Die Karrieren der Brüder Bürki liefen lange Zeit auf sehr unterschiedlichen Umlaufbahnen. Roman, der ältere, stand während insgesamt 210 Spielen zwischen den Pfosten der Bundesligatore, zuerst für den SC Freiburg, dann für Borussia Dortmund. Sein drei Jahre jüngerer Bruder Marco spielte derweil für den FC Thun, die meiste Zeit in der Challenge League, der zweithöchsten Schweizer Fußballliga. Während Roman Bürki also vor mehr als 80.000 Zuschauern im Dortmunder Westfalenstadion auflief, spielte Marco am selben Tag mit dem FC Thun in der Ostschweizer Provinz gegen den FC Wil. Die Zuschauerzahl: 810. Doch in dieser Saison hat sich das Bild gewandelt. Roman spielt inzwischen für St. Louis City in der nordamerikanischen Profiliga MLS, einer Liga also, die zwar nicht zwangsläufig das Altenteil des Profifußballs ist, aber bekanntlich schon ein beliebter Ort, um erfolgreiche Karrieren langsam austrudeln zu lassen. Und Marco hat gerade den Aufsteiger FC Thun als Kapitän zum Schweizer Fußballmeistertitel geführt. Als Aufsteiger. Und mit dem zweitniedrigsten Etat der Liga. „Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als mit diesem Verein einen Titel zu gewinnen“, sagt Marco Bürki im Interview mit dem Schweizer Fernsehen (SRF). „Was wir diese Saison gezeigt haben, war dominant.“ Seit dem achten Spieltag führte der FC Thun die Tabelle ununterbrochen an, zeitweise betrug der Vorsprung 16 Punkte. Drei Spieltage vor dem Ende ist ihnen der Titel nun nicht mehr zu nehmen. Ohne Muffensausen auf den letzten Metern – vier der letzten fünf Spiele hat der FC Thun verloren – hätte es sogar noch früher so weit sein können. Der Präsident des Klubs, Andres Gerber, wurde belächelt, als er zu Beginn der Saison das Ziel ausgab, die Saison unter den ersten Sechs zu beenden. Das ist in der Schweiz gleichbedeutend damit, um die europäischen Startplätze mitzumischen. In der kommenden Saison könnte der Klub nun sogar in der Champions League spielen. Drei Qualifikationsrunden gilt es zu überstehen. Sprungbrett für Urs Fischer Es ist das Los des FC Thun: Zeit seiner 128-jährigen Klubgeschichte wird der Verein aus dem 80.000-Einwohner-Städtchen am gleichnamigen See vom Rest der Fußballschweiz belächelt. Nur wenn es dem FC Thun gelegentlich gelang, sich in der oberen Tabellenhälfte zu platzieren, bewegte das die Beobachter in Zürich, Bern und Basel zu einem anerkennenden Nicken. Urs Fischer, später Erfolgstrainer beim 1. FC Union Berlin, inzwischen bei Mainz 05, führte den FC Thun etwa in der Saison 2014/15 auf Platz vier und in die Europa League. Seine Trainerkarriere nahm danach Fahrt auf. „Herzig“ heißt es vor allem im Schweizerdeutschen, wenn eine Sache als „niedlich“, aber letztlich „harmlos“ betrachtet wird. Und für „herzig“ hielten die Vertreter der großen Schweizer Fußballclubs, allen voran der FC Basel und die Young Boys Bern, den FC Thun viele Jahre. Auch darum sagt Andres Gerber nach dem gewonnenen Titel mit brüchiger Stimme und feuchten Augen in die Kameras des SRF: „Es fühlt sich an, als würde uns endlich Gerechtigkeit widerfahren.“ Die sind ja gar nicht mehr herzig! Denn: Der FC Thun dachte in der laufenden Spielzeit gar nicht daran, als herziger Verein aus einem herzigen Bergstädtchen herzigen Fußball zu spielen. Kein Team in der Liga praktizierte höheres Pressing, keines gewann mehr Zweikämpfe, keines beging mehr Fouls. Was den Trainer des FC Basel zu folgender Aussage veranlasste: „In den letzten drei Matches gegen Thun hatten wir jedes Mal ein großes Ungleichgewicht bei den Fouls gegen uns.