FAZ 11.05.2026
11:00 Uhr

Aufstieg Chinas: China lehrt uns Kapitalismus


Vor 25 Jahren begann der Aufstieg Chinas auf dem Weltmarkt. Der Westen kann von der Volksrepublik einiges lernen. Er zieht aber bisher die falschen Schlüsse.

Aufstieg Chinas: China lehrt uns Kapitalismus

Nicht nur die F.A.S. wird in diesem Jahr ein Vierteljahrhundert alt. Auch Chinas Eintritt in die Welthandelsorganisation jährt sich zum 25. Mal. Der Aufstieg Chinas, der sich danach beschleunigte, ist weltgeschichtlich die wichtigste Entwicklung unserer Zeit. Wenig macht das so deutlich wie der Besuch Donald Trumps, der Mitte Mai in Peking erwartet wird. Es ist nicht mehr klar, ob dann der Präsident der zweitmächtigsten Nation der Welt den der mächtigsten empfängt, oder umgekehrt. Die Verhandlungsposition von Xi Jinping wirkt viel solider als die von Trump. Bisher zieht der Westen aus Chinas Aufstieg die falschen Lehren. In Washington, Berlin und Brüssel meint man, die zentralstaatliche Industriepolitik der Fünfjahrespläne imitieren zu müssen. Man glaubt, dass man Macht in der Hauptstadt bündeln muss, um dem Pekinger Apparat begegnen zu können. Teile Washingtons vermitteln auch den Eindruck, sich den Autoritarismus zum Vorbild zu nehmen. Die Strategie des Westens wird nicht aufgehen Nichts davon wird funktionieren. Zumindest so lange, wie man nicht auch die Bedingungen für den Aufstieg jenseits von Peking analysiert und daraus Lehren zieht. So wie die USA mehr sind als Trumps Chaos, so ist auch China mehr als Xis Kontrollwahn. Die wichtigste Lehre, die Chinas Aufstieg bereithält, ist eine, die kaum jemand in Europa mit China verbindet: Wettbewerb wirkt. Das beginnt bei der Bildung. Ostasiatische Gesellschaften legen generell einen viel größeren Wert auf Bildung. Eltern investieren höhere Summen und muten ihrem Nachwuchs einen manchmal erbarmungslosen Wettbewerb zu. Das hat Schattenseiten und nicht wenige Kinder zerbrechen an dem Druck. Gleichzeitig ist es die Grundvoraussetzung dafür, dass Chinas Universitäten sich an die Spitze globaler Ranglisten gekämpft haben. In der Volksrepublik kommt ein besonders großer Fokus auf Naturwissenschaften, Technik, Ingenieurwesen und Mathematik dazu. In keinem anderen Land der Welt ist der Anteil der Promotionen in diesen Fächern so hoch wie in China, heißt es in einer Untersuchung der US-Regierung. Dazu kommt, dass viele Absolventen im Westen Chinesen sind. Will Europa industriell aufholen, geht das nicht, ohne den Bildungswettbewerb zu verschärfen und finanzielle Mittel von Sozial- und Geisteswissenschaften auf technische Felder umzulenken. Wettbewerb gibt es in China zuhauf Das Prinzip des Wettbewerbs bestimmt auch Chinas Industriepolitik. Die handelnden Akteure sind unternehmerisch orientierte Provinzpolitiker, die sich durch erfolgreiche Wirtschaftspolitik für höhere Weihen empfehlen wollen. Die Kommunistische Partei betreibt eine Art Personalabteilung, die diese Kader evaluiert. Industriepolitik aus Washington, Brüssel und Berlin, die Lokalpolitikern keine Anreize gibt, sich zu beteiligen, ist zum Scheitern verurteilt. In China führt die aktive lokale Industriepolitik zuverlässig zu Überkapazitäten. Zu viele Provinzpolitiker wollen lokale Champions formen, ob in der Automobilbranche, der Solarindustrie oder der Batterieproduktion. Dass Solarpaneele, Batterien und Elektroautos heute so günstig sind, ist der Intensität dieses innerchinesischen Wettbewerbs zu verdanken. Das Gleiche gilt für die Digitalbranche. Nach außen baute Peking Mauern. Westliche Plattformen, die sich der rigiden Zensur nicht unterwarfen, wurden ausgeschlossen. Nach innen aber gab es Wettbewerb. Dieser bildet die Grundlage für Chinas digitales Ökosystem und seine vielen KI-Unternehmen, die dem Silicon Valley Paroli bieten können. Die westliche Fehldiagnose des chinesischen Aufstiegs verschlimmert die Probleme des Westens. Eine Handelspolitik, die heimische Unternehmen nicht in einen harten Wettbewerb schickt, macht diese träge und überlässt den Chinesen den Weltmarkt. Das lässt sich nicht nur in der Autoindustrie längst beobachten. Die Politik schützt die Bevölkerung mit immer neuen Mitteln vor der Realität und macht es damit nur noch schlimmer. Anders ausgedrückt: Kapitalismus ist hart, aber er wirkt. Braucht Europa wirklich eine Kommunistische Partei, um das wieder zu verstehen?