FAZ 06.10.2026
10:54 Uhr

Air Asia: Wie sich Asiens Billigflieger gegen die Staatsrettung stemmt


Deutsche Urlauber kennen Air Asia von ihren 20-Euro-Flügen von Insel zu Insel. Nun treibt der hohe Ölpreis den Billigflieger in die Krise. Doch der hat einen schlauen Chef.

Air Asia: Wie sich Asiens Billigflieger gegen die Staatsrettung stemmt

Ende vergangener Woche stellte Tony Fernandes wieder einmal seine Schlitzohrigkeit unter Beweis. Der Gründer der malaysischen Billigairline Air Asia teilte mit seinen 450.000 Followern auf Instagram ein Selfie aus der Economy-Class eines Singapore-Airline-Flugs. Die noble Fluggesellschaft aus dem Nachbarstaat habe ja zugegebenermaßen „großartigen Service und phantastisches Internet“, schrieb Fernandes. Doch das Essen bei Air Asia sei „weitaus besser“, was auch die Besatzung des Konkurrenten zugegeben habe. „Toller Flug, aber wir sind nicht weit weg.“ Die Aussage mag deutsche Asienurlauber, die Air Asias rote Maschinen mit dem weißen Schriftzug von ihren 20-Euro-Flügen zwischen den Inseln Indonesiens, Thailand und den Philippinen kennen, nicht schockieren. Doch für Asiaten ist die Qualität ihres Essens Teil der nationalen Identität. Besonders in Singapur ist das Speisen eine Obsession. Der Stadtstaat zählt 42 Sterne-Restaurants; seine Hawker-Center, in denen Hunderte kleine Imbissstände unter einem Dach versammelt sind, sind Teil des UNESCO-Welterbes. Die Debatte ums Bordessen soll vom eigentlichen Problem ablenken Kein Wunder also, dass die Attacke aus dem Nachbarland eine Welle der Empörung in den sozialen Medien auslöste. Dabei hatte Fernandes nur das vollzogen, was in der früheren britischen Kolonie Malaysia als „Red Herring“ in Politik und Wirtschaft bestens bekannt ist: ein Ablenkungsmanöver, das von dem eigentlichen Problem ablenken soll. In diesem Fall, dass Air Asia möglicherweise bald pleite ist. Seit Wochen muss sich Fernandes, der als Vorstandsvorsitzender der Dachgesellschaft der Airline vorsteht, gegen das Gerücht verteidigen, sein Konzern müsse vom malaysischen Staat gerettet werden. Mitte September hatte die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass die Regierung in Kuala Lumpur die Konkurrenten Malaysia Airlines und Batik Air gefragt habe, ob sie die Inlandsflüge von Air Asia übernehmen könnten, wenn die größte Billigairline Südostasiens unter dem finanziellen Druck zusammenbrechen würde. Seit dem Irankrieg fressen die hohen Treibstoffkosten den Umsatz auf Denn der ist gewaltig. Nach Ausbruch des Irankriegs sind die Treibstoffkosten gegenüber dem Vorquartal um zwei Drittel gestiegen, sie verschlingen die Hälfte des Umsatzes. Während sich etwa Singapore Airlines gegen einen Anstieg der Preise für Flugbenzin und auch für Rohöl abgesichert hat, hat der risikofreudige Air-Asia-Patriarch Fernandes seine Hedgingstrategie nach der Pandemie gestoppt, in der man das abgesicherte Kerosin gar nicht nutzen konnte und dadurch hohe Verluste erlitten hatte. Als dann vor der Straße von Hormus die Tanker feststeckten und der Kerosinpreis auf 183 Dollar je Fass stieg, machte Air Asia im zweiten Quartal mehr als 200 Millionen Dollar Verlust. Kurzfristig muss das Unternehmen erhebliche Verbindlichkeiten zurückzahlen. Also will Fernandes auf dem internationalen Kapitalmarkt nun eine Milliarde Dollar auftreiben. Es gibt auch Stimmen, die sagen, Air Asia bräuchte ein Dreifaches der Summe. Air Asia machte Fliegen vom Luxusgut zum Massenverkehrsmittel Es ist nicht die erste Krise, die die Airline überstehen muss. Krise ist praktisch ihr Gründungsmythos. Fernandes wurde 1964 in Kuala Lumpur geboren und hat an der London School of Economics studiert. Zurück in der Heimat, wurde er mit 27 Jahren Geschäftsführer von Warner Music, hatte Abendessen mit Madonna und Jamsessions mit Prince. Zum auf den ersten Blick schlechtesten Zeitpunkt, nämlich kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, als kaum jemand noch fliegen wollte, übernahm er für einen Ringgit mit Partnern die hoch verschuldete Air Asia, deren Flotte zu jenem Zeitpunkt aus zwei Boeing 737 bestand und von Fachleuten als unrettbar abgeschrieben worden war. Doch neue Flugzeuge waren wegen der Krise günstiger zu leasen als zuvor, und Fernandes kopierte das Billigflugmodell von Ryanair und Southwest Airlines und wandelte unter dem Werbeslogan „Now Everyone Can Fly“ (Nun kann jeder fliegen) in den Schwellenländern Asiens das Flugzeug vom Luxusgut zum Massenverkehrsmittel. Air Asias Börsengang 2004 in Kuala Lumpur war um ein Vielfaches überzeichnet. Air