FAZ 16.05.2026
18:48 Uhr

Abstieg des FC St. Pauli: „Wir haben so viel aufgebaut – und dann alles abgerissen“


Im Krimi um den Platz in der Relegation ist der FC St. Pauli chancenlos gegen Wolfsburg. Der VfL bekommt eine zweite Chance. Die Hamburger Fans feiern ihre Absteiger dennoch auf bemerkenswerte Art.

Abstieg des FC St. Pauli: „Wir haben so viel aufgebaut – und dann alles abgerissen“

Der Nachmittag am Millerntor begann mit Iggy Pops ekstatischem „Lust for Life“ und endete mit Mary Hopkins tragendem „Those Were the Days“ von 1969 – vielleicht auch eine Referenz der Stadionregie an den ESC am Abend. Jedenfalls waren das bis auf Weiteres die Tage des FC St. Pauli in der Bundesliga: Nach dem 1:3 der Paulianer am Samstag gegen den VfL Wolfsburg steht der Abstieg der „Paulianer“ fest; als Tabellenletzter geht es in die zweite Liga. Doch das Stadion feierte das Team. Obwohl es die vergangenen zehn Spiele nicht gewonnen hatte, strahlte der FC hier ein Signal des Zusammenhalts aus: „Wir hatten zwei sehr gute und nun ein sehr schlechtes Jahr“, sagte Abwehrchef Hauke Wahl so selbstkritisch wie später auch einige Kollegen, „wären wir keine Einheit mit den Fans, hätten wir das nicht erlebt.“ VfL Wolfsburg wartet auf Gegner in Relegation Zur Wahrheit in der Trauer über den Niedergang gehörte, dass Wahls Mannschaft gegen überzeugende Wolfsburger nahezu chancenlos war und verdient verlor. „Wir haben es nicht verdient, besser als Achtzehnter zu sein“, sagte Kapitän Jackson Irvine harsch, „zu vieles ist schlecht gelaufen. Wir haben zwei Jahre so viel aufgebaut und es dann auf allen Ebenen abgerissen.“ Der VfL um den starken und kühlen dänischen Spielmacher Christian Eriksen hat sich somit in die Relegation am Donnerstag und Montag gegen den Dritten der zweiten Liga gerettet – Hannover, Paderborn oder Elversberg. Welch kümmerlicher Ertrag für einen Klub mit einem Kaderwert von 300 Millionen Euro, einem Etat von 80 Millionen Euro, der zudem von der 50-plus-1-Regel befreit ist. Für diesen Rahmen konnte die tapferen Wolfsburger Profis am Samstagnachmittag gewiss nichts. Sie blieben stabil, auch als St. Pauli Mitte der zweiten Halbzeit ausglich, hatten den richtigen Matchplan und gewannen vollkommen verdient, hatten sie doch viele Chancen noch liegen gelassen. Kurz nach der Feier mit den ganz in Grün gekleideten Fans sagte Sportchef Pirmin Schwegler: „Wir waren im Kopf klar und haben es gut über die Bühne gebracht. Seit Dieter Hecking da ist, sind wir stabiler. Da wächst eine Mannschaft. Aber das war erst der erste Schritt. Wir wollen jetzt zwei weitere Schritte gehen, um diese schwache Saison zu einem guten Ende zu bringen.“ „Sie haben die Bundesliga zwei Jahre bereichert“ Mit Blick auf den unterlegenen und abgestiegenen Gegner sagte Schwegler mit Sinn für den Moment: „Hochachtung vor ihnen. Sie haben die Bundesliga zwei Jahre bereichert. Und wenn ich sehe, wie das Stadion sie hier feiert, hat das Vorbildfunktion.“ Da lief im Hintergrund „You'll Never Walk Alone.“ Seit dem 1:1 bei der TSG Hoffenheim am 14. März hatte Hecking das Sagen auf der Bank. Neun Punkte aus neun Partien waren keine überragende Bilanz, reichen im Schneckenrennen um den Klassenverbleib aber für das nervenaufreibende Nachsitzen. Deutlich zeigte unter ihm die Formkurve nach oben. In bewährter Manier räumte Hecking auch in der Mannschaft auf. Das reichte, um die Möglichkeit zur nächsten Bundesliga-Saison zu behalten. „Wir sind nicht hektisch geworden und hatten es am Ende verdient“, sagte Hecking zum Tagesertrag und lobte ebenfalls das Publikum für den fairen Saisonabschluss: „Das ist nicht selbstverständlich, wenn man gerade solch einen schwarzen Tag erlebt hat.“ Die Lage war klar – der Blick richtete sich von 15.30 Uhr an auch nach Heidenheim. Als sich herauskristallisierte, dass der FCH dort auf Mainzer Granit beißen würde, hatte das Millerntor das Endspiel um die Relegation endgültig. Koulierakis trifft zur Wolfsburger Führung Schnell entwickelte sich eine rasante Partie mit der dicken Chance für Joel Fujita (Latte) und derjenigen für Adam Daghim im Gegenzug, als Nikola Vasilj großartig hielt (23.). Eine nächste großartige Parade des Keepers folgte, wieder gegen Daghim. Wolfsburgs Vinicius Souza, gelb-rot-gefährdet, traf nur die Latte. Der VfL war voll da und war nach Eriksens nächstem guten Eckball im Vorteil, als Konstantinos Koulierakis ins Tor köpfte (38.). St. Pauli blieb mutig, verpasste aber dilettantisch den Ausgleich, als Andreas Hountondji drei Minuten vor der Pause freistehend vergab. Das war symptomatisch: Eine schwache Chancenverwertung zieht sich beim FC durch die ganze Saison – wie auch die zweite Halbzeit die ganze Saison spiegelte: Es fehlte nicht viel, aber es fehlte immer etwas. „Nur weil man es will, heißt es nicht, dass man es auch kann“, sagte TV-Experte Patrick Helmes bei Sky. Und traf damit den Nagel auf den Kopf. Denn als der eingetauschte Abdoulie Ceesay das Millerntor zum Toben brachte, weil er das 1:1 köpfte (57. Minute), nutzten die Hamburger das Momentum nicht: Es verstrich schnell, weil Vasilj sich den Ball nach einem Eckball ins eigene Netz boxte. Mit dem 2:1 für den VfL erlahmte St. Paulis Energie (64.). Jackson Irvin bleibt, Nikola Vasilj nicht Wolfsburgs Eriksen konnte sich einen verschossenen Elfmeter erlauben (77.); spätestens mit Dzenan Pejcinovics 3:1 drei Minuten später schaute St. Pauli in den Abgrund und Hecking Richtung Relegation: „Ich nehme das, was kommt“, sagte Hecking – reizvoll wäre natürlich das Duell mit seinem alten Klub Hannover 96. Beim FC St. Pauli sprach Präsident Oke Göttlich nach dem finalen 1:3 von einem „Sinnbild der Saison“: „Es ist uns nicht gelungen, die wirtschaftliche Lücke zu den anderen zuzulaufen. Aber wir gehen stabil in die zweite Liga. Wir haben einen Trainer mit bestehendem Vertrag und viele Spieler mit Verträgen.“ Dazu sagte Kapitän Jackson Irvine noch im Stadion, dass er seinen Vertrag bis einschließlich 30. Juni 2027 erfüllen werde, während Torwart Vasilj ankündigte, den Verein verlassen zu werden.