In meinem Garten steht ein Quittenbaum. Wer ihn gepflanzt hat, weiß ich nicht. Am besten weghauen das Ding, riet mir der Vorbesitzer, die kann man eh nicht essen. Ich stand im hüfthohen Gras, umgeben von Gottesanbeterinnen, und blickte ihn ratlos an. Jahrelang hatte dieser Mann das Grundstück verwahrlosen lassen, sodass sich genügend Anlass bot, seinen Hinweisen und Pflegetipps zu misstrauen („ich würde hier einmal komplett mit der Motorsense durch, wenn Sie mich fragen“), aber was wusste ich schon? Zumindest von Quitten hatte ich keine Ahnung. Auch ich fand die Früchte erst mal seltsam. Wie sie da hingen – gelbpelzig und verknotet sahen sie aus. Mein Nachbar von gegenüber jedoch erzählte mir eines Nachmittags, während er ausgiebig und knochenhart über den Vorbesitzer meines Gartens lästerte, dass sich früher manchmal Unbekannte auf das verlassene Grundstück geschlichen hatten, um die begehrten Früchte zu stehlen. Beide Geschichten verunsicherten mich, also hielt ich erst mal weiter Abstand. Genau wie jetzt war es damals Herbst, und ich weiß noch, wie ich den Baum immer wieder argwöhnisch aus gebührender Entfernung betrachtete, während ich Heckenschnitt in die Hochbeete wuchtete. Ich fürchtete mich regelrecht vor den riesigen Früchten. Manchmal plumpsten einzelne dieser goldgelben Dinger unerwartet ins Gras, einige sicher ein Pfund schwer, und ich hatte nun wirklich keine Lust, so ein Teil auf den Kopf zu bekommen. Die Quitte tat mir leid Mein Freund, der Dichter Jan Wagner, meinte, mir könne gar nichts Besseres passieren als eine Quitte im Garten. Er schwärmte von eingelegten Quitten, von Quittengelee und im Ofen gebackener Quitte mit Mascarpone – all das mache er aus Quitten, natürlich auch Gedichte, und ich schlug in einem seiner Gedichtbände nach und hoffte mich den Früchten über schöne Worte nähern zu können („apfel und birne reiften ihrem namen zu, einer schlichten süße – anders als die quitte an ihrem baum im hintersten winkel des alphabets, im latein des gartens“). Irgendwie tat mir die Quitte aus der Ferne betrachtet auch ein bisschen leid. Sie besaß keinen richtigen Stamm, sondern sah eher aus wie ein großer Busch und schien mir viel zu schlank und schmächtig für ihre großen Früchte. Ich musste an die Tochter einer Freundin denken, die mir vor Kurzem erzählte, wie sehr sie unter ihrem großen Busen litt, der ihr Rückenschmerzen bereitete, doch dass die Krankenkasse sich weigerte, die Kosten für die Verkleinerung zu übernehmen, und sie nun jeden Cent darauf sparte, obwohl sie noch studierte und kaum etwas zurücklegen konnte. Die Wohnung sah aus wie ein barockes Stillleben Ich fasste mir ein Herz, holte die Leiter und pflückte die goldgelben Früchte ab. In einer Ikeatasche schleppte ich sie nach Hause. Kurz darauf sah meine Wohnung aus wie ein barockes Stillleben. Arrangiert auf Fensterbank und Küchentisch erkannte ich die Früchte von zahlreichen Bildern wieder: Cézanne, van Gogh, der spanische Maler Sánchez Cotán – sie alle hatten Quitten gemalt. Es roch auch plötzlich anders in meiner Küche, die Früchte schienen einen eigentümlichen Duft zu verströmen, nach frisch gewaschener Wäsche und herber Süße, und an irgendwas erinnerte mich dieser Geruch. Membrillo, murmelte ich, so heißt Quitte auf Spanisch. Jahrelang hatte ich das Wort nicht mehr gehört, es klang nach Sommerferien 1988 im iberischen Hochland, nach meiner Großmutter, und es schmeckte nach der Merienda, einer Zwischenmahlzeit, die in Spanien nach der Siesta vor allem Kindern gereicht wird, um die Zeit bis zum traditionell späten Abendessen zu überbrücken. Dazu bereitete meine Abuela Weißbrotscheiben mit einer Art Quittenpastete vor, die schlicht Membrillo hieß, und wir aßen diese Pastete zusammen mit Queso de Burgos, einem festen Frischkäse aus der Region. Membrillo. Ich fand es unglaublich: Die mir vermeintlich unbekannte Quitte verwandelte sich vor meinen Augen in die Seelenfrucht meiner Kindheit. Ich suchte sogleich ein Rezept für Quittenpastete heraus, viertelte und kochte die Früchte und das Kerngehäuse separat in einem Baumwollsäckchen. Ich tat Zucker hinzu, als die Quitten gar waren und pürierte alles gut durch. Anschließend füllte ich die kochend heiße Masse in zwei Keramikbutterdosen und ließ sie abkühlen, bevor ich die fertige Pastete auf ein Brettchen stürzte. Dieser erste Löffel selbst gemachte Quittenpastete, dazu frisches Weißbrot mit einem Klecks Frischkäse? Für mich war dieser Moment ein echtes Ereignis. Als ich einige Tage später wieder in den Garten fuhr, hätte ich meiner Quitte am liebsten schon von Weitem zugewunken und ihr erzählt, was in meiner Küche passiert war – mit ihren Früchten und mit mir. Ich hatte das Bedürfnis, mich bei ihr zu entschuldigen, wie bei einer alten Freundin aus dem Kindergarten. Ich habe dich nicht gleich wiedererkannt, wollte ich sagen, es ist so viel Zeit vergangen, sorry! Jedes Jahr im Herbst koche ich nun spanische Quittenpastete. Über Kleinanzeigen habe ich mir außerdem einen alten Dampfentsafter besorgt und mache Quittengelee. Ich koche die Früchte auch geviertelt ein – klassisch mit viel Zucker, um sie anschließend in Weckgläser zu füllen, wo sie sich theoretisch bis zur nächsten Quittensaison halten würden, doch meist sind die Gläser nach Weihnachten aufgebraucht. Zu lecker! Ich backe Strudel daraus oder löffle sie einfach nur andächtig zu Eis und Quark. Den Sirup der eingemachten Quitten mische ich mit Crémant oder Prosecco, eine Art Quitte Spritz für die Weihnachtsfeiertage. Das Rezept dafür stammt ebenfalls von Jan Wagner. Wer konnte, wollte quitten begreifen, so lautet eine weitere Zeile aus seinem Gedicht Quittenpastete, und ja, zum Glück begreife ich die Quitte inzwischen. Wir sind richtig dicke, die Quitte und ich – Busenfreundinnen eben.
