FAZ 12.05.2026
15:27 Uhr

Apokalyptische Denkfigur Katechon: Bleib, Trost der Welt, du stille Macht


Carl Schmitt behauptete, daran zu glauben, Peter Thiel hält Vorträge darüber. Dabei war es schon für antike Leser schwer zugänglich: Was bedeutet das Wort „katechon“ im zweiten Thessalonicherbrief?

Apokalyptische Denkfigur Katechon: Bleib, Trost der Welt, du stille Macht

In den vergangenen Monaten hat in Amerika im Umkreis Donald Trumps oder auch im Putin-Russland die apokalyptische Denkfigur des „Katechon“ zur Begründung und Legitimierung nationalistischer Politik verstärkt Konjunktur gemacht. Zuletzt bediente sich der aus Deutschland stammende amerikanische Tech-Unternehmer Peter Thiel, der zum Unterstützerkreis von Trump und J. D. Vance zählt, in vier Vorträgen im römischen Palazzo Taverna dieser Figur, um über den Weltuntergang und den zuvor auftretenden Antichristen zu spekulieren. Über die geheimnisvollen Vorträge, zu denen nur ein ausgewähltes Publikum Zugang hatte, ist kaum etwas zu erfahren. Wer die rätselhafte Figur des Katechon zu verstehen sucht, mag sich mehr denn je historisch-kritische Exegese wünschen, welche die neutestamentlichen Texte, um die es in diesem Fall geht, von dem ihnen aufgebürdeten Gewicht imperialer Inanspruch­nahme mit weltmachtpolitischen Interes­sen entlasten kann. Konkret steht die Interpretation eines Wortes zur Diskussion, das in einem Paulusbrief zweimal im Zusammenhang apokalyptischer Weltdeutung begegnet: Das/der katechon steht dort für eine Größe oder Gestalt, die den erwarteten endzeitlichen Verlauf der Herrschaft des „Bösen“ und seiner endlichen Vernichtung durch Christus retardierend aufhält. In der Rezeptionsgeschichte hat das/der katechon insbesondere dann breite Wirkung entfaltet, wenn ungewisse Zukunftsentwicklungen in Politik und Gesellschaft autoritative Deutungen von exekutiver Gewalt und Machtausübung befördert haben. Bezug auf ein Reich von dieser Welt Bereits in der altkirchlichen Auslegung – so etwa bei Hippolyt und Tertullian (um das Jahr 200) – begann man damit, die geheimnisvolle, schwer entschlüsselbare Größe des katechon geschichtstheologisch zu interpretieren und, den Machtkonstellationen der Zeit entsprechend, auf das römische Imperium zu beziehen. Der Jurist Carl Schmitt hat im zwanzigsten Jahrhundert an diesen Zweig der Rezeptionsgeschichte angeknüpft, als er den Katechon-Begriff auf einen Höhepunkt geschichtstheologischer Aneignung brachte: „Ich glaube an den Katechon“, so brachte Schmitt seine Faszination für den Begriff auf den Punkt. In Kapitel 2 des zweiten Thessalonicherbriefes (Vers 6 und 7) ist von einem katechon die Rede. Damit liegt ein Begriff vor, dessen grammatische Formen eine bis dahin im antiken Denken unbekannte Lexik generierten, auf die Schmitt und andere ihre Adaption des Begriffes stützten. Der im Namen des Paulus tätige, uns unbekannte Autor des Briefes an die Thessalonicher konstruiert katechon zunächst als ein Partizip im Neutrum, also als eine Art Sache: „das Aufhalten“. Der Verfasser behauptet, das katechon sei den Lesern jetzt qua religiöser Einsicht zumindest so weit bekannt, dass es zu seinem eigenen Zeitpunkt offenbart werde. Semantisch entsteht so das apokalyptische Gegensatzpaar von „verborgen und offenbar“. In der Sache bezeichnet das katechon ein aufhaltendes, noch verborgenes Machtprinzip, das den auf die Katastrophe der Endzeit hin zielenden Geschichtsverlauf verzögert. Im folgenden Satz wird der Begriff katechon erneut als Partizip aufgenommen: Hier bezeichnet er in personalisierter, maskuliner Form denjenigen, der das „Mysterium der Gesetzlosigkeit“ auf- oder zurückhält. Im Raum steht die Erwartung, dass auf die Jetztzeit eine Zeit des Abfalls von Gott (apostasia) folgen werde, in welcher der „Mensch der Gesetzlosigkeit, der Sohn des Verderbens“ auftreten, sich in den Tempel Gottes setzen und als Gott selbst ausgeben werde (so bereits Vers 3 bis 4). Der Antichrist begegnet hier nicht explizit Dieses apokalyptische Endzeitszenario, das die Vorstellung des Antichristen beschwört (ohne, dass diese Bezeichnung hier explizit begegnete), diente der innerchristlichen Ermahnung der Gemeinde. Im zweiten Thessalonicherbrief sollte sie an die einstige Verkündigung des Paulus vor Ort zurückerinnert werden. In seinem brieflichen Schreiben an die Thessalonicher hatte Paulus kurz nach seinem Besuch in Thessaloniki die baldige rettende Parusie (Wiederkunft) des Herrn für die nahe Zukunft in Aussicht gestellt. Doch die ließ weiterhin auf sich warten. Entgegen solcher enttäuschter Naherwartungen sei nunmehr – so meinte es der pseudepigraphe Verfasser des zweiten Briefes, der sich einige Jahrzehnte nach Paulus an die Thessalonicher wandte – festzuhalten, dass der „Tag des Herrn“ noch nicht da war. Anderslautende, fälschliche Annahmen ließen sich, so betonte er, weder auf