FAZ 19.05.2026
17:36 Uhr

Bekanntes Nudelgericht: Wer hat Pad Thai erfunden?


Das traditionelle Nudelgericht findet sich hierzulande auf der Speisekarte von fast jedem Thai-Restaurant. Doch ohne die thailändische Politik wäre es möglicherweise nicht so berühmt geworden.

Bekanntes Nudelgericht: Wer hat Pad Thai erfunden?

Wer sich für das Restaurant „Thipsamai“ in Bangkok anstellt, muss viel Geduld mitbringen. Bis draußen zum Bordstein stehen Einheimische und Touristen vor der hölzernen Fassade Schlange, meist bevor das Lokal überhaupt öffnet, nicht selten länger als eine Stunde. Nach und nach bekommt jeder anstehende Gast ein Klemmbrett mit der Speisekarte darauf, dazu einen Stift. Die meisten setzen ihr Kreuzchen zügig und an ein und dieselbe Stelle: bei einer Portion Pad Thai und einem Glas frisch gepresstem Orangensaft. Pad Thai ist ein traditionelles Nudelgericht Thailands. Hauptzutat sind Reisbandnudeln, die vermutlich im 18. Jahrhundert durch chinesische Einwanderer ins Land gebracht wurden. Hinzu kommen klassischerweise verquirlte Eier, Fischsauce, Tamarindenpaste, zerhäckselte Knoblauchzehen, Chilipulver und Mungbohnensprossen. Je nach Rezept werden Meeresfrüchte, Tofu oder Fleisch hinzugegeben. Garniert wird mit zerstoßenen Erdnüssen, Frühlingszwiebeln und einem Spritzer Limettensaft. Angenehmes Gericht für den westlichen Gaumen Dass Pad Thai nicht ansatzweise scharf, leicht süßlich und dennoch herzhaft ist, macht es zu einem guten Einstiegsgericht für diejenigen, die sich langsam an die Geschmäcker der thailändischen Küche herantasten wollen. Auch hierzulande ist das für den westlichen Gaumen angenehme Gericht in Thai-Restaurants auf so gut wie jeder Speisekarte zu finden. Am Eingang des Lokals „Thipsamai“ schwingen Köche das Pad Thai in großen Woks in die Höhe, Pfannenwender klackern gegen die Innenwände der Töpfe. Eine Glaswand trennt die Männer in Schürzen und weißen Hauben von den Gästen. Flammen lodern bedrohlich auf, Seelenruhe hingegen in den Gesichtern an den gewölbten Pfannen. Verwendet werden Sen-Chan-Nudeln aus der Provinz Chanthaburi im Osten Thailands und ein Garnelenöl nach altem Familienrezept, das wie ein Schatz gehütet wird. Besonders am Pad Thai von „Thipsamai“ ist auch, dass die Nudeln im letzten Schritt in eine hauchdünne Hülle aus Ei gewickelt werden. Das Zusammenspiel zwischen Nudeln und gekühltem Orangensaft ist köstlich. Nicht selten nehmen Gäste eine weitere Flasche des Safts mit nach Hause. Das Restaurant, das inzwischen fünf über die Stadt verteilte Filialen hat, verkauft auch verschiedene Koch-Sets für zu Hause, Saucen und in Flaschen abgefülltes Garnelenöl, mit denen man sich Pad Thai selbst zubereiten kann. Vom Bootsverkauf an den Straßenstand Dass das Restaurant im historischen Bezirk Phra Nakhon schon lange kein Geheimtipp mehr ist, liegt neben dem unverwechselbaren Geschmack auch an den zahlreichen Erwähnungen in Reiseführern und Medienberichten. Angeblich ist „Thipsamai“ aber auch die Wiege des thailändischen Nationalgerichts, das in den Dreißigerjahren entstanden sein soll. Die Geschichte erzählt der Besitzer des „Thipsamai“, Sikarachat Baisamut, so: Schon als junge Frau verkaufte seine Mutter, Frau Samai, das Gericht von einem Boot aus. Als sie später heiratete und mit ihrem Mann nach Bangkok zog, verlagerte sie ihr Geschäft mit den Reisbandnudeln kurzerhand an einen Straßenstand. Nur ein kleiner Holzkohleofen und ein paar alte Tische reichten, um Frau Samai schon bald zu einem treuen Stamm an Kunden zu verhelfen. Bald wurde auch Plaek Phibunsongkhram auf Frau Samai aufmerksam. Nach der Siamesischen Revolution im Jahr 1932, durch die Thailand von einer absoluten in eine konstitutionelle Monarchie überging, war er vom Parlament zum Ministerpräsidenten gewählt worden. Seine Regierungszeit war von völkischem Nationalismus und Militarismus geprägt, das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutschland nahm er sich zum Vorbild. Während zahlreiche Nachbarstaaten Thailands zu Kolonien europäischer Kolonialstaaten wurden und auch Japan territoriale Expansion anstrebte, träumte Phibunsongkhram von einem „Großthailändischen Reich“. Politischer Appell, Nudeln zu essen Zu diesen Bestrebungen gehörte etwa die Erschaffung eines Nationalgerichts für das junge Thailand. Denn eine nationale Identität, so Phibunsongkhrams Überzeugung, würde zur langanhaltenden Unabhängigkeit des Landes beitragen. Aber der Aufstieg von Pad Thai hatte auch wirtschaftliche Gründe. So nahm sich die thailändische Regierung zum Ziel, den Reiskonsum im Land zu reduzieren, um die Getreidekörner stattdessen ins Ausland exportieren zu können. Das Gericht Pad Thai kam da gelegen, da für die Herstellung der Reisbandnudeln auch gebrochene Reiskörner verwendet werden konnten. „Wenn ihr Nudeln esst, können wir mehr Reis (für den Export) anbauen“, appellierte Phibunsongkhram an seine Landsleute. Ob „Thipsamai“ wirklich das Lokal war, dem in jener Zeit eine solch historische Rolle zukam, lässt sich nicht beweisen. Doch der Appell des Ministerpräsidenten, der damals auf Plakate und Flugzettel gedruckt wurde, ist heute auch im Restaurant zu sehen: hinter einer Vitrine, neben Familienfotos in Schwarzweiß und Sepia.