FAZ 21.09.2026
10:26 Uhr

Albanischer Unternehmer: Wie wird man Milliardär im Armenhaus Europas, Herr Mane?


Vom Mexikoplatz in Wien zur Green Coast an der albanischen Riviera: Wie der Albaner Samir Mane von einem Flüchtling zu einem der erfolgreichsten Unternehmer des Balkans wurde.

Albanischer Unternehmer: Wie wird man Milliardär im Armenhaus Europas, Herr Mane?

Samir Mane hat Süßgebäck mitgebracht. Aus Frankreich. Da war er gerade auf Geschäftsreise. Mit dem französischen Kuchen und einem italienischen Espresso empfängt der albanische Unternehmer in seiner Villa im Südosten Tiranas. Das Gespräch führt Mane in fließendem Deutsch. Hin und wieder greift er aufs Englische zurück, die Sprache der globalisierten Wirtschaft. Denn dort ist Mane inzwischen weit oben angekommen. Seine Geschichte ist die eines traumhaften Aufstiegs – vom Flüchtling zum Milliardär. Das spiegelt sich inzwischen sogar in der bekannten Milliardärsliste des amerikanischen Magazins „Forbes“ wider. Im vergangenen Jahr hat ihn die Publikation in ihren elitären Zirkel aufgenommen, als ersten und bislang einzigen Albaner. Im aktuellen Ranking schätzt das Wirtschaftsmagazin Manes Vermögen auf 1,9 Milliarden Dollar. Er liegt derzeit auf Rang 2254 der reichsten Menschen der Welt. Manes Wirtschaftsimperium sieht so aus: Die Unternehmen seiner Balfin-Gruppe sind mit gut 5000 Mitarbeitern in 13 Ländern Europas und Nordamerikas tätig. Der Gewinn (konsolidiertes Ebitda) des Konzerns erreichte 2025 ein Volumen von 163 Millionen Euro. Manes neoklassizistische Villa liegt inmitten eines parkartigen Grundstücks, standesgemäß mit Tennisplatz und Swimmingpool. In der Garage finden drei Mercedes-Limousinen (S-Klasse) und ein Bentley (Cabrio) Platz. Der Mercedes-Maybach-SUV, mit dem sich Mane bevorzugt in Tirana und auf Überlandfahrten in Albanien bewegt, steht in der Auffahrt unter freiem Himmel. Vom Eingangsportal der Villa öffnet sich der Blick nach Nordosten, auf das Skanderbeggebirge in der Ferne. Davor erstreckt sich eine sanfte Hügellandschaft. Das Erfolgsrezept eines angehenden Milliardärs Rolling Hills, sanfte Hügel, so heißt auch das Villenviertel, dessen Prunkstück Manes eigene Residenz ist. Der Unternehmer hat das Bauland für das Luxus-Kondominium, verkehrsgünstig an der Autobahn von Tirana nach Elbasan gelegen, 2008 erworben und in den folgenden Jahren entwickelt. Heute stehen in der bewachten Wohnanlage 153 Villen an penibel gepflegten Straßen, errichtet in allerlei Spielarten neoklassizistischer Wohnarchitektur. In den Villen leben wohlhabende Einheimische, heimgekehrte albanische Emigranten, Entsandte ausländischer Unternehmen, Diplomaten. In gut eineinhalb Jahrzehnten haben sich die Grundstückspreise in dem einst ländlichen Gebiet vor den Toren Tiranas mehr als verzehnfacht. Von der Einfahrt zum Kondominium Rolling Hills sind es kaum zwei Kilometer zur Shoppingmall Tirana East Gate (TEG). Mit rund 100.000 Quadratmetern Verkaufsfläche ist es das größte Einkaufs- und Unterhaltungszentrum Albaniens. Auch die TEG-Mall, 2011 eröffnet, wurde von Balfin geplant und gebaut, für gut 100 Millionen Euro. Sie umfasst 180 Geschäfte internationaler Mode- und Sport-, Schuh-, Schmuck- und Drogerieketten, dazu Restaurants und Cafés, ein Cineplexkino sowie eine Bowling- und eine Eislaufbahn. Eine solche Immobilie könnte in jeder westlichen Metropole stehen. Und genau das ist das Erfolgsrezept des Unternehmers Samir Mane. 36 Stunden im Bus nach Wien Mane wurde am 24. Dezember 1967 in Korçë geboren, wo er in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs und die Schule bis zum Abitur absolvierte. Albanien, das Armenhaus Europas, war damals noch fest im Griff des paranoiden Diktators Enver Hoxha, der den Balkanstaat vollständig von der Außenwelt abschottete und die seinerzeit rund zwei Millionen Einwohner in einem System des Steinzeitkommunismus unterjochte. Zum Studium durfte Mane an die Universität Tirana. „Das Fach Geologie habe ich mir nicht selbst ausgesucht, das wurde einem damals von den Parteifunktionären zugeteilt.“ Eine erste unternehmerische Initiative an der Uni wurde erstickt: Der junge Student wollte mit dem Verkauf von selbst zubereiteten Hackfleischbällchen an Kommilitonen ein wenig Geld verdienen. Das war selbstverständlich verboten. Als schließlich auch in Albanien das kommunistische Regime ins Wanken geriet, entschloss sich Mane zur Emigration nach Österreich. Nach 36 Stunden Busfahrt kam er 1991 in Wien an. In Österreich ließ sich Mane als Flüchtling registrieren, verbrachte sechs Monate in einem Auffanglager, wo er autodidaktisch Deutsch lernte und sich schließlich an der Technischen Universität Wien zur Fortsetzung seines Geologiestudiums einschreiben konnte. Nebenher arbeitete er als Dolmetscher. „In wenigen Stunden war alles verkauft“ Doch nicht im Hörsaal, sondern am Mexikoplatz in der Leopoldstadt sollte sich Samir Manes Weg in die berufliche Zukunft öffnen. In den Geschäften dort pflegten Albaner, die nach der Öffnung des Landes zum ersten Mal reisen konnten, für zu Hause Unterhaltungselektronik zu kaufen. 