pneumatische Einsicht noch auf ein autoritatives Wort oder einen apostolischen Brief stützen (Vers 2). Stattdessen gab der Verfasser des zweiten Briefes mit dem katechon und der retardierenden Rollenzuweisung in einem endzeitlichen Fahrplan seinen Lesern Denkfiguren an die Hand, mit Hilfe derer sie ihre bislang unerfüllte endzeitliche Heilserwartung, die Paulus in ihnen geweckt hatte, nunmehr im dualistischen Schema von „gut und böse“ aushalten sollten. Wofür aber steht das/der katechon? In der gegenwärtigen exegetischen Forschung werden philologische, religionsgeschichtliche und rezeptionsgeschichtliche Aspekte bei der Suche nach einer sprachlich wie inhaltlich sachgemäßen Begriffsbestimmung bedacht. Bei allen Herleitungsversuchen – imperiale Deutung, Angelologie, Mysterienkulte oder zuletzt auch theozentrische Eschatologie – bleibt der Eindruck zurück, dass die Wendung in ihrem brieflichen Kontext einen für die apokalyptische Schreibtradition eher typischen Insiderdiskurs bedient, der in großen Teilen kaum zu dechiffrieren ist. Die Erwartung einer Endzeit, die von Bedrängnissen und Katastrophen gezeichnet war und die nur einem kleinen Kreis Eingeweihter offenbar ist und offenbar gemacht werden konnte, gehört zeitgeschichtlich in jene Epochen, in denen Aufstände gegen die jeweiligen nichtjüdischen Machthaber in Palästina blutig niedergeschlagen wurden und der Jerusalemer Tempel geschändet, entweiht und letztlich zerstört worden war. Die nachaugusteische zweite Hälfte des ersten Jahrhunderts ließ damit Erfahrungen der Makkabäeraufstände unter seleukidischer Fremdherrschaft um die Mitte des zweiten Jahrhunderts vor Christus wiederkehren, die ein apokalyptisches Denken im antiken Judentum und im entstehenden Christentum befördert hatten. Doch auch Traumaanalysen stoßen an die Grenzen des Textverstehens – das gilt nicht nur für die besagten Verse im zweiten Thessalonicherbrief, sondern auch für die Johannesapokalypse oder zeitlich benachbarte jüdische Apokalypsen. Ob etwa die teils martialischen Sprachbilder des Sehers Johannes schlichtweg auf dem literarischen Reißbrett eines Schriftstellers unter Verwendung eines traditional geprägten Motivinventars entstanden oder tatsächlich mit bitteren, konkreten Leidenserfahrungen von einzelnen (oder Gruppen) unterlegt waren, lässt sich schwer sagen. Kleingruppenliteratur als Gegenentwurf zur Geschichtsschreibung Deutlich scheint neben dem Anspruch auf religiöses Insiderwissen, das behauptete Einsichten in die transzendente Welt Gottes einschloss, der Drang nach Trost und wenigstens einer mittels wirkmächtiger Bilder erzwungenen machtvollen Ordnung einer als ungeordnet erscheinenden Gegenwart. Dass diese und ähnliche Texte auf uns gekommen sind – in Teilen sogar kanonisiert wurden wie eben der zweite Thessalonicherbrief und die Offenbarung des Johannes – liegt vor allem in ihrem (pseudo-)prophetischen oder (pseud-)apostolischen Autoritätsanspruch begründet. Dass apokalyptische Texte indes eher am Rande – oder außerhalb – der Bibliothek biblischer Schrift ihren Platz fanden, spiegelt wiederum ihre schwere Zugänglichkeit schon für antike Leser, vielleicht auch ihre Funktion als Kleingruppenliteratur. Geschichtsschreibende Textformen, wie Lukas sie mit seinem Doppelwerk von Evangelium und Apostelgeschichte schuf, bildeten geradezu den literarischen Gegenentwurf, der auf breites Verstehen setzte. Das/der katechon und seine Wortbedeutung werden in mehrfacher Hinsicht im Dunkeln bleiben. Es/er gehört zu einer tendenziell dualistischen Weltdeutung, die Teil der (antiken) apokalyptischen Literatur ist, welche im Laufe der Jahrhunderte und bis heute „ihre“ je eigenen Lesezirkel gefunden hat. Mit Figuren wie dem katechon ging womöglich eher Kritik an den politischen Herrschern der Zeit als Hoffnung auf ihr ordnungsstiftendes Handeln einher. Ist das Thiel oder Dugin bewusst? Oder sind die Vertreter der gegenwärtig in Amerika wie in Russland zu beobachtenden Aneignungen des katechon ihrerseits (gebrochene) Spiegelbilder für das intellektuelle Milieu ihrer antik-christlichen Pendants? Darin, dass die exegetische Arbeit am Text nicht eindeutige Interpretationen dieser Denkfigur zutage fördert, sondern sich höchstens dekonstruktiv und rekonstruktiv, stets nur annäherungsweise zum antiken Textdokument zurückarbeitet, liegt die wissenschaftliche Stärke der historischen Kritik seit ihren Anfängen im achtzehnten Jahrhundert. Die entmythologisierende Arbeit an antiken Weltbildern, wie sie die historische Kritik in langen Prozessen des Nachdenkens ermöglicht hat, könnte zu der heilsamen Einsicht führen, dass sich mit apokalyptischem Denken heute besser keine Wissenschaft mehr machen und schon gar nicht Politik begründen lässt. Eve-Marie Becker ist Professorin für Neues Testament an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster.