschen selbst, aber auch durch Beratung von Eltern, Jugendhilfe-Mitarbeitern und anderen Fachkräften. Auch hier sei die Arbeit anspruchsvoller geworden, sagte Becker. Eindeutiger Trend zudem laut Jahresbericht: „Die Anfragen nehmen weiter zu – und die Jugendlichen werden immer jünger.“