“ Und zur Erkenntnis führte: Die spielen ja gar nicht mehr herzig, diese Thuner! Auf den Flügeln spielten Michael Heule (ein Tor/sechs Torvorlagen) und Fabio Fehr (zwei Tore/sieben Vorlagen) den gegnerischen Verteidigern regelmäßig Knoten in die Beine. Beide waren von ihren Ausbildungsvereinen FC St. Gallen und Grasshoppers Zürich für zu leicht befunden und in tiefere Ligen abgeschoben worden. Im zentralen Mittelfeld führte der aus Bern ausgeliehene Kastriot Imeri Regie (sechs Tore/sieben Vorlagen). Der Titel des FC Thun, so hoch er die Herzen aller Fußballromantiker schlagen lässt, zeugt allerdings auch davon, in welch desolatem Zustand sich der Schweizer Klubfußball zurzeit befindet. Zur Wahrheit gehört nämlich auch, dass die beiden jahrelangen Ligadominatoren eine bemerkenswert schwache Saison spielten. Der letztjährige Meister FC Basel wird die Saison nicht besser als auf dem vierten Rang beenden, die Berner Young Boys, die seit 2018 sechs nationale Titel gewannen, werden als Sechste zum ersten Mal seit 2013 das europäische Geschäft verpassen. Und das mit einem Kader, der gut und gerne dreimal so teuer ist wie der des FC Thun. Schatten auf dem Kunstrasen Klubpräsident Gerber interessiert das erwartungsgemäß wenig. Er ist in Thun längst eine lebende Legende. Der 53-Jährige erlebte mit dem Verein schon als Spieler Höhen und Tiefen. 2005 hatte sich der Klub völlig unerwartet als Meisterschaftszweiter für die Champions League qualifiziert. 2007 wurde er dann in einen pikanten Skandal verwickelt. Gleich zwölf Profis des FC Thun wurden damals verdächtigt, Sex mit einer Minderjährigen gehabt zu haben. Gerber gehörte nicht zu ihnen. Gegen neun Männer wurde Anklage erhoben, in vier Fällen kam es zu einer Verurteilung. Am Ende der Saison stieg der Klub ab. Gerber haben diese Erlebnisse geprägt. Genau wie die Berner Alpen tiefe Schatten über den Kunstrasen in der Thuner Stockhorn Arena werfen, kennt er die lichten und die dunklen Seiten seines FC Thun. Er weiß, dass die Sonne nicht immer scheinen wird. Noch während der Meisterparty richtete sich Gerber am Sonntag an die Fans und sagt: „Ich hoffe, ihr seid auch noch da, wenn es mal wieder nicht so gut läuft.“ Blumen im Bauch Dass solche Gedanken in Thun derzeit aber weit weg scheinen, hat auch mit Mauro Lustrinelli zu tun. Thuns Meistertrainer kann für sich in Anspruch nehmen, mit seinem schnörkellosen Fußball der Konkurrenz ein Schnippchen geschlagen zu haben. Auch Lustrinelli ist eine Vereinslegende. Seine Tore waren es, die den FC Thun 2005 in die Champions League brachten. Der Trainer aus der italienischen Schweiz lebt schon so lange in der Region, dass sein italienisch angehauchtes Hochdeutsch mit lauter Berner Oberländischen Dialektausdrücken gespickt ist. Er sagt „mir si gsi“ statt „wir sind gewesen“ und „mir hei“ statt „wir haben“. Und so sagte Lustrinelli nach der Meisterschaft: „Mir si guet gsi und mir hei eine Winnergruppe aufgebaut, ein echtes Team eben.“ Am Abend der Meisterfeierlichkeiten interviewt ein Reporter des Schweizer Fernsehens eine Gruppe Jugendlicher auf dem Thuner Rathausplatz. Sie alle stecken im rot-weißen Trikot des FC Thun. Wie sich dieser Meistertitel anfühle, will der Reporter von den jugendlichen Fans wissen. „Als würde eine Blume in mir aufgehen“, sagt einer. Das ist nun doch wieder eine sehr herzige Antwort.