1993 brach Mane sein Studium ab und gründete in Wien das Handelsunternehmen Alba-Trade sowie die bis heute bestehende Holding Balkan Finance Investment Group, kurz Balfin. Am Mexikoplatz kaufte er von erspartem und geliehenem Geld Radio- und Fernsehgeräte, Videokameras und VHS-Rekorder, Kühlschränke und Waschmaschinen, lud die Ware in einen Lastwagen und fuhr damit nach Tirana. „In wenigen Stunden war alles verkauft, direkt von der Ladefläche herunter“, erinnert er sich. Aus den improvisierten Direktexporten nach Albanien entwickelte sich mit der Elektrohandelskette Neptun jener Geschäftszweig, der die Basis legte für die inzwischen hoch diversifizierten Geschäfte der Balfin-Gruppe. Und der bis heute einen bedeutenden Anteil zum Cashflow der Holding beiträgt. Das erste kleine Neptun-Geschäft öffnete 1993 in Tirana seine Türen. Heute sind es mehr als 100 Filialen mit Standorten von Albanien und Nordmazedonien über Serbien und Montenegro bis zum Kosovo und nach Bosnien-Hercegovina. Sogar sein Vater glaubte nicht an das Projekt Das Jahr 2005 markierte einen Einschnitt in der Entwicklung der Balfin-Gruppe, auch im Leben von Samir Mane selbst. Aus seiner Wahlheimat Österreich, wo seine vier Kinder – eine Tochter und drei Söhne – geboren wurden, kehrte er in sein Heimatland zurück, um dort das erste Einkaufszentrum zu errichten. Mit dem Riesenprojekt werde er scheitern, warnten Freunde und sogar sein Vater. Doch die Eröffnung des Qendra Tregtare Univers (QTU) im Westen Tiranas wurde zum großen Gesellschaftsereignis im Land: „Am ersten Tag sind 150.000 Leute gekommen. Alle Zufahrtsstraßen waren verstopft.“ Der Erfolg seiner Einkaufs- und Freizeitzentren haben Mane in der Überzeugung bestätigt, dass man als Unternehmer das Rad nicht immer neu erfinden muss. Er nutzte seine Erfahrungen als Unternehmer in Österreich und holte erfahrene Manager aus anderen EU-Staaten in die Führung. Das Ziel: in Albanien und auf dem Westbalkan ein Angebot für eine Nachfrage vorzuhalten, die sich dort gerade erst entwickelt hatte. Denn: „Die Gewohnheiten von Konsumenten sind überall im Wesentlichen die gleichen.“ Profitieren von Plänen der Familie Trump? Heute ist die Balfin-Gruppe mit 40 eigenen Unternehmen und Tochtergesellschaften internationaler Konzerne in neun Kernsektoren tätig. Einzelhandel und Immobilien bilden mit rund 60 und 20 Prozent die Basis. Hinzu kommen Fremdenverkehr, Vermögensverwaltung und Bankgeschäfte, Logistik, Energie und Bergbau, Bildung und Unterhaltung. Besonders am Herzen liegt Mane das Megaprojekt Green Coast an der albanischen Riviera südlich von Vlora. Dort ist das erste Luxusresort Albaniens entstanden – mit Villen, Apartments und Fünf-Sterne-Hotels, Einkaufszentren, Ladenzeilen und Gourmetrestaurants. Die Gesamtinvestitionen auf dem rund 200 Hektar großen Areal mit einer eineinhalb Kilometer langen Küstenlinie werden sich auf mehr als eine Milliarde Euro belaufen. Mane sieht großes Potential für die Entwicklung des Luxussektors im Fremdenverkehr in Südalbanien. Von geplanten Milliardeninvestitionen, etwa dem umstrittenen Plan von Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und dessen arabischen Partnern zum Bau eines albanischen Megaresorts würden alle profitieren, glaubt Mane. Es lief nicht immer nur glatt für den Aufsteiger. Im Rahmen der Anklage der Antikorruptionsbehörde SPAK gegen den früheren Präsidenten Ilir Meta sowie bei Ermittlungen wegen des Verdachts der Geldwäsche im Zusammenhang mit Immobiliengeschäften an der Green Coast geriet auch er ins Visier der Strafverfolger. Aber eine Anklage wurde weder im einen noch im anderen Fall gegen ihn erhoben. Längst haben Mane und Balfin die Phase der „Rückkehr“ nach Albanien hinter sich gelassen, sie treiben die Expansion über den Westbalkan hinaus voran, entwickeln in den USA und Kanada Bauprojekte für bezahlbares Wohnen. Auch ein Einstieg in Deutschland steht an. Ihn plant die Balfin-Gruppe mit dem Erwerb des denkmalgeschützten Tietz-Hauses am Münchener Bahnhofsplatz, jahrzehntelang Heimat von Filialen von Karstadt und Galeria Kaufhof, ehe es 2023 in der Insolvenzmasse des bankrotten Signa-Konzerns von René Benko landete. Mane hat noch andere Kaufinteressen in Deutschland, die er aber nicht an die große Glocke hängen will. „Wir Albaner haben in der deutschen Öffentlichkeit keinen so guten Ruf“, sagt er, lacht und räumt ein, dass manche Albaner daran nicht ganz unschuldig seien. Sich selbst dürfte er damit am allerwenigsten meinen.