Asias Börsengang war ein Erfolg – nun ist die Aktie ein Pennystock Mittlerweile ist die Aktie ein Pennystock. Seit Jahresbeginn ist der Kurs um mehr als 70 Prozent gesunken. Am Ende des ersten Halbjahres hatte Air Asia rund 18,4 Milliarden Ringgit (vier Milliarden Euro) kurzfristig zurückzahlbare Schulden in den Büchern, denen nur 954 Millionen Ringgit (207 Millionen Euro) an Cash- und Bankguthaben gegenüberstanden. Dass Fernandes im Mai in die Airbus-Fabrik im kanadischen Mirabel bei Montreal flog, um eine Riesenbestellung von 150 A220 aufzugeben, die auf die doppelte Menge ausgeweitet werden kann, passt da nicht ins Bild, auch wenn der Konzern den Kaufpreis von 19 Milliarden Dollar nicht sofort zahlen muss. Doch bereits zu diesem Zeitpunkt wurde eine Staatsrettung für Air Asia diskutiert. Im Sommer hat die Airline ein Viertel ihrer Flüge gestrichen. Die Finanzierung der Hälfte der neuen A220, die mit 160 Sitzen besonders eng bestuhlt sind und kleinere, bisher wenig bediente Städte in Asien anfliegen sollen, sei bereits gesichert, behauptet der Konzern. Lieber scheitern, als es gar nicht zu versuchen, sagt der Air-Asia-Lenker Dass Air Asia angeblich Staatshilfe brauche und sein Geschäft an die Konkurrenz abtreten müsse, sei „die lächerlichste Aussage, die ich in 25 Jahren gehört habe“, hat Fernandes kürzlich gewettert. „Wir brauchen keinerlei Rettung oder Finanzhilfen.“ Schließlich verfüge der Konzern über mehr als eine Milliarde Ringgit (217 Millionen Euro) an Liquidität. Vor allem sei anders als in der Pandemie die Nachfrage der Kunden nach Air-Asia-Flügen da. Derzeit sind 80 Prozent der Sitze verkauft. Dass die Analysten an der Aussage zweifeln, hat zum einen mit dem provokanten Führungsstil von Fernandes selbst zu tun, der seit jeher mindestens so breitbeinig auftritt wie Ryanair-Gründer Michael O’Leary, der einst tönte, er wolle die Fluggäste für das Benutzen der Bordtoilette bezahlen lassen, um zu demonstrieren, wie aggressiv er die Ticketpreise senkt. Misserfolge störten ihn nicht, hat Air-Asia-Gründer Fernandes mal gesagt. Für die Übernahme der Airline damals hatte er eine Hypothek auf sein Haus aufgenommen: „Ich scheitere lieber, als es gar nicht erst zu versuchen.“ Auch die Pandemie hat Air Asia überlebt, doch die Lage ist ernst Doch nicht nur für das kleine Malaysia, in dem Air Asia 60 Prozent der Inlandsflüge stellt, wäre ein Scheitern in der aktuellen Krise eine mittlere Katastrophe, sondern auch für Südostasien insgesamt. Mit seinen 240 Flugzeugen fliegt Air Asia in der Region 150 Ziele an, so viel wie keine andere Billigairline. Mit der fliegen nicht nur die indonesischen und philippinischen Haushaltshilfen aus dem reichen Singapur für einen Ticketpreis von oft nur umgerechnet 40 Euro zu ihren Familien nach Hause. Mit der Airline können auch die Angehörigen der thailändischen Mittelschicht nun Urlaub auf den ärmeren Philippinen machen, während indische Geschäftsleute wiederum günstig in die thailändischen Wirtschaftszentren abseits Bangkoks fliegen können. Dafür, dass die Air-Asia-Maschinen auch weiter über den Kontinent flögen, spreche, dass der Konzern auch die Pandemie überstanden habe, sagt der Singapurer Luftfahrtberater Linus Benjamin Bauer. Die Marke sei stark und verfüge weiter über eine robuste Nachfrage. Allerdings sei der Spielraum für Fehler gering. Schaffe es Air Asia nicht, den Kreditgebern einen glaubwürdigen Plan für die Rückkehr zu einem positiven Cashflow vorzulegen, werde es eng, prognostiziert der indonesische Luftfahrtanalyst Gerry Soejatman. Dann kann Air Asia seine Schulden nicht aus dem laufenden Geschäft bedienen und müsste immer neues Kapital aufnehmen. Das klingt nicht gut für Air Asia. Andererseits: Da ist ja noch die Unternehmenslegende mit ihrer Überzeugungskraft. Fernandes hatte im Oktober 2002 die Airline noch nicht mal ein Jahr geführt, da tötete eine islamistische Terrororganisation auf Bali 202 Menschen, darunter sechs Deutsche. Über Nacht brach der Tourismus ein, die Fluggesellschaften strichen ihre Flüge auf die Insel. Fernandes nicht. Stattdessen verschenkte Air Asia 5000 Gratistickets, die innerhalb einer Stunde vergriffen waren. „Ich kenne die Malaysier“, hat er später einmal gesagt. „Wenn man ihnen einen kostenlosen Sitzplatz anbietet, riskieren sie ihr Leben.“ Sie seien nach Bali geflogen, hätten eine tolle Zeit gehabt und das anschließend „einer halben Million Menschen erzählt“. Sein Erfolgsrezept sei, „niemals ein Nein als Antwort“ zu akzeptieren, so Fernandes: „Glaubt an das Unmögliche.“